curiosa
  Startseite
  Archiv
  Spontan Italien
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Freunde
    zwarn
    sindianah
   
    sariafina

    - mehr Freunde


Links
   Fotos von unserer Lateinamerikareise
   Carea e.V. - Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas
   Frayba - Menschenrechtszentrum San Cristóbal


San Cristóbal Mexiko



https://myblog.de/curiosa

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
06.11.09 – Lagos de Montebellos

Ich schließe mich der spontanen Idee von einigen Leuten an, zu den Lagos de Montebello an der guatemaltekischen Grenze zu fahren. Mit dem Colectivo nach Comitán und einem weiteren Richtung Seen gelangen wir bis zum Eingang des Naturschutzgebiets. Hier lässt der Fahrer uns aussteigen, da er in eine andere Richtung weiterfährt. Ein Mann kommt aus einem Kassenhäuschen gestürzt, grüne Plastik-Armbänder in der Hand - „Ihr müsst hier 22 Pesos Eintritt zahlen!“
Unser Chofer hatte das zuvor verneint, was wir dem Mann auch weitergeben, der lässt aber nicht locker. Widerstrebend blättern wir also das gewünschte Geld hin. Ar. streckt ihm einen 200-Peso-Schein entgegen. Nach langem Hin und Her stellt sich heraus, dass der Mann kein Wechselgeld hat und er lässt Ar. schließlich umsonst weitergehen.
Kein Wunder, denn wir erfahren später, dass wir tatsächlich nicht hätten bezahlen müssen. Wir wollen nämlich in einen anderen Teil des Gebiets, wo wir nur an die entsprechende Gemeinde 10 Pesos abdrücken müssen, nicht aber an diese Regierungsstelle hier.
Mit einem weiteren Colectivo, das wir nach kurzem Laufen an der Asphaltstraße anhalten, kommen wir schließlich in Ciskao (?) an. An der Ecke steht ein heruntergekommenes, ärmliches Restaurant, das aber groß mit „vegetarian food“ wirbt. Wir schlendern in Richtung See und fragen schließlich an einer Tienda nach cabanas. Die Besitzerin zeigt uns ein kleines zweistöckiges Holzhäuschen, das uns auf Anhieb gefällt. Trotzdem wollen wir uns noch das zweite anschauen, das näher am See stehen soll.
Als wir uns über eine pfützenreiche Wiese nähern, trauen wir unseren Augen nicht. Direkt am See steht ein großes zweistöckiges Haus mit kleiner überdachter Veranda, dunkelblau angestrichen, ein großes Fenster mit gelben Rahmen lockt im zweiten Stock. Das soll unsere cabana für 50 Pesos pro Person sein?
…oder ist es doch eher die kleine graue Wellblechhütte nebenan?
Doch – oh Wunder – der Schlüssel passt ins Schloss der luxuriösen Unterkunft und wir sind kurz davor, Luftsprünge zu machen. Der Himmel ist zwar bewölkt, doch wir lassen uns unsere Urlaubsstimmung nicht nehmen. A. und B. jonglieren neben dem Haus auf der Wiese, P. geht mit Schwimmflossen und Taucherbrille ausgerüstet im See schwimmen, wir unterhalten uns und picknicken schließlich Brot mit Frijoles refritos aus der Dose, Avocado, Tomate und Zwiebel, alles aufgeschnitten in einer leeren Kuchenform postiert. Aus mp3-Player und kleinen Boxen schallt Reggae. Wir blicken über den See vor unserer Haustür. Abends schlendern wir zu einem kleinen Restaurant, die anderen essen nochmals (Rührei, Frijoles und leckere selbst gemachte Maistortillas), ich habe noch nicht wieder Hunger und trinke einen Kaffee. Anschließend machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich, trinken Bier, Aguardiente de cana (Zuckerrohrschnaps) und Tequila, und rauchen gemeinsam eine echt cubanische Zigarre, die A. dort von einem campesino erstanden hat, der sie selbst gedreht hat.

