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23.09.09 – 31.09.09 Erste Woche in San Cristóbal de las Casas

Am frühen Morgen rüttelt mich Janosch wach – “Guck mal raus!”. Seiner Aufforderung folgend blicke ich aus dem Fenster des fahrenden Busses. Die Sonne geht orange glühend auf und taucht einen See in mystisches Licht. Kleine Inseln mit karg bewachsener roter Erde ragen aus dem Wasser. Rund herum eine Berglandschaft, die mit kräftigem Grün überzogen ist.
Vitaler Pflanzenreichtum säumt nun die Straße, verschiedene Grüntöne, Blätter, Pflanzen, Gewächse bescheinigen, dass wir uns im Regenwaldgebiet befinden.
Das lebendige Grün und das gleißende Licht des Sonnenaufgangs stimmen mich euphorisch und ich habe das Gefühl, jetzt erst richtig in Mexico angekommen zu sein.
In Tuxtla Gutierrez steigen wir in ein colectivo um, ein kleiner weißer Bus mit ca. 10 Sitzplätzen, mit dem wir uns die Straße entlang winden. Ich kann mich nicht satt sehen an den bewaldeten Hügeln und den grünen Tälern, in denen noch dampfige Nebelschwaden hängen, aber von strahlend blauem Himmel überspannt werden.

San Cristóbal de las Casas ist ein Städtchen, das deutlich kleiner wirkt als knapp 130 000 Einwohner stark. Es wurde 1528 als Stützpunkt der Spanier gegründet, war am 01. Januar 1994 eine der vier Städte in Chiapas, die von der EZLN (Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional – das Zapatistische Heer zur nationalen Befreiung) zu Beginn ihres Aufstands besetzt wurden und ist inzwischen bekannt und beliebt unter Rucksacktourist_Innen aus aller Welt, sowie eine Basis für diverse Menschenrechtsorganisationen und soziale Projekte.

Wir kommen in einer Unterkunft für Freiwillige in sozialen Projekten unter, in der wir etwa drei Euro pro Nacht zahlen. Die Wände sind bemalt mit zapatistischen Symbolen, linkspolitische Sticker aus aller Welt zieren den Kühlschrank, es gibt eine gemütliche kleine Gemeinschaftsküche und eine Dachterrasse, die zum Frühstück im Sonnenschein einlädt.
Von hier aus erkunden wir die Stadt. Als erstes fallen uns die Unmengen an politischen Stencils und Graffitties auf, die die Hauswände schmücken, die unter anderem an das Massaker 1968 in Mexico DF erinnern, sich gegen Monsanto, Gewalt gegen Frauen, Repression und den Militarismus wenden.
Wir spazieren über das Kopfsteinpflaster des Kolonialstädtchens, trinken frischen Orangensaft in der Fußgängerzone, schlendern durch die Stände mit Artesanías, die geflochtene Gürtel, Armbänder, Stoffe, bunte Schals, traditionelle Gewänder der Indígenas und EZLN-Solishirts feilbieten, auf denen Subcomandante Marcos prangt.
Wir folgen grasbewachsenen Treppenstufen, pausieren auf einem der unzähligen kleinen Plätze mit kunstvoll verzierten oder schlicht bemalten Kirchen und blicken auf das kleine Dächermeer San Cristóbals, um das sich eine Bergkette rankt.
In den Straßen hängen bunte Girlanden, die Hausfassaden erstrahlen in den unterschiedlichsten Farben, Straßenhunde streunen herum, auffallend viele Indígenas tragen noch die traditionellen Röcke und Blusen, die mit verschiedenen Stickereien verziert sind.
Auf dem täglichen Mercado (Markt) türmen sich kleine Pyramiden von Obst und Gemüse auf den hölzernen Ständen, Berge von reifen Avocados, Bananen in allen Größen, Orangen mit vielen Kernen und saftigem Fruchtfleisch, kleine Lidschi-ähnliche Früchte mit weinroter Schale und Stacheln. Schalen mit Gewürzen, getrocknete rote Chilis, verschiedene Kräuter, kleine Knoblauchknollen. Plastiktüten voll Kaffee. Bottiche voller kleiner Bohnen in den unterschiedlichsten Farben, schwarz, rot, lila, weiß. Entfederte tote Hühner liegen aufgereiht auf den Markttischen. Krabben in kräftigem Orange sind in Plastikeimern getürmt.

Wir besuchen das Café Museo Café, ein kleines Café im überdachten Innenhof eines Gebäudes, das guten Kaffee einer Kaffeecooperative anbietet, in der 17000 kleine, meist indigene Kaffeeanbauern aus Chiapas organisiert sind. An den gelb gestrichenen Wänden hängen Fotos, alltägliche Szenen aus Chiapas, Menschen, Geschichten: die schwarz-weiß Aufnahme eines kleinen Kindes, das eine Straße entlang krabbelt, über ihm ein großer gesprayter Schriftzug „Libertad“.
An das Café angeschlossen ist ein kleines Museum, das die Geschichte der Kaffeeproduktion nachzeichnet, die Ausbeutung der Kleinbauern verdeutlicht und schließlich über die Kooperative informiert.

In der Bar „Revolución“, in der Kubafahnen und Che Guevara-Bilder hängen, trinke ich eine Pina Colada, während in einem Eck der Bar eine Live-Band spielt und dabei eine Reihe ungewöhnlicher Instrumente benutzt (u.a. den Unterkiefer eines Pferds (?), auf dessen Zähnen geschabt, auf dem geklopft und getrommelt wird).
In der Nacht werden wir krank, mich erwischt es stärker als Janosch, mein Magen spielt total verrückt und ich liege die folgenden zwei Tage komplett flach. Wir verdächtigen das Eis in den Cocktails, das wir in einer solch touristischen Stadt eigentlich für desinfiziert gehalten hatten. Mit einem von mir geschriebenen Zettel geht Janosch zur Apotheke und besorgt mir Tabletten, auch muss er notgedrungen alleine auf den Markt, wo er seinen ersten allein getätigten Einkauf meistert.

