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Montag, 21.09. und Dienstag, 22.09. - Hammer und Sichel im Präsidentenpalast

21.09.09

Heute starten wir einen erneuten Versuch, den Präsidentenpalast zu besichtigen – und voilá – nach Ausweiskontrolle, einem Blick in unseren Rucksack und Passieren der Metalldetektoren dürfen wir den Bau betreten. Direkt am ersten großen Treppenaufgang, der zu einem, zum rechteckigen Innenhof offenen Gang führt, erstreckt sich ein gigantisches Wandgemälde Diego Riveras, das die Geschichte Mexicos nachzeichnet. An deren Ende sieht Diego offensichtlich Karl Marx, der einer Einheit aus Arbeitern, Bauern und Soldaten den Weg in eine bessere Welt weist. Sich selbst stellt Diego als kämpferischen Arbeiter in einer Masse erhobener Fäuste und roter Fahnen dar, unter ihm ein Streik, bekämpft von Polizisten in gesichtslosen Gasmasken. Frida Kahlo mit einer Halskette, die von Hammer und Sichel geziert ist. Ein Geistlicher, der sich über eine Prostituierte beugt, drückt sich zusammen mit Generälen und Unternehmern in eine Maschine des Kapitalismus…
Es scheint absurd, dass ein solches Wandgemälde ausgerechnet den Präsidentenpalast schmückt und dort den Tourist_Innen zugänglich gemacht wird. Welch Ironie, dass sich Mexikos Regierung so gerne in die Nachfolge von Revolutionären und Kommunisten stellt, während die Repression in den Straßen allgegenwärtig ist und revolutionäre Gruppen sie tagtäglich zu spüren bekommen.
Weitere Wandbilder zeigen Szenen des Aztekenreiches und eine Inschrift erläutert, was die Welt Mexiko alles zu verdanken hat (Mais, Bohnen, Tabak, Kakao, Tomaten, Erdnüsse, Kaugummi, Ananas, Avocado,…).
Währenddessen stehen in regelmäßigen Abständen junge, kindlich wirkende Soldaten mit ihren großen Waffen herum und langweilen sich.
Wir streifen noch ein wenig durch den riesenhaften Palast und durch seinen kleinen Kaktusgarten, eine Gedenktafel erklärt uns, wie wohltätig es vom Präsidenten war, all das restaurieren und herrichten zu lassen, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen…
Anschließend lassen wir uns noch durch die Straßen der Stadt treiben, vorbei an verlassenen Markthallen für Artesanía (Handwerkskunst), den unzähligen Essensständen, offenen Lokalen, in deren Auslagen Berge rohen Hühnerfleisches zum Verkauf bereit liegen, vorbei an bunt bemalten Häusern und schiefen Kirchengebäuden.
Abends essen wir an einem der Stände in „unserem“ Park Tortillas mit Huitlacoche, einem parasitären Maispilz (der Name „Huitlacoche“ stammt aus der aztekischen Nahuatl – Sprache und wird mit „der schlummernde Kot“ übersetzt). Die von diesem Pilz befallenen Maiskörner verfärben sich dunkelblau bis schwarz und gelten als Delikatesse. Wir genießen den schmackhaften (Trüffel ähnlichen) Pilz mit Frijoles, Streifen grünen Salats und scharfer Soße in Maistortillas, während wir auf bunten Plastikhockern vor dem Stand sitzen und die Besitzerin ehrlich erfreut zusieht, wie Janosch genussvoll seinen Teller ableckt.
Anschließend suchen wir die Pulquería, die wir am Samstag besucht hatten und geraten dabei in den Regen und ins Gewirr Mexiko Cities Straßen, weswegen wir sie erst finden, als sie gerade zumacht und wir uns somit ins Hotel zurückziehen.