07.11.09
A. und B. liegen in der spärlichen Sonne und lesen. Schließlich bequemen wir uns zum schon erwähnten „vegetarischen“ Restaurant und bekommen nach endlos langer Wartezeit unser Essen – für mich Quesadillas de champinones y flor de calabaza sin queso mit arroz und frijoles (Tortillas mit Champignons und Kürbisblüte gefüllt und zusammengeklappt, mit Reis und Bohnen), außerdem frische limonada. Anschließend laufen wir zum Lago Internacional. An einem anderen See entlang, der sich weit zwischen Kiefernwald erstreckt, verschiedenste Blautöne gehen ineinander über, spazieren wir zu besagtem Lago, in dem die Grenze zu Guatemala verläuft. Ein Stahlseil mit roten Kugeln ist über den See gespannt und markiert die Grenze. Wie deutlich das die Willkür, die Oberflächlichkeit von Grenzen macht. Mitten durch die Landschaft gezogen soll plötzlich ein Stück Papier darüber entscheiden, ob man einen Schritt weiter gehen darf oder nicht.
Ein blaues Schild erklärt das Ende der Vereinigten Staaten von Mexico. Obwohl wir alle keinen Pass dabei haben, übertreten wir die Grenzlinie (ein Kontrollposten ist hier noch nirgends zu sehen). Stände mit Artesanía reihen sich aneinander, Taschen, Schals, Pullover mit dem Schriftzug „Guatemala“. Ein kleiner Junge schießt mit einer Steinschleuder in die Bäume. Wir umrunden den kleinen See, illegal und ohne Papiere in Guatemala, und reisen auf der anderen Seite wieder nach Mexiko ein. Über kleine Feldwege und durch tiefen Schlamm und Pfützen spazieren wir zu unserer Hütte zurück. A. sammelt Guayabas, die wir zusammen mit mitgebrachten Bananen zurück auf der Terrasse verzehren.
Schließlich brechen wir auf. A. und M. bleiben noch, wir anderen schleppen unsere Rucksäcke zurück zur Kreuzung, an der Colectivos vorbeifahren sollen. Zwei Militärfahrzeuge sind dort geparkt, Soldaten stehen auf beiden Seiten der Straße. Es regnet. Wir stellen uns in einem kleinen Restaurant unter. Im Fernsehen läuft Titanic, zwei Militärs gucken den Film – und stehen dabei stramm. Schließlich hält ein Colectivo und wir treten den Rückweg nach San Cristobal an.
Dort angekommen, sammeln wir Janosch in unserer Unterkunft ein, gehen gemeinsam essen und klappern dann die Bars ab, um Ar's Abschied zu feiern. Im Katrinas trinken wir ein Bier, dann wechseln wir in Las Velas, wo eine Live - Band Reggae und Ska spielt (u.a. Manu Chao - Cover) und wir anschließend Salsa und Cumbia tanzen. Letztendlich begeben wir uns ins Madre Tierra, wo eine Rockband spielt (die mit der Wrestlingmaske) und danach ebenfalls Salsa etc und schließlich Elektro aufgelegt wird. Während wir noch tanzen, geht die Sonne auf. Um 7 Uhr morgens spazieren wir durch San Cristobals leere Straßen zurück nach Hause…


Huitepec

Die nächste Gemeinde, in die das Menschenrechtszentrum Frayba uns schickt, heißt „Huitepec“ und liegt ganz in der Nähe von San Cristóbal auf einem Berg, dessen Spitze von Antennen geziert ist. Die Junta de buen gobierno (Rat der guten Regierung) teilt uns mit, dass sie uns nur eine Woche dorthin schicken möchte, da es sehr kalt und regnerisch sei.
„Aber wir sind schon darauf vorbereitet..“, wende ich ein, doch die Entscheidung ist gefallen.
Zurück in San Cristóbal, wo wir unser Gepäck gelassen haben und jetzt abholen, stoßen wir auf das nächste Problem. Der Taxifahrer lenkt in einen kleinen Feldweg, beim steilen Anstieg heult der Motor auf. Nach mehreren Anläufen erklärt der Fahrer, er komme hier nicht weiter. So versuchen wir es wohl oder übel mit Laufen. Mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken und Extra-Taschen mit Essen in den Händen, stapfen wir also den Weg entlang, Schritt um Schritt in die Höhe. Wenn wir irgendwo einen Menschen zwischen den Bäumen oder bei einem Haus entdecken, fragen wir nach – die Informationen sind allerdings vage und scheinen nicht immer überein zu stimmen. Wir lassen uns also nach hierhin und dorthin verweisen, schleppen uns steile Straßen hinauf, durch den Schatten der Bäume, aber auch über freie Stücke am Berghang entlang, die in der prallen Sonne liegen.
Aufgrund dem Umweg über das Caracol der Junta, sind wir erst am Nachmittag losgekommen und langsam beginnt der Himmel, sich zu verdunkeln und wir, zu verzweifeln. Wir fragen nochmals einen Mann, der uns die vernichtende Auskunft gibt: „Ohje, da seid ihr ganz auf der falschen Seite, dahin zu laufen schafft ihr nicht mehr, bevor es dunkel ist…“
Somit treffen wir, auf den Taxifahrer fluchend, die Entscheidung, wieder nach San Cristóbal zurückzukehren und Huitepec auf morgen zu verschieben.