Wir gehen in ein kleines Programmkino, der Film wird in einem Zimmer gezeigt, in dem verschiedenste Sessel, Stühle und Sofas vor der Leinwand aufgestellt sind. Der Film spielt in Jugoslawien zur Zeit Titos und handelt von der Verhaftung eines Familienvaters aufgrund der Bemerkung über eine Stalin-Karikatur und der Situation seiner Familie.
Währenddessen knabbern wir mitgebrachte Kekse und ich versuche immer wieder flüsternd, Janosch die spanischen Untertitel zu übersetzen.

Am Montag melden wir uns zur wöchentlichen Vorbereitung bei Frayba, einer örtlichen Menschenrechtsorganisation. Den Vormittag über erläutert ein Spanier, der schon seit 94 in Chiapas aktiv ist, nochmals die Geschichte des Konflikts, die Strategie der mexikanischen Regierung und die aktuelle Situation in Chiapas. Nach einer Mittagspause, in der wir in einem etwas heruntergekommenen Lokal im zweiten Stock eines Gebäudes in Marktgegend frittierte Bananen und Guacamole zu uns nehmen, besprechen wir die Regeln der Menschenrechtsbeobachtung – Rücksichtnahme auf die indigene Kultur; beobachten, nicht einmischen; möglichst keinen Müll in den Gemeinden lassen, etc.
Anschließend werden die Gruppen zusammengestellt und wir erfahren, in welche Gemeinde wir am Mittwoch gehen werden.

Den Dienstag verbringen wir mit Einkäufen und Packen. Wir tragen Berge von Reis, Bohnen, Linsen zusammen, Tüten mit frischem Gemüse für die ersten Tage. Wir haben keine Ahnung, wie viel Essen wir für zwei Wochen brauchen werden, spekulieren nur.

Am Mittwoch begeben wir uns zum Stadtrand. Von allen Seiten werden uns Stadt- und Ortsnamen zugerufen, man winkt uns zu Taxis und Colectivos.
Eines der Colectivos bringt uns schließlich ins Caracol Oventik. In den Caracoles (= Schneckenhäuser) sitzt die Junta de buen gobierno (Der „Rat der guten Regierung“, im Gegensatz zur „schlechten Regierung“ Mexikos), die gewählte Vertretung der zivilen Strukturen der Zapatist_Innen.
Am Tor empfängt uns ein vermummter Zapatist, der unsere Reisepässe entgegen nimmt und uns nach dem Grund unseres Kommens fragt.
Wir folgen ihm in eins der kleinen Holzhäuser, in dem weitere 4 vermummte Zapatisten sitzen. Sie vermerken unsere Namen, Herkunft und die Organisation, die uns herschickt. Anschließend werden wir zur Junta geführt, die uns nach kurzem Warten herein bittet. Wir schildern unser Anliegen, Menschenrechtsbeobachtung machen zu wollen und überreichen den Brief von Frayba.
Sie bittet uns, draußen zu warten, bis sie eine Entscheidung getroffen haben. Oventik besteht aus einem abfallenden Weg, der von einem Basketballplatz abgeschlossen wird. An beiden Seiten ist er von Holzhütten gesäumt, die mit aufwendigen Gemälden revolutionärer Symbolik verziert sind.
Ein zerzaustes Huhn mit nicht minder zerzausten Jungtieren spaziert uns gegenüber auf dem Gras.
Am Horizont hängen tiefe Wolken zwischen bewaldeten Berghängen.
Schließlich dürfen wir wieder eintreten und bekommen die ernüchternde Antwort „No! No les podemos mandar!“ (= Nein, wir können euch nicht hinschicken)
Man bietet uns noch an, den Tag in Oventik zu verbringen, dankt uns und verabschiedet sich.
Frustriert und enttäuscht sitzen wir an der Straße oberhalb des Caracols. Ein Pickup mit Polizisten fährt an uns vorbei, sie winken uns freundlich zu.
Wir nehmen das erstbeste Taxi, das Richtung San Cristobal fährt und begeben uns so schnell wie möglich zu Frayba. Dort ist man nicht weniger verwirrt als wir. Es liege aber sicher nicht an uns, sondern habe sicherlich interne Gründe, versichert man uns.
Schließlich wird uns eine Alternative geboten: Wir sollen morgen zum Caracol Morelia fahren und dort anfragen, wo wir gebraucht werden.
Davon wieder freundlicher gestimmt, verbringen wir den Abend mit einem ausgedehnten Spaziergang durch San Cristobals Randbezirke. Von bunten Häusern, geschwungen beschrifteten Restauranttafeln und Backpacker-Unterkünften geraten wir in ärmliche Viertel mit dreckigen Straßen und schmucklosen Häusern. Kleine Kinder spielen auf einem Feldweg, grüßen uns strahlend.
Der Himmel zieht zu und ein Wolkenbruch ergießt sich über uns. Da wir keinen anderen Weg ins Zentrum finden, als umzudrehen und haargenau auf die gleiche Weise zurückzukehren und die Nässe unsere Kleidung klamm werden lässt, gönnen wir uns schließlich ein Taxi und flüchten in ein vegetarisches Restaurant. Dort genießen wir große Soyafleisch – Burger und gemischte Fruchtsäfte mit den klangvollen Namen „Mango Tango“ und „Enamorate“ (= „Verlieb dich“, aber auch Wortspiel mit Mora = Brombeere).
18.10.09 03:00
 


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