22.09.09

Heute Nachmittag wollen wir nach San Cristobal de las Casas aufbrechen, deshalb stehen wir früh auf, um noch einige Sachen zu erledigen. Nachdem wir unsere Rucksäcke gepackt haben, auch wenn sich der Reißverschluss des meinen nur mit Mühe, Not und viel Gezerre zuziehen lässt, begeben wir uns zunächst zum Markt, um dort Avocados, Tomaten und Bananen als Reiseproviant zu erstehen. Auf dem Weg dorthin, schauen wir noch kurz in den Justizpalast (natürlich nicht ohne eine ähnlich aufwendige Prozedur wie beim Präsidentenpalast zu durchlaufen). Auch dort sind neben einigen wenig spannenden Statuen von grauhaarigen Mitbegründern der Verfassung, die auf hohen Stühlen thronen, ein paar Wandbilder zu bewundern, unter anderem ein Treppenzug, der begleitet ist von Bildern des Schreckens und Verbrechens, die in Zimmern und Aktenschränken lauern – blutige Körper, vergewaltigte Frauen, Folter und Menschen, die untätig zusehen. Auch dies mutet merkwürdig an als Dekoration dieses Gebäudes…
Das Wandbild, das wir eigentlich sehen wollen (Justicia, die schläft, während neben ihr lauter Unrecht geschieht – der Künstler durfte sein Werk nicht mehr vollenden, weil das den Auftraggebern wohl doch nicht ganz in den Kram passte), ist allerdings momentan nicht einsehbar, weil es sich im zweiten Stock befindet, in dem sich gerade ein wichtiges Treffen abspielt.
Eigentlich wollen wir nochmals Maispilz-Tortillas zu uns nehmen, allerdings finden wir den Park unerwartet komplett frei von irgendwelchen Ständen vor, weswegen wir stattdessen wieder unseren veganen Reis-Bananen-Salat-Teller im Restaurant des Torta - Erfinders bestellen.
Anschließend begeben wir uns zu der Pulquería, um das gestrige Versäumnis nachzuholen. Diesmal finden wir die Pulquería mit Namen „Las Duelistas“ schneller, treten durch die Schwingtüren ein und lassen uns an einem Tisch nieder.
Diesmal entscheiden wir uns für den Geschmack „Hafer“, der ebenfalls mit Zimt verfeinert ist und uns fast noch mehr überzeugt als „Erdnuss“. Aus der Musikbox klingt diesmal eher schwer erträgliche Musik, wovon wir uns aber nicht stören lassen. Wir versuchen, die Klänge in unserer Unterhaltung zu übertönen und lassen unsere Blicke über die Bar schweifen, über die bemalten Wände und über das Schild am Eingang, das jegliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion, Herkunft, etc in diesem Lokal untersagt und Respekt für Besitzer_Innen und Besucher_Innen einfordert.
Schließlich kehren wir zum Hotel zurück, schnallen uns unsere Rucksäcke auf den Rücken und geben den Zimmerschlüssel ab.
Eine Straße weiter kaufen wir bei einer Tortillería für 5 Pesos (ca, 35 Cent)
ein halbes Kilo frische Maistortillas, die direkt hinter der Theke offen einsichtig gemacht werden und nach dem Abwiegen erdig duftend in braunes Papier eingeschlagen werden.
Dann machen wir uns auf den Weg, mit Hilfe der Metro und einigen Malen Nachfragen, zu einer Straße, von der Billigbusse mit einem Zwischenhalt nach San Cristobal fahren sollen. Die Busse, die wir schließlich auffinden, wirken jedoch nicht im geringsten wie Billigbusse, sondern haben den Anschein luxuriöser Reisebusse, sauberer, neuer und kompletter als jedes öffentliche Verkehrsmittel, in das ich in Ecuador je einen Fuß gesetzt habe. Es kommt jedoch sofort ein junger Mann auf uns zu gehetzt, mit der Frage „San Cristobal?“ auf den Lippen und nach Nachfrage des Preises stellt sich heraus, dass dies tatsächlich die angekündigten Busse sind (auch wenn erstmal versucht wird, mir 50 Pesos mehr abzunehmen).
Die Abfahrt wird allerdings erst so um sechs, halb sieben sein, erklärt man uns, nachdem unsere Rucksäcke im unteren Stauraum verschwunden sind.
Wir drücken uns also noch 2 ½ Stunden im angrenzenden Park herum, lesen und warten und sehen zu wie der Stauraum nach und nach Tetris-like mit unzähligen Gepäckstücken, Kisten, Tüten und Säcken zugestapelt wird. Als wir uns schließlich in den Bus begeben, müssen wir jedoch kurz darauf feststellen, dass das Warten noch kein Ende hat – der Bus hat eine Panne, wir wechseln in einen anderen.
Das wäre auch kein langwieriges Verfahren gewesen, wäre da nicht das Tetris im Stauraum, sowie in den hinteren zwei Metern des Busses, der ebenfalls mit Gepäck und Waren zugepackt ist. So beobachten wir also erneut, wie Kiste für Kiste, Sack für Sack wieder entladen, zum nächsten Bus getragen und wieder eine Lücke gesucht wird, um es passgenau zu verstauen.
Als der Bus sich endlich in Bewegung setzt, wird es draußen dunkel, wir sind müde und etwas entnervt. Ein Gefühl, das nicht geringer wird, als wir bemerken, dass die Toilette im Bus nicht funktioniert.
Ansonsten ist der Bus aber bequem, die Beinfreiheit ist annehmbar und der gezeigte Film über einen Mann, der eine Stimme hört, die sich als Erzählerin einer Geschichte herausstellt, in der er die Hauptperson spielt, nicht herausragend, aber doch immerhin amüsant. Insbesondere der Literaturprofessor, den er Hilfe suchend aufsucht und der anhand von Fragen wie „Sind Sie König irgendeiner Welt?“ herauszufinden versucht, um was für eine Art von Geschichte es sich bei seinem Leben handelt und ihm aufträgt, festzustellen, ob er in einer Tragödie oder in einer Komödie lebt.
Abgesehen von ein paar kurzen Pausen an Tankstellen, brausen wir mit der hier üblichen unnachgiebigen Fahrweise durch die Nacht, ich höre Musik, schlafe immer wieder ein, wache wieder auf und sehe aus dem Fenster, wo die nachtschwarze Landschaft an mir vorbei gleitet, bevor ich erneut wegdöse…
27.9.09 07:51
 


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