12.11.09

Nachdem wir gestern frustriert aufgegeben haben, starten wir heute einen neuen Anlauf. Der Taxista scheint diesmal wenigstens etwas besser Bescheid zu wissen. Trotzdem steigen wir wieder viel zu früh aus. Beladen mit Gepäck stapfen wir die Straße entlang, den Berg hinauf Richtung Antennen. Zwischendurch zweifeln wir, ob wir nicht ein Schild übersehen haben. Ich frage eine Frau nach dem „Campamento Civil Por La Paz“ (ziviles Camp für den Frieden), sie weist weiter bergauf. Wir trotten also weiter durch sonnen beschienene Felder und Wald, machen schließlich eine Pause am Straßenrand. Ein Auto kommt aus einem Feldweg, der Fahrer fragt: „Wo wollt ihr hin?“
„Buscamos el campamento civil…“ (Wir suchen das zivile Camp)
Er erklärt, er sei von oben und bringe uns rauf; will nur noch die Autorisation der Junta sehen, dann wird das Gepäck eingeladen, wir quetschen uns neben ihn in die Fahrerkabine und er fährt uns zu dem kleinen Bretterverschlag aus Holz und Plastikfolie, dessen schiefe schmale Tür mit aufgemalten Sternen versehen ist. Innen ist sie mit Pappe ausgekleidet, auf denen ehemalige Campamentistas Grüße, Zeichnungen und Tipps gegen die Kälte hinterlassen haben – u.a. einen vermummten Flo mit dem Text „Las pulgas también estamos en resistencia“ – Wir Flöhe sind auch im Widerstand!
Es gibt mehrere Holzpritschen, eine große Gasflasche mit der vier Kochplatten beheizt werden können und eine Glühbirne, die karg von der Decke baumelt. Der Boden ist die pure Erde.
Ein Stück weiter oben ist eine kleine Lichtung, von der Sonne beschienen. Verschiedene Wiesenblumen wachsen und blühen hier. Der Wind peitscht die Wolken über den blauen Himmel.

Vom Responsable (Verantwortlichen – also für uns) erfahre ich, dass es hier 10 zapatistische Familien gibt und 55 Priista – Familien (Priistas werden alle genannt, die tendenziell Regierungs-freundlich sind). Konflikte gebe es derzeit nicht, tranquilo (ruhig). Er bittet uns allerdings, uns nur von unserem Campamento zu dem der Zapatistas im Turno, zu seinem Haus an der „Lichtung“ oder zur Tienda ein Stück bergab zu bewegen. Auch sollen wir uns nicht an den Straßenrand setzen. Andernfalls würden die Priistas sich gestört fühlen und die Zapatistas könnten Probleme bekommen.
Er fährt mit uns zum Campamento der Zapatistas. Als wir ankommen, ziehen alle ihre Pasamontanas oder ihr Halstuch übers Gesicht, aber als wir als „compas“ vorgestellt werden, entspannen sie sich wieder. In der Gruppe (ca. 20 Leute) befindet sich eine Minderheit von 6 Frauen, die kaum Spanisch zu sprechen scheinen.
Wir begleiten einige Männer zum Feuerholz holen, klettern und stolpern einen schlammigen Weg durch den Wald, einen Abhang hinunter. Urwald, Moos bewachsene Baumstämme, verwilderte Pflanzen…
Nur die Bäume, die bereits umgefallen sind, werden zu Feuerholz verarbeitet.
Unser responsable bedient eine Kettensäge, die röhrend aufheult – ein sehr martialisches Bild. Die somit entstandenen Baumstammfragmente werden mit 2 Äxten bearbeitet und schließlich einzeln oder in Stapeln mit Stirntragegurten den Hang hinauf geschleppt.

Wieder am Campamento unterhalte ich mich mit einem der Compas. Ich erfahre, das sie alle aus dem gleichen pueblo (Dorf) stammen, dass jeden Dienstag die Gruppe wechselt und jede Gruppe etwa zweimal im Jahr drankommt.
Die Leute werden von ihrem Pueblo für das cargo (Amt) gewählt; während sie hier sind, helfen sie zurückgebliebenen Familien ihnen mit ihren milpas (Feldern).
Auch er hofft, dass 2010 (wenn sich die Unabhängigkeit zum zweihundertsten, die mexikanische Revolution zum hundertsten Mal jährt) etwas passieren wird und glaubt, dass verschiedene Organisationen, Arbeiter_Innen und Zapatistas sich zu einer großen Bewegung zusammenschließen werden, denn – so gibt er zu – wenn sie so eine kleine Gruppe bleiben, haben sie keine Chance gegen die Regierung, die sich schließlich vorbereitet, Chiapas weiter militarisiert und Führungspersönlichkeiten der sozialen Bewegung einsperrt.
Die große Demo nach der Schließung des E-Werks in D.F. ist für ihn ein Zeichen, dass sie nicht allein sind – damals gingen 300.000 Menschen auf die Straße um gegen die Entlassung von 44.000 Arbeitnehmer_Innen, die Mitglieder bei der Gewerkschaft Sindicato Mexicano de Electricistas (SME) waren, zu protestieren.
Und Calderón hat wohl vor, ein weiteres großes Werk zu schließen, auch die Arbeiter_Innen, die damit arbeitslos werden, werden sich gegen die Regierung stellen, so mutmaßt der Zapatist.
Er fragt nach Konflikten und Protesten in Deutschland und erklärt, der Kampf dürfe nicht nur in Mexiko geführt werden, sondern auf der ganzen Welt müsse etwas passieren.

Wir sitzen am Feuer, mit den Frauen kann ich nur ab und zu verständige Blicke tauschen, wenn der Rauch, der wegen nassen Holzes üppig ist (Gedanke: Besteht ein sprachgeschichtlicher Zusammenhang zwischen húmedo (feucht) und humo (Rauch)?), uns ins Gesicht schlägt und in den Augen beißt.
Der Himmel zieht zu, die Wolken drücken tief, es wird kälter. Wir trinken noch Kaffee aus großen bunten Plastikschüsseln. Er tut gut, ist süß und wärmt von innen. Dann verabschieden wir uns – „hasta manana“. (Bis morgen!)
Wir machen uns ein eigenes Feuerchen vor unserem Campamento, trocknen das nasse Feuerholz auf einem Eisengitter über den Flammen. Nach und nach avanciert unser Feuer zum Treffpunkt. Immer mehr Zapatistas sammeln sich um uns und unterhalten sich über uns hinweg auf Tseltal, der am weitest verbreiteten indigenen Sprache in Chiapas.
Es wird früh dunkel. Auf unserem Gasherd kochen wir uns eine Kartoffel-Zucchini-Zwiebel-Pfanne zum Abendessen, packen uns warm ein in mehrere Klamottenschichten und klettern in unsere Hängematten.

14.11.09

Mir gefällt es hier. Die eisige Kälte, die nachts in meine Zehen kriecht, ist noch nicht ganz wieder gewichen, das Feuer will nicht recht angehen, meine Hände sind trocken, zerfurcht, rissig und verrußt, aber – mir gefällt es hier!
Ich mag es, wie die Sonne sich morgens Stück für Stück über den Hang schiebt, ich mag es, meine klammen Finger über glühenden Holzscheiten zu wärmen und ich mag die Geräusche der Vögel und Kinderrufe, die von irgendwoher durch die grauenhafte, schnulzige Radiomusik dringen, die 24h / 7T aus einem der Häuser erklingt und uns beschallt.
Ich mag es, wie gestern Abend, einen Topf mit Frijoles auf dem Feuer zu haben, Folienkartoffeln in der Glut und die Sterne zu zählen, die im finsteren Nachthimmel auftauchen oder in die züngelnden Flammen zu starren.
Ich mag es, mittags oberhalb unseres Campamentos in der prallen Sonne zu sitzen, zu lesen oder nur die Wärme auf und unter der Haut zu genießen.
Vor allem aber mag ich den engen Kontakt, den man hier zu den Compas gewinnt!

