curiosa
  Startseite
  Archiv
  Spontan Italien
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Freunde
    zwarn
    sindianah
   
    sariafina

    - mehr Freunde


Links
   Fotos von unserer Lateinamerikareise
   Carea e.V. - Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas
   Frayba - Menschenrechtszentrum San Cristóbal


San Cristóbal Mexiko



https://myblog.de/curiosa

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
15.10. - 04.11.09 - Zweite Woche San Cris und Acteal

15.10.09 – 21.10.09 Zweite Woche in San Cristóbal

Bar Revolucion: Live – Musik, eine Rockband, deren Frontman eine Wrestling - Maske trägt

Auf dem Markt: lebende Hühner und Truthähne, aneinander gequetscht, schmutzig, zerzaust. Einmal gekauft, werden sie an den Krallen getragen, Kopf und Flügel hängen herab.

„Waltz with Bashir“ im Kino „Kinoki“, eine animierte Dokumentation über das Massaker in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon, begangen von christlichen Milizen (Falangisten). Der Film lässt uns sprachlos zurück.

Bagel-Bar mit eigenem kleinem Kinosaal, wir schlemmen Erdnussbutter-Marmeladen-Bagel und gucken einen Film

Reden und diskutieren bis tief in die Nacht mit einem Mitglied der spanischen CNT (anarchosyndikalistische Gewerkschaft)

Veranstaltung über transgene Lebensmittel und Monsanto mit Musik, Info-Stellwänden und natürlichen Maisprodukten zum Verkauf, mit Teilnahme der Organisation „Abejas“

Spaziergang zur Kirche Guadelupe, Blick über die ganze Stadt, im Tal zwischen den Gebirgsketten

Bar Katrinas, voll gestopft mit Figuren der Katrina (einer weiblichen Skelettfigur), der Barmann freut sich wie ein Kind über meine paar Worte Tzeltal, die ich zum besten gebe


Acteal

21.10.09

Acteal – erstes Bild: Eine hohe Säule leidender, sich windender, schreiender Menschen, die sich in den Himmel schraubt. Denkmal für die Opfer des Massakers am 22. Dezember 1997, als Paramilitärs hier 45 Menschen umbrachten: 15 Kinder (darunter zwei unter einem Jahr alt), 21 Frauen (vier von ihnen schwanger), sowie 9 Männer.
Acteal ist eine Gemeinde der Organisation "Abejas“ (= Bienen), eine religiöse, strikt pazifistische Gruppierung, die sich im Widerstand befindet und ähnliche Forderungen wie die Zapatistas formuliert.
Die Gemeinde besteht aus wenigen Häusern, einer Kirche und einem kleinen Amphitheater. Gemalte Bienen an den Wänden. Leinen mit buntem Plastikschmuck sind zwischen den Häusern gespannt, symmetrische Formen und „Viva Acteal“ sind in die farbigen Plastikrechtecke geschnitten und werfen flatternde Schatten auf den erdigen Boden.
Wir sitzen lesend in der Sonne. In einem Gebäude (wie wir später erfahren, handelt es sich um die alte Kirche, in der das Massaker stattfand) probt der Chor der Abejas für den morgigen Auftritt. „Paz“ ist ein Stichwort, das in den Gesängen immer wieder fällt, aber auch die Rechte der Frauen werden neben den Lobpreisungen des Herrn in den Liedern besungen. Der Wind trägt die Melodien durch das Dorf.
Die Frauen tragen schwarze lange Röcke und lila Blusen, die mit schwarzen Mustern bestickt sind. Die schwarzen Haare glänzen in der Sonne, fallen glatt über die Schultern oder sind zu zwei langen Zöpfen geflochten.
Wir essen gemeinsam mit der „Mesa Directiva“, der gewählten Leitung der Abejas, in einer dunklen Holzhütte mit lehmigem Boden. Ein langer Tisch und zwei ebenso lange Holzbänke stehen in der vorderen Hälfte des Raumes. Ein Feuer brennt, auf dem ein großer Blechtopf steht. Frijoles und Tortillas werden aufgetischt, dazu Radieschen und bröckeliger weißer Käse am Mittag; Tomaten – Zwiebel – Salat am Abend. Zu Trinken gibt es süßen, wässrigen Kaffee oder ein dickflüssiges Getränk, dass aus Maisteig, Wasser und Zucker besteht.
Kleine Kinder mit großen dunklen Augen, denselben traditionellen Kleidungsstücken und schmutzigen Gesichtern stolpern über den Boden oder werden von ihren Müttern oder nur wenig älteren Geschwistern in Stoffbahnen auf dem Rücken getragen.

Große hellgrüne Insekten, die aussehen wie schmale Blätter, werden von kleinen Jungs mit Dreck und Steinen beworfen.
Fledermäuse flattern durch den Lichtkegel einer Laterne. Magere Hunde schleichen geduckt umher und weichen gelegentlichen Tritten aus.


22.10.09 Monatliche Zeremonie zur Erinnerung an die Opfer des Massakers

Die Mesa Directiva trägt schwarze Fellüberwürfe und Hüte, von denen bunte Streifen herabhängen. Eine Gruppe von Musikern spielt auf groben hölzernen Instrumenten: Harfe, Trommel, Gitarre und eine Geige mit nur zwei Seiten. Eine alte Frau mit grauen Strähnen in den geflochtenen Zöpfen trägt eine Tonschale vor sich her, aus dem Weihrauch in großen Wolken gen Himmel zieht. Mehrere Frauen, ein weißes Tuch mit dunklen Blumenmustern über den Kopf gezogen, reihen sich hintan. Der Zug dreht einige Runden über den Dorfplatz.
Viele Presseleute sind gekommen und knipsen aus allen erdenklichen Winkeln das Geschehen.
Anschließend formieren sich alle im Amphitheater. Einer der Responsables (Verantwortlichen) heißt die Gäste Willkommen und hält eine Rede, in der er erklärt, es sei Strategie der Regierung, sie durch Manipulation der Medien zu kriminalisieren, in denen behauptet wird, sie hätten Waffen etc.
Das Massaker sei von der Regierung geplant und durchgeführt worden, da es mit Verleumdung in der Presse und Repression einhergeht und die nur 200 m entfernte Militärstation nicht eingeschritten sei.
Er berichtet von der Entlassung der Arbeiter_Innen des Elektrizitätswerks in DF, bedauert, dass die Abejas nicht an der großen Demonstration teilnehmen konnten und bekundet Solidarität mit den betroffenen Arbeiter_Innen und der Gewerkschaft.
Immer wieder betont er den pazifistischen Charakter des Widerstands der Abejas und erklärt sie wollten weder Gewalt noch den Tod der Paramilitärs, weil sie nicht die gleichen Mittel der Regierung nutzen wollen, sondern einen friedlichen Weg zur Gerechtigkeit suchen.
Am Schluss fordert er Bestrafung der Paramilitärs und die Freilassung aller politischen Gefangenen.
Anschließend hält ein Repräsentant von Frayba eine Rede, die vom Freispruch von 20 Personen handelt, die am Massaker beteiligt waren. Damit entziehe sich der Gerichtshof selbst jeglicher Legitimation.

„Die Regierung klassifiziert uns als gewalttätig, als subversiv. Sie sagen, wir provozieren die Revolution. Doch wer die Revolution provoziert, ist die schlechte Regierung!“ – ein indigener Priester während der Zeremonie zum Gedenken an das Massaker. Auch betitelt er die Kirche als „Anwalt der Unterdrückten“ und verweist auf lateinamerikanische Bischöfe, die geprägt durch die Befreiungstheologie sagten, die Kirche müsse den Kampf der indigenen Bevölkerung für ihre Rechte unterstützen und ihre Stimme erheben, könne nicht tatenlos zusehen. Diese Aussagen müssten durch Taten unterstrichen werden, meint der Priester und vergleicht den jetzigen Kampf der Abejas mit Jesus, der sich der religiösen und politischen Macht widersetzt hatte, um „Samen der Hoffnung in die Herzen der Unterdrückten zu sähen, den Armen geholfen und Ungerechtigkeit angeprangert“ habe. Er wurde vom System Herodes und Pontius Pilatus gekreuzigt, heute seien die Indígenas die, die vom gleichen System gekreuzigt würden.
Sie seien die, die die Wahrheit innehätten, denn sie seien die Überlebenden – nicht die Gerichte, die aus der Ferne auf der Grundlage von Lügen urteilen.

Es folgt eine katholische Messe, die allerdings eindeutig von indigenen Bräuchen beeinflusst ist. Der Chor singt zwischendurch, eine kleine Band mit Keyboard und Schlagzeug ebenfalls. Am Schluss stehen alle auf und tanzen mit kleinen, unscheinbaren Schritten auf der Stelle.

Die Zeremonie wird beendet, indem alle ein Stockwerk tiefer gehen. Hier liegen die Leichen der Opfer begraben. Ein Gebet, von vielen Stimmen durcheinander gemurmelt, füllt den Raum. Fotos hängen an den Wänden, Kerzen brennen.



Wir sitzen an einem alten Holztisch mit Brandflecken, Kugelschreiberkritzeleien und Abdrücken von Kaffeetassen. Wenn die Sonne zu sehr brennt, schieben wir ihn in den Schatten. Und wir spielen Domino. Immer und immer wieder. Mit X., der eine sichtbare Delle am Kopf hat, Verbrennungen am Arm, der langsam wirkt – und der selbst erfundene Witze erzählt und Zaubertricks zeigt.

Manchmal kommen Menschen den Hang hinauf, tragen Feuerholz oder die großen Blätter der Bananenpalmen auf dem Rücken, ein Tragegurt führt über die Stirn. Der Schweiß läuft ihnen übers Gesicht. Sie schielen unter dem Tragegurt hervor. Freundlich lächelnd grüßen sie uns.

Hühner laufen übers Gelände, winzige Küken mit verschieden gemustertem Gefieder stolpern fiepend hinterher.

Die Tortillas schmecken wunderbar. Sie sind per Hand aus frischem Mais gemacht – das merkt man! Kein Vergleich zu den fast industriell mit Maseca (Monsanto!) gefertigten Tortillas, die man in der Tortillerías erstehen kann.

An der Straße fahren große Militärlaster vorbei, Uniformierte stehen auf der Ladefläche, Hände am Maschinengewehr. In der Nähe ist eine Militärbasis, direkt neben der zapatistischen Gemeinde Polhó – welch Überraschung!


„Während wir Domino spielen, erzähle ich euch ein bisschen vom Massaker“, sagt X. einmal beiläufig, „es sind neun meiner Familienmitglieder gestorben: 4 Geschwister (Schwestern), meine Eltern, mein Onkel, meine Großeltern“, zählt er an den Fingern ab. „Wer ist dran?“, fragt er dann und legt einen Dominostein an die Reihe.
Später erfahren wir, dass er alles mit ansehen musste. Er war damals zwölf und befand sich auf dem Dorfplatz. In der alten Kirche, ein dunkler Bretterverschlag, vor dem jetzt ein großes blaues Kreuz steht, fingen die Paramilitärs mit ihrem Massaker an. Als sie dort fertig waren, gingen sie auf den Dorfplatz und machten dort weiter.

Heute Morgen erzählt er, er sei ein wenig traurig aufgewacht. Er hat von seinem Vater geträumt, von Feldarbeit mit ihm. Alleine habe er es nicht geschafft, sein Vater half ihm.
„Piensas q el sueno te quiere decir algo?“, frage ich ihn, „Glaubst du, der Traum will dir etwas sagen?“
„Ja“, meint er. Sein Vater sei nun im Himmel bei Jesus und zeige ihm, welcher der gute, richtige Weg sei.

Wir spazieren die Straße entlang. Der Blick ist umwerfend. Weite Sicht auf Berge und Täler. Schäfchenwolkenteppich. Am Straßenrand stehen kleine Steinhäuser mit Wellblechdächern. Davor liegen Kaffeebohnen zum Trocknen aus, noch sind sie hell, wie eine Decke aus beigen Perlen bedecken die Bohnen den Boden.
Scheue Hunde, die zusammenzucken, wenn man sich ihnen nähert. An Wäscheleinen hängen die bunten Trachten der Frauen.
Pickups, Taxis und kleine Trucks mit Cola – Werbung ruckeln die Straße entlang, jedes Auto hupt. Wir fallen auf hier. Unsere weiße Haut fällt auf.
Manchmal ist ein Stück Straße weg gebrochen. Die Erosion zeigt Spuren. Teerbrocken liegen am Hang, ein Stück Mittelstreifen ist noch zu erkennen.
Der Wind trägt den süßlichen Gestank des Verrottens zu uns. Nach der nächsten Kurve zeigt sich der Ursprung. Ein Schwall bunten Mülls ergießt sich von der Straße über den Hang. Ein paar Männer schichten den Müll um, mit Spitzhacken und Spaten. Manche tragen einen Mundschutz. Sie stehen inmitten der Plastikflaschen, der Blechdosen, der Tüten und Tetrapacks, Dosen mit „Salsa Mexicana“ und Kunststoffbeutel, der Boden dampft und sie grüßen „Buenos dias“.



26.10.09

Als wir die Straße entlang laufen, kommt uns ein Militärfahrzeug entgegen. Das Maschinengewehr ist auf uns gerichtet, der Soldat an der Waffe trägt Uniform, eine Sturmmaske und eine verspiegelte Sonnenbrille. Auch die Soldaten, die hinter ihm auf der zweireihigen Bank auf der Ladefläche sitzen, tragen Sturmmasken. Ihre Gesichtszüge sind nicht auszumachen unter dem schwarzen Stoff. Die Augen erkennen wir, die Blicke liegen auf uns, folgen uns die Straße entlang.

Ein alter Mann lungert vor dem Büro der Mesa Directiva herum. Fragt, ob wir wissen, wann sie wiederkämen. Wissen wir nicht. Wahrscheinlich heute Abend.
Der Mann geht gebückt, die Zähne in seinem Mund stehen schief, eine Lücke klafft vorne. Das graue Haar ist spärlich. Auf dem Rücken trägt er ein ärmliches Bündel.
Ob wir ihm 20 Pesos leihen können, fragt er. Er wolle sich Tortillas kaufen, an der Straße. Er habe keine Frau mehr. „Gibt es noch welche?“, fragt er und meint die Frauen, antwortet sich selbst, er wisse es nicht. Oder leihen, vielleicht. Am Freitag bekämen wir sie wieder. Er wolle sich Tortillas kaufen.
Wir schütteln den Kopf „Tut uns Leid, wir können nicht“, sagen wir. Das Problem wäre dadurch nicht gelöst, wir würden nur Abhängigkeit schaffen – das sagen wir nicht.
„Dann bis morgen“, nickt er traurig und steigt langsam, bedächtig die Steinstufen zur Straße hinauf.

Ein Mann steigt den kleinen Trampelpfad hinauf und taucht zwischen den Büschen auf. Lichtes graues Haar bedeckt seinen Kopf, seine Haut ist sonnengegerbt und von Falten zerfurcht. Unter dem traditionellen weißen Gewand, das in einem Rock bis knapp über die Knie fällt, trägt er ein blau – kariertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Auf seinem Rücken liegt seine Machete auf, in einer hellbraunen Lederscheide und mit roten Plastikgriffen. Mit bloßen Füßen folgt er dem lehmigen Weg. Das Gehen fällt ihm schwer, er behilft sich mit zwei langen graden Ästen, mit denen er sich abstützt. Er blinzelt unter seinen weißen Augenbrauen hervor und grüßt uns lächelnd mit brüchiger Stimme. Kurz ruht er sich aus, auf einem der abgenutzten Plastikstühle, bevor er seinen mühsamen Weg fortsetzt. Er kommt von einem der Felder am Hang. Am Arm trägt er eine schmale Digitaluhr.

27.10.09

„Wir spazieren jetzt alle über die Fläche und wenn ich klatsche, ist es plötzlich ganz unvorstellbar kalt und wir frieren sehr“ – erklärt Roberto von den „Zapayasos“ die nächste Aufgabe. Die Zapayasos (von Zapatistas und Payasos) sind ein Kollektiv aus San Cristóbal, das Theater-Workshops in politisch organisierten indigenen Gemeinden durchführt. Heute sind sie auf Einladung der Mesa Directiva hier in Acteal und arbeiten mit der Abeja – Jugendgruppe „No Violencia“ (Keine Gewalt), die sich näher mit Theorie und Praxis des pazifistischen Widerstands der Abejas befasst.
Und so spaziere ich hier über den Betonboden des Amphitheaters, an den verschieden großen blauen Kreuzen vorbei, lausche aus Theater – Erfahrung wohlbekannten Aufgabenstellungen - und zittere und friere plötzlich im warmen Acteal.

Wir malen die Umrisse unserer Hand auf ein Blatt Papier, in jedem Finger beantworten wir eine Frage – nach dem Grund unserer Anwesenheit, unseren Zielen und unseren Sorgen.
Preocupaciones: Familia (salud de la mama, hijos en la escuela), situacion en todo el mundo. Cada vez mas violencia, situacion en Chiapas. Represion, militarización,…
(Sorgen: Familie (Gesundheit der Mutter, Kinder in der Schule); Situation auf der ganzen Welt: Immer mehr Gewalt; Situation in Chiapas: Repression, Militarisierung,…)
Es fällt auf, dass die Sorgen und Ängste sehr ähnlich sind, über Kulturunterschiede hinweg…

In einer Pause sitzen wir auf den Stufen des Amphitheaters, essen Mandarinen und Birnenhälften und wir fragen eine Frau über die Organisation der Abejas aus. Sie selbst stammt aus DF, hat studiert, sich dann aber in einer Comunidad (Gemeinde) verliebt und lebt jetzt seit drei Jahren als Tsotsil und Abeja. Sie hat einen kleinen Sohn von fast einem Jahr. Auch sie musste Kultur der Tsotsiles und die Struktur der Abejas verstehen lernen.
Einmal im Jahr finden Wahlen für die Mesa Directiva und sonstige Posten statt. Delegationen aus allen Abeja – Gemeinden reisen an (freiwillig, aber meist reisen sehr viele an), schlagen Kandidaten (-Innen nur theoretisch) vor und wählen dann. Diese werden dann gefragt, ob sie das Amt annehmen – akzeptieren aber nie sofort. Erst nach einer rituellen Phase des Überredens durch die Mesa Directiva und die eigene Gemeinde stimmen sie zu.
Sie erzählt, dass ihr Mann J. als Juez (Richter) nominiert wurde und die Mesa sie in ihrem Haus besuchte, um es ihm mitzuteilen. Sie brachten eine Kiste voller refrescos (Cola, Fanta, etc) mit. J. sträubte sich, er habe noch andere cargos (Aufgaben, Pflichten)… Sie gingen, versprachen aber wiederzukommen. J. erklärte seiner Frau, dass die refrescos erst getrunken würden, wenn sie wiederkämen.
Schließlich standen sie erneut vor der Tür, war J. nicht zu Hause. Sie fragten nach den envases (leeren Flaschen). Die refrescos waren allerdings unberührt, aber sie kam auf die Idee, ihnen stattdessen die leeren Flaschen mitzugeben, die sie von ihrem eigenen Gebrauch zu Hause hatten.
Als J. zurückkehrte und seine Frau ihm von der Begebenheit erzählte, war er bestürzt Mit der Rückgabe der envases war das Amt angenommen…

X.: „Mir gefällt der Workshop sehr, denn er lenkt mich kurz ab von meiner Trauer. Ich bin immer sehr traurig. Das Massaker ist jetzt 12 Jahre her.“

27.10.

In der alten Kirche sammeln sich Frauen. Ein taller (Workshop) für diejenigen, die atesanías verkaufen. Kleine Kinder krabbeln davor auf sonnenverbranntem Gras. Größere Kinder toben herum, ärgern sich, lachen. Klamotten und Gesichter sind dreckverschmiert, bei manchen zeichnet sich ein Blähbauch ab. Die Frauen tragen Babies in großen Stofftüchern auf ihrem Rücken, manchmal guckt ein Arm, ein Bein, ein Kopf heraus.
Die Frauen tragen immer Kinder im Schlepptau. Beim Kochen, beim Spülen, beim Haare waschen – und eben in Workshops.

28.10.

Beim Essen lernen wir die Gesundheitsbeauftragten kennen. Ein adrett gekleideter Mann mit Hemd und gepflegten Haaren spricht von seiner Arbeit, weist aber schließlich darauf hin, dass er noch am Lernen ist und nicht so viel weiß. „Er ist der Chef“, sagt er und weist auf einen kleinen Mann in traditioneller Kleidung, die Knie lugen knochig unter dem weißen Röckchen hervor. Gebeugt sitzt er über seinem Teller Frijoles und tunkt eine Tortilla hinein. Sein Gesicht ist faltig und freundlich. Wenn er Tsotsil spricht, scheint er zu Singen. „Er ist der Chef“ – Schönes Bild!

Am Nachmittag öffnet „der Chef“ eine kleine „Apotheke“, einen Raum in dem Bau, indem auch wir und das Büro untergebracht sind. Im Regal liegen kleine Plastiktüten mit verschiedensten getrockneten Blättern, Wurzeln und Samen. Begeistert erklärt er mir langsam in einfachem Spanisch, wie sie heißen, wofür oder wogegen sie helfen und wie man sie zubereitet. Sein Wissen hat er aus einem Buch, das er mir stolz präsentiert und von Kursen, die er besucht hat. Die Tütchen kosten 5 Pesos pro Stück, bei weitem weniger als konventionelle Medikamente, die für die Menschen hier fast unbezahlbar sind. Es ist ein wichtiges Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen, das hier versucht wird, wieder aufzuarbeiten. Ich bitte um ein Mittel gegen Bluthochdruck für Janosch. Er füllt mir eine Tüte mit kleinen hellbraunen Samen ab. Sie sind zu zerstampfen, dann drei Löffel in 1 Liter Wasser zu Tee aufzukochen.
„Wie viel schulde ich Ihnen“, frage ich und krame in meiner Hosentasche nach Geld. Der Mann lächelt „Nada“.
Ich widerspreche mehrmals, aber er bleibt standhaft, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich herzlich zu bedanken.
Zimt, ebenso aufgekocht, hilft übrigens gegen Husten, Kopf- und Bauchschmerzen.

Zwei Nachrichten erreichen uns in den Gemeinden.
Erstens (in Agua Clara): Barack Obama wird der Friedensnobelpreis verliehen
Zweitens (in Acteal): Barack Obama hat den größten Militäretat in der Geschichte der USA verabschiedet (680 Milliarden Dollar)
Ein kleines Mädchen in schmutzigem Kleid schlendert barfuss herum. Sie trägt ein Bündel großer Blätter in den Armen. „Es mi primita“, sagt X., „es ist meine kleine Cousine“. Auf meine Frage hin erklärt er mir, dass man die Blätter trocknen und zubereiten kann – dann helfen sie gegen Angst im Dunkeln.

01.11.

Día de los santos – Tag der Heiligen.
Es wird eine Messe abgehalten, die niemanden so recht zu interessieren scheint: Kinder rennen durch die Gegend, um den redenden Pfarrer herum. Hunde streunen durch die Zuschauerreihen. Die Leute unterhalten sich, lassen ihren Blick schweifen. Der Prediger wirkt stoisch und etwas verloren, wie er da hinter dem Berg an Tüten steht, in denen Blumen, Nahrungsmittel und Cola für die Toten bereit stehen. Seine Worte gehen im allgemeinen Gemurmel unter und die Kinder stehlen ihm die Show. Anschließend kommt Bewegung in die Szenerie: Wir gehen nach unten, zu den Gräbern. Kleine Gestecke orange-farbener Blumen bilden Teppiche vor den Grabplaketten, die in den Boden eingelassen sind. Colaflaschen werden aufgestellt, Tamales (eine Masse aus Mais und Frijol, die in ein Palmblatt eingewickelt ist), Erdnüsse, Chayotes (grüne, stachlige Früchte, die Kartoffel-ähnlich, aber saftiger schmecken), Bananen, Äpfel,.. alles sorgfältig vor den Gräbern verteilt, dargeboten. Zu jedem Blumengesteck wird eine lange dünne Kerze gelegt. Eine nach der anderen werden sie angezündet - das Blumen- verwandelt sich in ein Lichtermeer aus flackernden Flammen, die den Raum nach und nach in schummriges Licht tauchen. Eine trockene Wärme breitet sich aus, während die Menschen sich auf den staubigen Boden knien und mit vielen Stimmen in viele Gebete einstimmen. Musik wird gespielt, mit Geige, Harfe, Gitarre und Rassel, alles grob gefertigt aus hellem Holz. Trauer und Ausgelassenheit, Leben und Tod scheinen hier sehr nah beieinander. Nicht nur die Opfer des Massakers, auch die vielen Kinder sind allgegenwärtig. Der Rauch der vielen kleinen Flammen füllt den Raum und lässt die Luft dick werden. Als die Gebete enden, werden die Getränke und das Essen verteilt. Es bilden sich Gesprächskreise, jeder und jede hat ein Tamal in der Hand. Langsam brennen die Kerzen hinunter.

M., der für uns zuständig ist, nimmt einen von uns beiseite. Wir sollten heute besser nicht mehr hoch zur Straße gehen. Es seien viele Betrunkene unterwegs, die vielleicht gefährlich werden könnten.
Drei von uns gehen trotzdem hoch, um Zigaretten zu kaufen. Eine Frau ruft ihnen auf Tsotsil hinterher. Sie fragt, ob sie mit ihnen mitlaufen kann, sie hat Angst vor den Betrunkenen. Die drei begleiten sie zu ihrem Haus, es ist etwa 20 Meter entfernt.

Die Situation der Frau ekelt mich an. Die Rollenverteilung fängt schon bei den Kindern an. Die kleinen Mädchen tragen Verantwortung und ihre kleinen Geschwister auf dem Rücken, helfen in der Küche, wirken schon mit fünf sehr erwachsen in manchen Momenten. Die kleinen Jungs toben herum, spielen und bekommen in der Küche ihr Essen serviert.
Die Frauen machen Tortillas, kochen, spülen, waschen, sorgen sich um die Kinder und helfen den Männern auf dem Feld.
Einmal fragen wir eine Frau, die zum Kochen eingeteilt ist, ob sie sich zu uns an den Tisch setzen will und essen. Ihr Mann antwortet für sie „Nein, sie hat schon gegessen.“ Als wir vom Spülen wieder kommen (zumindest darauf bestehen wir!), sitzt sie bei der Küchenablage und isst das Essen von gestern.
Die Frauen sind meist viel jünger als die Männer, aber viel mehr von Altersspuren gezeichnet. Das ständige Stehen im Rauch des Feuers über dem gekocht wird, sorgt für eine extrem hohe Rate an Lungenkrebs (und jeglichen anderen Lungenkrankheiten).
Der für uns zuständige Abeja hat einen von uns als unseren Repräsentanten auserkoren. Am letzten Abend sitze ich neben ihm, der Mann bedankt sich förmlich für unsere Anwesenheit, verabschiedet sich – mich würdigt er dabei keines Blickes.

Als Menschenrechtsbeobachter_Innen sind wir damit mit der tagtäglichen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte der Frauen konfrontiert. Aber um deren Rechte zu schützen, sind wir offensichtlich nicht hier… Es ist schwer, damit umzugehen. Wenn wir handeln, den Frauen Arbeit abnehmen wollen oder sie mehr ins soziale Leben integrieren, hat das unter Umständen schwerwiegende Folgen – unter denen die Frauen leiden, nicht wir. Oder es besteht die Gefahr, dass keine Menschenrechtsbeobachter_Innen mehr angefordert werden, wenn diese zu sehr die Ordnung stören.
Das ändert nichts daran, dass mir schlecht wird, wenn ich mit ansehe, wie die Männer reinkommen, das Essen verschlingen und wieder gehen. Die Teller bleiben stehen. Ein „Danke“ bekommen die Frauen nicht zu hören. Es ist ja Selbstverständlichkeit. Die Frauen bleiben im Hintergrund, servieren scheu.

Alkohol ist in den Abeja – Gemeinden verboten. Wir sehen dennoch mehrmals Menschen, die lallen, schreien, Probleme haben, zu laufen. Eines Abends hören wir Rufe, metallisches Schlagen. Ein Mann steht mit entblößtem Oberkörper am Amphitheater. Später schleppen drei Männer einen in ihrer Mitte zur Dusche. Er schreit, wehrt sich. Nur mit viel Mühe können die drei ihn in den kleinen Raum zwängen und absperren. Die Dusche ist der Knast. Ausnüchterungszelle. Hier bleibt er bis morgen früh. Er jault und tritt mit Wucht gegen die Tür.
Eine alte Frau, zitternd und scheinbar blind wird von den Männern nach Hause geführt. „Er hat seine Mutter belästigt“, erklären diese den vorübergehenden Freiheitsentzug. Geschlagen heißt das wohl.

Zurück in San Cristóbal erfahren wir, dass weitere neun Personen, die für das Massaker in Acteal verantwortlich sind, freigelassen wurden.
9.11.09 02:34
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung