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01.10.-14.10.09 Zapatisten, Tzeltal und viel Natur

01.10.09 – Caracol Morelia

Nach einer langen Fahrt und mehrmaligem Umsteigen befinden wir uns schließlich auf dem letzten Streckenabschnitt – eine Schlaglochreiche Fahrt über unbefestigte Straßen. Wir sitzen auf engen Sitzbänken, die auf der Ladefläche eines Pickups montiert sind, neben uns Säcke mit Mais und anderen Lebensmittel, gegenüber indigene Frauen mit weißen bestickten Blusen und schwarzen Röcken, die mit bunten Streifen verziert sind. Wir poltern an Feldern vorbei, an wild gewachsenen Bäumen, an eleganten Stieren mit glänzendem Fell und stolz erhobenem Haupt, die auf sanften Hügeln grasen. Die Sonne brennt.
An einer Weggabelung bleibt das Auto stehen. „Aqui les dejo“ (Hier lass ich euch raus), erklärt der Fahrer. Vage zeigt er in eine Richtung, da vorne sei das Caracol.
Die schweren Rucksäcke auf dem Rücken stapfen wir über den staubigen Weg. Die Hitze treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Ein stark betrunkener junger Mann läuft neben uns her, auf Englisch und Spanisch lallt er unverständliche Worte.
Als wir nach einem kurzen Irr- und Umweg wieder auf ihn treffen, liegt er flach am Straßenrand und ruft nach seiner Mama.
In Morelia werden wir freundlich begrüßt. Auch hier werden wir am Eingang empfangen und zu einem ersten „Tribunal“ geleitet, das uns nach Herkunft, Namen und Anliegen fragt. Vermummt ist hier allerdings niemand, man lächelt uns offen an.
Es ist 12 und gerade Mittagspause, deshalb bittet man uns zu warten bis die Junta wieder an die Arbeit geht. Wir machen es uns auf einer Bank im Schatten eines Baumes gemütlich, dankbar für die Pause.
Auch hier gibt es einen großen Basketballplatz und die Holzlatten der Hütten sind bunt bemalt mit roten Sternen, EZLN – Schriftzügen, vermummten Sonne, Mond und Sternen, sowie dem obligatorischen Zapata. Junge Frauen lächeln uns schüchtern aus sicherer Entfernung zu. Eine von ihnen, mit ihrem jungen Sohn in einem Tragetuch, postiert sich schließlich direkt hinter mir und bestaunt meine vielen Ohrringe. Meine Fragen beantwortet sie knapp, man merkt, dass Spanisch ihre Zweitsprache ist.
Schließlich betreten wir das Büro der Junta, einen einfachen Raum, in dem sich eine Gruppe von Frauen und Männern verschiedenen Alters um einen runden Tisch drängen. Wir lernen die Liebe zur Bürokratie der Zapatist_Innen kennen, die uns mit einer Reihe von Fragen löchern. Sorgfältig notiert jede und jeder unsere Angaben, das Schreiben von Frayba wird rumgereicht, notfalls wird mit TipEx korrigiert.
Auf viele Fragen wissen wir keine Antwort, so wollen sie beispielsweise wissen, wann Carea gegründet wurde und wie viele Mitglieder der Verein hat. Misstrauisch fragt einer: „Wenn das eure Organisation ist – warum wisst ihr das nicht?“
Aber als wir erklären, dass diese Organisation uns zwar auf die Menschenrechtsbeobachtung vorbereitet hat, wir aber ansonsten nicht dort mitarbeiten, nicken sie verständnisvoll.
Nachdem alle Fragen abgearbeitet sind, setzen wir uns erneut auf die Bank, um auf die Entscheidung der Junta zu warten. Ein Grashüpfer landet auf meiner Schulter.
Ich blinzle in die Sonne und lasse meinen Blick über die bewaldeten Berghänge schweifen.
Irgendwann kommt einer der Zapatisten zu uns und erklärt, es wäre besser, wir würden morgen erst losfahren und zeigt uns die Unterkunft für Menschenrechtsbeobachter_Innen, eine recht große Hütte mit Holzliegen, zwei Hängematten und revolutionären Grüßen aus aller Welt an den Wänden.
Sofort wird uns auch angeboten, in die Küche zu kommen und etwas zu essen. Wir sind von der überschwänglichen Gastfreundschaft schwer beeindruckt.
Tatsächlich stehen in der Küche drei riesige Blechtöpfe bereit, die mit Kaffee, Frijoles und Reis gefüllt sind, der Reis ist mit Zwiebelstreifen und Tomatenstücken versetzt.
In der Küche und im Raum nebenan stehen hölzerne Tische und lange Bänke, an denen die Zapatist_Innen sitzen und beim gemeinsamen Essen in Schweigen vertieft sind. Besteck gibt es kaum, Tostadas (auf dem Feuer getrocknete Maistortillas) werden als essbare Löffel verwendet.
Gegen Abend zieht es plötzlich innerhalb von Sekunden zu, der Himmel wird grau und Regentropfen prasseln hernieder. Wir suchen Schutz in unserer Hütte bis der kurze Regenschauer genau so schnell wieder zu Ende ist, wie er begann.
Auf dem Basketballplatz findet ein Match zwischen drei jungen Frauen und einem Mann statt, die sich mit herzhaftem Lachen die Bälle zupassen, während ein malerischer Sonnenuntergang den Himmel färbt.
Einer der Zapatisten fragt mich, woher ich komme. „Aus Deutschland“, antworte ich.
„Wo liegt das?“, will er wissen und ist erstaunt, dass es in Europa liegt und nicht in den USA.
„Wie lange braucht man bis Deutschland mit dem Auto?“, fragt er interessiert weiter.
Als ich erkläre, dass man mit dem Auto gar nicht bis dorthin fahren kann, weil ein Meer dazwischen liegt, nickt er.


02.10.09 Morelia – Agua Clara bis 14.10.09

„Buenos dias, compas“ (Guten Morgen, compas / Geschlechtsneutrale Abkürzung für campanero/companera, also Genosse_In), werden wir begrüßt. Wir erfahren, dass wir die Menschenrechtsbeobachter_Innen in Agua Clara unterstützen sollen und bekommen eine ausführliche Skizze des Weges in die Hand gedrückt. Bevor wir aufbrechen, nehmen wir allerdings noch ein reichhaltiges Frühstück aus Frijoles und Reis zu uns. Verschiedene Zapatisten schenken uns massenweise Tortillas und sogar Avocado, was nicht zum alltäglichen Essen gehört. Wir fühlen uns reich beschenkt, können unser Gefühl der Dankbarkeit kaum in Worte fassen.

Nachdem uns eine Repräsentantin der Junta noch einen Brief für die Zuständigen in der Gemeinde Agua Clara in die Hand drückt (auf dem wundersamer Weise der Schreibfehler in meinem Nachnamen, den Frayba gemacht hatte, korrigiert wurde), machen wir uns schließlich wieder auf den Weg.

Nach nochmaligem zweimaligem Umsteigen und einem langen Fußmarsch quer durch die Stadt bei einem der Zwischenstops, steigen wir schließlich in das colectivo, dass uns nach Agua Clara bringen soll. Unterwegs passieren wir eine Militärkontrolle, an der ein gepanzertes Fahrzeug mit einem uniformierten Soldaten am montierten Maschinengewehr bereitsteht und Sandsäcke in Tarnfarben aufgetürmt sind. Wir können aber unbehelligt weiterfahren.
Weiterhin bemerken wir eine große Polizeipräsenz an der Kreuzung zu Agua Azul, einem Ort, der für seine blauen Wasserfälle berühmt ist und kurz vor Agua Clara liegt. Zwei Polizeitransporter und mehrere Gruppen von Polizisten in blauen Uniformen sammeln sich hier.

Später erfahren wir, dass Agua Azul, das ehemals von Zapatist_Innen besetzt war, im April von Militärs gestürmt wurde. Bei dieser Aktion gab es mehrer Festnahmen und seitdem war der Ort, mitsamt dem Kassenhäuschen, bei dem von Tourist_Innen ein geringer Betrag für das Besichtigen des Naturspektakels kassiert wird, in der Hand von Regierungstreuen. Vor ca. 1 ½ Wochen jedoch haben Sympathisant_Innen der „Anderen Kampagne“ erneut das Kassenhäuschen besetzt, was auch die Anwesenheit der Polizei erklärt.

An der Kreuzung zu Agua Clara verlassen wir das Colectivo. Der Fahrer klettert über eine schmale Metallleiter aufs Dach und reicht uns unser Gepäck herunter, das dort verschnürt worden war. Nun stehen wir etwas verlassen an der Straße in der prallen Sonne. Zwei Männer sitzen am Straßenrand im Gras und sehen gleichgültig zu uns herüber. Dem Wegweiser Richtung „Agua Clara“ folgend, laufen eine geteerte Straße hinab. Nach einigen Metern sitzt ein Grüppchen Männer auf dem Weg und verlangt von uns 20 Pesos pro Person, um an den Fluss zu gelangen. Es handelt sich um regierungstreue Bauern, Priistas (abgeleitet von der Partei PRI, die bis im Jahr 2000 70 Jahre lang Mexiko regierte), die zwar das Hotel und das Gelände am Fluss nicht verwalten, aber trotzdem davon profitieren wollen.
Anschließend schleppen wir uns weiter die Straße hinab, die von bunten tropischen Blüten gesäumt ist und rechts den Blick freigibt auf ein grün bewuchertes Tal. Die Rucksäcke lasten schwer auf unseren Schultern, die Hitze strapaziert unsere Schweißdrüsen und hinzu kommen gierige Moskitos, die uns offensichtlich für ihr Mahl auserkoren haben.
Endlich gelangen wir zu einer improvisierten Schranke, ein dünnes Seil, das über die Straße gespannt ist, in der Mitte hängt ein weißes Stück Stoff, das mit einem roten Stern und dem Schriftzug „EZLN“ bemalt ist.
In dem kleinen Holzunterstand dahinter befinden sich zwei freundlich blickende Männer, deren Lächeln sich zu einem Strahlen ausweitet, als wir erklären, dass wir als Menschenrechtsbeobachter_Innen von Frayba kommen. Überschwänglich werden wir begrüßt. Durchs Funkgerät gibt unser Compa Bescheid, dass wir da sind, dann weist er uns den Weg, zu dem Hotel, das die Zapatisten seit `94 führen, als der damalige Besitzer weggelaufen ist.
Im großen offenen Eingangsbereich heißen uns die drei Beobachter_Innen Willkommen, die schon hier sind, sowie ein junges Pärchen aus Deutschland, das gerade hier Urlaub macht.

Agua Clara ist nicht im eigentlichen eine Gemeinde, sondern es handelt sich im Grunde um ein Tourismusprojekt der Zapatisten, das vom Konflikt mit den Priistas überschattet ist.
Anders als in einer Gemeinde ist man hier als Beobachtende_r in einem Hotelzimmer untergebracht und wir fühlen uns deshalb manchmal eher als wären wir als Tourist_Innen hier, auch wenn die Zapatisten an jeden Satz mit Freude ein „compa“ anhängen.

Insgesamt nehmen wir unterschiedlichste Eindrücke von Agua Clara mit, die vor allem von der überbordenden Natur geprägt sind:

Viele, viele Moskitos surren an unserem Ohr vorbei, umkreisen uns tagtäglich und bescheren mir allein am linken Knie zeitweise 50 Stiche. Regelmäßiges Klatschen auf Körper und Tische beim Versuch, ihren Blutsaugeprozess zu stören, führt zu allgegenwärtigen Rhythmen.

Einer der Compas fragt immer wieder interessiert nach deutschen Wörtern und Sätzen. Im Gegenzug bringt er mir meine ersten Worte Tseltal bei – eine der meist gesprochenen indigenen Sprachen in Chiapas. „Binawilel?“, wiederhole ich immer wieder, „wie geht’s dir?“, bis ich mir die Aussprache einpräge.

Bunte Schmetterlinge in allen Formen und Farben tanzen im Sonnenlicht, vollführen grazile Figuren über Sand oder Gras und lassen ihre farbigen Flügel im Licht erstrahlen.

Eine lange, schmale Hängebrücke führt über den Fluss, die einem Indiana Jones – Film alle Ehre machen würde. Zwischen den Brettern klaffen immer wieder Ritzen, durch die das klare blaue Wasser schimmert. Bei jedem Schritt schwankt die Brückenkonstruktion. Das Holz wirkt alt, eine Latte fehlt komplett.

Gelb gefärbte Blätter liegen auf dem Sand am Flussufer. Die hölzernen Pavillons auf dem Hotelgelände sind morsch geworden, halb verfallen und vielfältig bewachsen. Lianen hängen von den Baumkronen und berühren die sanften Wellen des Flusses. Die großen Palmblätter von Kokospalmen ragen in kräftigem Grün in den sanftblauen Himmel.

Das Wasser schimmert türkis-grün. Am gegenüberliegenden Ufer waschen Indigenas ihre Wäsche. Weiße Wasservögel fliegen in Schwärmen flussabwärts. Fliegende Fische springen in kleinen Bögen aus dem Wasser.
Zwischen den Steinen ist die Strömung stark, reißt mich mit sich bis ich wieder still auf der Wasseroberfläche treibe, mein Gesicht dem blauen Himmel zugewandt, in dem weiße Schäfchenwolken hängen.

Libellen mit schillernden Flügeln paaren sich. Kolibris verharren kurz in der Luft.

Kahlgefressene Ameisenstraßen führen über das Gelände. In stillem Tanz bewegen sich Blattstücke auf den Rücken der Tiere über die Wege und bis in weitläufige Siedlungen großer Ameisenhügel.

Auf der Terrasse des Hotels hängen geflochtene Hängematten. Ein Zapatist mit Che Guevara – Shirt lässt sich sachte darin schaukeln. In den Zimmern und der Eingangshalle rattern alte Ventilatoren und bringen die heiße schwüle Luft in Schwingung. „Bienbenido al balneario El Salvador“ prangt an der Wand des Eingangsbereiches über einem großen Gemälde Emiliano Zapatas.
Alte getrocknete Maiskolben in blassen Gelb- und Rottönen liegen auf dem offenen Flur.
Im Männerklo sitzen kleine Fledermäuse an den Wänden, vollführen morgens aufwendige Streckübungen und gähnen ausgiebig.

Der Geschmack von frischen Bananen, von Tortillas, Frijoles…

Wir unternehmen Spaziergänge zu der Hütte am Eingang, wo die Zapatisten Wache halten und Eintritt von Touristen verlangen. Ein kleines Feuer brennt stetig, dessen Rauch die Moskitos fernhalten soll. Die Macheten, immer griffbereit, erinnern an die Gefahr und die Anspannung, die die paradiesische Umgebung einen fast vergessen lässt.

Die Dämmerung offenbart einen Sternenhimmel im Gras – unzählige Glühwürmchen glimmen auf und lassen die Wiesen funkeln.
Nachts werden die Wände lebendig. Die Eidechsen jagen kleinen Nachtfaltern hinterher. Ratten huschen durchs Gebälk. Kröten und kleine Frösche hüpfen über die Gänge und versuchen Grashüpfer zu fangen. Schwarze pelzige Spinnen und handtellergroße Taranteln mit rot gefärbtem Hinterleib stolzieren über den gefliesten Boden. Riesige Nachtfalter mit massigen Leibern schwärmen dem elektrischen Licht entgegen.
Die Natur wird laut in der Nacht, Grillenzirpen, Geräusche in der Dunkelheit.
Vollmond, Sternenhimmel.


14.10.09

Wir brechen früh auf. Während ein colectivo uns nach Palenque bringt, färbt der Sonnenaufgang den Urwald in sanftes Licht.
In Palenque frühstücken wir in einem kleinen Lokal an der Straße, anschließend schlagen wir den Weg nach „Las Ruinas“ ein. Hierbei handelt es sich um die Ruinen einer Mayastadt, die ihre Blütezeit ca. um 630 bis 740 n. Chr. hatte.
Die Ruinenstadt liegt mitten im Urwald. Als wir ankommen, fallen frühe Sonnenstrahlen schräg durch das Blätterdach. Pyramidenförmige Tempel erheben sich vor der Wildnis, die alle ohne Packtiere, Metallwerkzeuge oder das Rad erbaut wurden.
Mystisch ragen die ehemals blutrot getünchten Pyramiden in den blauen Himmel und heben sich weiß von der Urwaldkulisse ab. Reliefe von Totenköpfen und Gesichtern im Gestein. Steintafeln mit Inschriften und Abbildungen von Herrschern.
Dunstschwaden hängen in den bewaldeten Berghängen, die sich hinter den steinernen Bauten bis zum Horizont erstrecken.
Dunkle, feuchte Gänge durchziehen die Tempel, spärliches Licht fällt aus kleinen Öffnungen in die Tunnel.
Verfallene Gesteinsreste zwischen wild wuchernden Pflanzen. Kleine Wasserfälle sprudeln über gestaffelte Felsüberhänge.
Das Erklimmen einer der Pyramiden erlaubt den Blick über die zentrale Tempelanlage, die sich majestätisch aus dem Urwald hebt – hohe Pyramiden, ein Wachturm, ein Irrgarten aus überdauerten Mauern.

Erst nach dem spontanen Abstecher zu dieser beeindruckenden archäologischen Stätte begeben wir uns auf den langen Rückweg nach San Cristóbal, wo wir abends um 19.00 Uhr ankommen und nach einem fulminanten Mahl müde ins Bett fallen.
21.10.09 07:46
 


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