Um 9:00 begeben wir uns zu ihrer Hütte. Dann brechen wir zu einem ca. 4-stündigen (inklusive einiger Pausen) Marsch auf, der uns durch den Wald führt, bergab, bergauf über schlammige Wege, durch Äste und Gebüsch kämpfend, auf einen benachbarten Berg mit umwerfender Aussicht auf San Cristóbal, bis hoch zu den Antennen. Beim letzten Stück spüre ich jeden Atemzug und jeden Schritt.
Zwischendurch ziehen plötzlich alle Compas ihre Pasamontanas (Sturmmasken) übers Gesicht – ein Mann ist zu Sehen, der hier Land besitzt.
Die Reserva ecologica (Ökologisches Reservat) Huitepec wurde einstmals von den Zapatistas besetzt, jetzt achten sie darauf, dass die Natur unberührt bleibt.
Es kommt wohl öfter vor, das Leute ins Gebiet eindringen und Bäume fällen – wenn sie jemanden erwischen, nehmen sie ihn mit, damit die Junta in Oventik entscheiden kann, was mit ihm geschehen soll.

„Porqué las mujeres no vinieron con nosotros?“, frage ich einen, „Warum sind die Frauen nicht mit uns gekommen?“
Sie seien dageblieben, um die guardia (Wache) zu übernehmen, erklärt er.
„Aber an einem anderen Tag kommen sie mit uns?“, bohre ich weiter.
„Tal vez… a ver sie les da la gana…“ (Vielleicht, mal schauen, ob sie Lust haben)
Das klingt für mich eher nach „nunca“ (nie), als wir jedoch am Nachmittag nochmals die Compas besuchen gehen, wird den Frauen mein Vorschlag angetragen. Sie schauen herüber, kichern und – laut seiner Übersetzung – „akzeptieren“. Hm. Hoffentlich wird es ihnen jetzt nicht aufgezwungen…

Ich rede mit einem der Compas über deren Kaffee-Kooperativen, die mit „Café Libertad“ auch nach Deutschland exportieren. Über 600 Mitglieder hat wohl allein eine von drei existierenden.
Als wir gehen wollen – die Sonne geht langsam unter, es kühlt ab und wir wollen Feuer machen – bietet man uns noch einen Kaffee an. „Bueno, un cafecito…“, stimmen wir zu.
Und prompt werden die Frauen heran gerufen, sie sollen uns einen Kaffee servieren. Trotzdem merkt man hier einen Unterschied beispielsweise zur Situation der Frau in Acteal. Hier haben auch die Frauen Freizeit, auch die Männer kochen mal Kaffee und holen sich selbst ihre Tostadas (feuergetrocknete Tortillas) (die sie uns ebenfalls anbieten), auch die Frauen übernehmen offensichtlich cargos und schieben Wache. Das erscheint mir schon als großer Fortschritt und ich habe den Eindruck, dass es sich in der Praxis niederschlägt, dass die Zapatistas zumindest anerkennen und thematisieren: „Ja, die Situation der Frauen ist ein Problem“ und „Ja, wir wollen und müssen daran arbeiten!“

17.11.09

Morgen fahren wir schon wieder zurück nach San Cristóbal… die Zeit geht schnell vorbei hier, mit lesen, Feuer machen, Tseltal – lernen mit den Compas (in einem großen Kreis stehen sie um mich herum, ich werfe ein neues Wort in den Raum, vielstimmig kommt die Übersetzung in Tseltal, manchmal gibt es kurze Diskussion oder Rückfragen wie bei „Adios“ – „Adios, sobrino o adios, hermano o…?“ (Tschüss, Neffe oder Tschüss, Bruder oder…)– und dann erklären sie mir, ihre Sprache sei einfach zu lernen) oder ich soll ihnen deutsche Worte in ein kleines Büchlein notieren – „Frijoles“(Bohnen), „manzana“(Apfel), aber auch „Te voy a pegar“ (Ich werde dich schlagen), „me amenaza de muerte“ (Er bedroht mich mit dem Tod), „estoy perseguido“ (Ich werde verfolgt) und „me quieren matar“ (Sie wollen mich töten). Manchmal bricht es hervor, dass die Situation nicht so friedlich ist, wie sie bei Murmelspiel im Sonnenschein oft erscheint…
So auch gestern, als wir um 9:00 Uhr antraben für die caminada (Spaziergang) und uns die Compas in der Guardia von den neuesten noticias berichten: Im Municipio Chenaló (wo u.a. Polhó und Acteal liegen) sind 130 camiones del ejercito (Armeelaster) ausgeschwärmt, um nach „Drogen und Waffen“ zu suchen. Die übliche offizielle Erklärung bei Offensiven gegen die Pueblos en resistencia (Dörfer im Widerstand).
Die Situation ist angespannt, das Radio läuft, genauere Informationen haben wir nicht, auch keine Nachrichten aus den zapatistischen Gemeinden.
Das Problem ist, erklärt mir ein Compa, dass die bases de apoyo (zivile Unterstützungsbasen der EZLN) den Strom nicht bezahlen (logisch – kein Geld für die Regierung). Das nutzt das mal gobierno (die schlechte Regierung) aus und verlangt Unterschriften von den autoridades aller municipios, ungehindert in jede comunidad eindringen zu dürfen, um sie „vom Strom abzuschneiden oder Entwaffnungen durchzuführen“.
„Die Regierung bereitet sich auf 2010 vor“, sage ich und der Compa nickt „Así es“. (So ist es)
„Ojala, que todo salga bien“, füge ich hinzu. (Hoffentlich geht alles gut aus)
„Ja, wir können auch nur abwarten, was passiert. Wir wissen auch nichts…“
Ob in dieser schwierigen Situation nicht viele aufgeben und die Zapatistas verlassen, will ich wissen.
„Pocos… algunos sí, pero la mayoria si queda con animo, queda en resistencia.“
(Wenige… manche schon, aber die Mehrzahl behält den Mut und bleibt im Widerstand)

Abends zeigen sie mir ein fleckiges Liederbuch der Diozöse von San Cristóbal. Die Lieder beziehen sich fast alle auf den Freiheitskampf, besingen, dass Einheit Stärke bedeutet, den Kampf der Armen zur Gerechtigkeit, verkünden, man müsse sich organisieren und erklären „la iglesia es tu companera“ (Die Kirche ist deine Genossin).
Auf die vorherige Frage, ob wir religiös seien, antwortete ich ausweichend „no tanto“ (nicht so sehr).
Nach dem Durchblättern des Liederbuchs erkläre ich, dass die Religion in Deutschland ganz anders sei, Freiheitskämpfe im Diesseits nicht befürworte, sondern im Gegenteil propagiere, man müsse aushalten und leiden und im Himmel würde dann schon alles gut…und das mir das überhaupt nicht gefalle. Ein Compa übersetzt den anderen in Tseltal. Sie nicken.
Und es stimmt schon. Auch die Befreiungstheologie ist zwar „Opium fürs Volk“, auch sie behält Hierarchien bei, klammert die Befreiung der Frau fast vollständig aus, aber sie lässt sich doch bei weitem besser akzeptieren, als was sonst so an Religion kreucht und fleucht.

Sie bewirten uns (die Frauen…) mit einer süßen Kürbissuppe, anschließend bedanken wir uns – „kolaval“ – und verabschieden uns bis morgen – „pajel tome“. Die wenigen Worte Tseltal, die ich schon gelernt habe zaubern ihnen ein Lächeln ins Gesicht.

Vorm Campamento entzünden wir ein Feuer, lesen, gehen früh ins Bett. Wir sind cansados (müde nach Anstrengung) von dem kurzen, aber heftigen Lauf, den wir vormittags doch noch hinter uns brachten. In zügigen Schritten den Berg hinab zur Wasserstelle, dort waschen sich die Compas (auch 3 Frauen sind diesmal dabei), dann geht es fast ebenso zügig, ohne Pause, geradewegs steil den Berg wieder hinauf. Wir haben nicht mal gefrühstückt, meine Nase brennt vom raschen Atmen, das Blut pocht in meinem Kopf, meine Beine scheinen jeden Moment zu versagen, ich habe Angst, in Ohnmacht zu fallen…
…und endlich, endlich erreichen wir den sonnigen Platz auf dem Gipfel, wo das Feuerholz der Compas zu hohen Türmen gestapelt ist.
Zivilisation degeneriert!

Heute wechselt der Turno. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um jeder_m unserer Compas kurz die Hand zu schütteln, dann sind sie auch schon abgefahren und „die Neuen“ stehen noch etwas verloren am Straßenrand, rund 25 Leute, davon 3 Frauen.

Gegen 10:00 Uhr stapfe ich wieder zum Campamento der Zapatistas, meine Begrüßungsfloskeln werden karg erwidert, es scheint als könnten nur wenige Spanisch. Wenig später ziehen wir wieder los durch den Wald, geführt von zwei Compas hier vor Ort, einer von ihnen trägt ein Radio mit sich, das während der caminada und besonders in den Pausen fröhlich vor sich hindudelt. Es ist ein zapatistischer Sende, Radio Rebelde oder Radio Resistencia, der die gleiche grausige Musik spielt wie alle anderen Sender, wo allerdings statt „Viva Mexico“, „Viva los zapatistas“ erklingt und der Text lautet „La lucha de mi pueblo nunca esta perdida, la paciencia de mi pueblo nunca se acaba – pero se acaba el mal gobierno, y los mas poderosos se acaban y los que nos roban tambien se acaban..“
(Der Kampf meines Volkes ist nie verloren, die Geduld meines Volkes geht nie zu Ende – aber die schlechte Regierung geht zu Ende und die Mächtigsten gehen zu Ende und die die uns bestehlen, gehen auch zu Ende)

Wir laufen Wege, die ich bisher noch nicht kenne. An einer kleinen Lichtung machen wir Pause. Ein kleiner Hund begleitet uns, der Compa nennt ihn scherzhaft „Tigre de las montanas“ (Tiger der Berge). Die Sonne strahlt durch das Blätterdach und malt Schattenmuster auf die Erde.
Wir kommen an einer Quelle vorbei, über der zum Dank ein kleines Gotteshaus errichtet wurde. Eine der Leitungen führt von hier zu einer Coca Cola – Fabrik, informiert man mich.
Wir begeben uns bis zum untersten Ende der Reserva, kommen an von Priistas abgeholzten Bäumen vorbei. Am untersten Punkt stehend, weist der Compa in die Ferne, auf den Gipfel eines Berges – „dort ist das Campamento, das laufen wir jetzt alles wieder hoch“, meint er mit einem breiten Lächeln.
Und das machen wir. Über rutschiges Laub und knochentrockenen Erdboden schlängeln wir uns durch das Waldgebiet, bis wir die Spitze erreichen…

Ein camioneta fährt die Straße entlang, „Naranjas, 10 pesos“ dröhnt es scheppernd aus einem Lautsprecher. Voll Lust auf frisches Obst halten wir ihn an, erstehen für 32 Pesos eine Tüte voller Bananen, 12 Mandarinen 1 Tüte voll kleiner Avocados…
„Wollt ihr nicht vielleicht noch eine Orange?“, fragt der Fahrer, „mein Wechselgeld reicht sonst nicht…“

18.11.09

Nach einem letzten Frühstück am Feuer, Packen und kurzem Abschied, schnallen wir uns die Rucksäcke auf den Rücken und treten den Abstieg an. Bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel wandern wir durch die milpas bis wir schließlich am Fuß des Berges und an der Straße Richtung San Cristóbal ankommen.
In Oventik teilt uns die Junta mit, dass die Militärfahrzeuge wohl in keine comunidad eingedrungen sind. Wir sind erleichtert. Trotzdem zeigt es erneut die ständige Militärpräsenz in Chiapas, die momentan weiter ausgebaut wird.
Außerdem dankt man uns herzlich für unsere Arbeit als Menschenrechtsbeobachter_Innen und für die Anstrengungen, die wir dafür auf uns nehmen.
„Kein Problem. Wir freuen uns, wenn wir euch auf diese Weise unterstützen können…“
26.11.09 00:48
 


bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


/ Website (18.12.10 15:17)

Hi, Very Impressive. Please see my blogs for more interestings

tiffany heart tag,gucci messenger bag,prada milano,necklace chanel,logo louis vuitton


/ Website (18.12.10 15:18)

Imcredible. I think we should talk about this more.

women rolex,santos cartier,fendi b,knock off louis vuitton,chanel classic bag


/ Website (18.12.10 15:18)

fabulous! I have some stories as well, welcome to visit!


/ Website (18.12.10 15:18)

fabulous! I have some stories as well, welcome to visit!

hermes replica,ladies gucci watches,omega de ville,bag dolce gabbana,logo chanel


/ Website (18.12.10 15:18)

fabulous! I have some stories as well, welcome to visit!

replica balenciaga,gucci tote,rolex watches for sale,omega planet ocean,watches gucci


/ Website (18.12.10 15:18)

Welcome to see my blogs, there are lots of stories about luxuries.


/ Website (18.12.10 15:18)

Welcome to see my blogs, there are lots of stories about luxuries.

black gucci watch,Tiffany Bracelets,chanel knockoff,white chanel watch,pasha cartier

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung