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15.10. - 04.11.09 - Zweite Woche San Cris und Acteal

15.10.09 – 21.10.09 Zweite Woche in San Cristóbal

Bar Revolucion: Live – Musik, eine Rockband, deren Frontman eine Wrestling - Maske trägt

Auf dem Markt: lebende Hühner und Truthähne, aneinander gequetscht, schmutzig, zerzaust. Einmal gekauft, werden sie an den Krallen getragen, Kopf und Flügel hängen herab.

„Waltz with Bashir“ im Kino „Kinoki“, eine animierte Dokumentation über das Massaker in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon, begangen von christlichen Milizen (Falangisten). Der Film lässt uns sprachlos zurück.

Bagel-Bar mit eigenem kleinem Kinosaal, wir schlemmen Erdnussbutter-Marmeladen-Bagel und gucken einen Film

Reden und diskutieren bis tief in die Nacht mit einem Mitglied der spanischen CNT (anarchosyndikalistische Gewerkschaft)

Veranstaltung über transgene Lebensmittel und Monsanto mit Musik, Info-Stellwänden und natürlichen Maisprodukten zum Verkauf, mit Teilnahme der Organisation „Abejas“

Spaziergang zur Kirche Guadelupe, Blick über die ganze Stadt, im Tal zwischen den Gebirgsketten

Bar Katrinas, voll gestopft mit Figuren der Katrina (einer weiblichen Skelettfigur), der Barmann freut sich wie ein Kind über meine paar Worte Tzeltal, die ich zum besten gebe


Acteal

21.10.09

Acteal – erstes Bild: Eine hohe Säule leidender, sich windender, schreiender Menschen, die sich in den Himmel schraubt. Denkmal für die Opfer des Massakers am 22. Dezember 1997, als Paramilitärs hier 45 Menschen umbrachten: 15 Kinder (darunter zwei unter einem Jahr alt), 21 Frauen (vier von ihnen schwanger), sowie 9 Männer.
Acteal ist eine Gemeinde der Organisation "Abejas“ (= Bienen), eine religiöse, strikt pazifistische Gruppierung, die sich im Widerstand befindet und ähnliche Forderungen wie die Zapatistas formuliert.
Die Gemeinde besteht aus wenigen Häusern, einer Kirche und einem kleinen Amphitheater. Gemalte Bienen an den Wänden. Leinen mit buntem Plastikschmuck sind zwischen den Häusern gespannt, symmetrische Formen und „Viva Acteal“ sind in die farbigen Plastikrechtecke geschnitten und werfen flatternde Schatten auf den erdigen Boden.
Wir sitzen lesend in der Sonne. In einem Gebäude (wie wir später erfahren, handelt es sich um die alte Kirche, in der das Massaker stattfand) probt der Chor der Abejas für den morgigen Auftritt. „Paz“ ist ein Stichwort, das in den Gesängen immer wieder fällt, aber auch die Rechte der Frauen werden neben den Lobpreisungen des Herrn in den Liedern besungen. Der Wind trägt die Melodien durch das Dorf.
Die Frauen tragen schwarze lange Röcke und lila Blusen, die mit schwarzen Mustern bestickt sind. Die schwarzen Haare glänzen in der Sonne, fallen glatt über die Schultern oder sind zu zwei langen Zöpfen geflochten.
Wir essen gemeinsam mit der „Mesa Directiva“, der gewählten Leitung der Abejas, in einer dunklen Holzhütte mit lehmigem Boden. Ein langer Tisch und zwei ebenso lange Holzbänke stehen in der vorderen Hälfte des Raumes. Ein Feuer brennt, auf dem ein großer Blechtopf steht. Frijoles und Tortillas werden aufgetischt, dazu Radieschen und bröckeliger weißer Käse am Mittag; Tomaten – Zwiebel – Salat am Abend. Zu Trinken gibt es süßen, wässrigen Kaffee oder ein dickflüssiges Getränk, dass aus Maisteig, Wasser und Zucker besteht.
Kleine Kinder mit großen dunklen Augen, denselben traditionellen Kleidungsstücken und schmutzigen Gesichtern stolpern über den Boden oder werden von ihren Müttern oder nur wenig älteren Geschwistern in Stoffbahnen auf dem Rücken getragen.

Große hellgrüne Insekten, die aussehen wie schmale Blätter, werden von kleinen Jungs mit Dreck und Steinen beworfen.
Fledermäuse flattern durch den Lichtkegel einer Laterne. Magere Hunde schleichen geduckt umher und weichen gelegentlichen Tritten aus.


22.10.09 Monatliche Zeremonie zur Erinnerung an die Opfer des Massakers

Die Mesa Directiva trägt schwarze Fellüberwürfe und Hüte, von denen bunte Streifen herabhängen. Eine Gruppe von Musikern spielt auf groben hölzernen Instrumenten: Harfe, Trommel, Gitarre und eine Geige mit nur zwei Seiten. Eine alte Frau mit grauen Strähnen in den geflochtenen Zöpfen trägt eine Tonschale vor sich her, aus dem Weihrauch in großen Wolken gen Himmel zieht. Mehrere Frauen, ein weißes Tuch mit dunklen Blumenmustern über den Kopf gezogen, reihen sich hintan. Der Zug dreht einige Runden über den Dorfplatz.
Viele Presseleute sind gekommen und knipsen aus allen erdenklichen Winkeln das Geschehen.
Anschließend formieren sich alle im Amphitheater. Einer der Responsables (Verantwortlichen) heißt die Gäste Willkommen und hält eine Rede, in der er erklärt, es sei Strategie der Regierung, sie durch Manipulation der Medien zu kriminalisieren, in denen behauptet wird, sie hätten Waffen etc.
Das Massaker sei von der Regierung geplant und durchgeführt worden, da es mit Verleumdung in der Presse und Repression einhergeht und die nur 200 m entfernte Militärstation nicht eingeschritten sei.
Er berichtet von der Entlassung der Arbeiter_Innen des Elektrizitätswerks in DF, bedauert, dass die Abejas nicht an der großen Demonstration teilnehmen konnten und bekundet Solidarität mit den betroffenen Arbeiter_Innen und der Gewerkschaft.
Immer wieder betont er den pazifistischen Charakter des Widerstands der Abejas und erklärt sie wollten weder Gewalt noch den Tod der Paramilitärs, weil sie nicht die gleichen Mittel der Regierung nutzen wollen, sondern einen friedlichen Weg zur Gerechtigkeit suchen.
Am Schluss fordert er Bestrafung der Paramilitärs und die Freilassung aller politischen Gefangenen.
Anschließend hält ein Repräsentant von Frayba eine Rede, die vom Freispruch von 20 Personen handelt, die am Massaker beteiligt waren. Damit entziehe sich der Gerichtshof selbst jeglicher Legitimation.

„Die Regierung klassifiziert uns als gewalttätig, als subversiv. Sie sagen, wir provozieren die Revolution. Doch wer die Revolution provoziert, ist die schlechte Regierung!“ – ein indigener Priester während der Zeremonie zum Gedenken an das Massaker. Auch betitelt er die Kirche als „Anwalt der Unterdrückten“ und verweist auf lateinamerikanische Bischöfe, die geprägt durch die Befreiungstheologie sagten, die Kirche müsse den Kampf der indigenen Bevölkerung für ihre Rechte unterstützen und ihre Stimme erheben, könne nicht tatenlos zusehen. Diese Aussagen müssten durch Taten unterstrichen werden, meint der Priester und vergleicht den jetzigen Kampf der Abejas mit Jesus, der sich der religiösen und politischen Macht widersetzt hatte, um „Samen der Hoffnung in die Herzen der Unterdrückten zu sähen, den Armen geholfen und Ungerechtigkeit angeprangert“ habe. Er wurde vom System Herodes und Pontius Pilatus gekreuzigt, heute seien die Indígenas die, die vom gleichen System gekreuzigt würden.
Sie seien die, die die Wahrheit innehätten, denn sie seien die Überlebenden – nicht die Gerichte, die aus der Ferne auf der Grundlage von Lügen urteilen.

Es folgt eine katholische Messe, die allerdings eindeutig von indigenen Bräuchen beeinflusst ist. Der Chor singt zwischendurch, eine kleine Band mit Keyboard und Schlagzeug ebenfalls. Am Schluss stehen alle auf und tanzen mit kleinen, unscheinbaren Schritten auf der Stelle.

Die Zeremonie wird beendet, indem alle ein Stockwerk tiefer gehen. Hier liegen die Leichen der Opfer begraben. Ein Gebet, von vielen Stimmen durcheinander gemurmelt, füllt den Raum. Fotos hängen an den Wänden, Kerzen brennen.



Wir sitzen an einem alten Holztisch mit Brandflecken, Kugelschreiberkritzeleien und Abdrücken von Kaffeetassen. Wenn die Sonne zu sehr brennt, schieben wir ihn in den Schatten. Und wir spielen Domino. Immer und immer wieder. Mit X., der eine sichtbare Delle am Kopf hat, Verbrennungen am Arm, der langsam wirkt – und der selbst erfundene Witze erzählt und Zaubertricks zeigt.

Manchmal kommen Menschen den Hang hinauf, tragen Feuerholz oder die großen Blätter der Bananenpalmen auf dem Rücken, ein Tragegurt führt über die Stirn. Der Schweiß läuft ihnen übers Gesicht. Sie schielen unter dem Tragegurt hervor. Freundlich lächelnd grüßen sie uns.

Hühner laufen übers Gelände, winzige Küken mit verschieden gemustertem Gefieder stolpern fiepend hinterher.

Die Tortillas schmecken wunderbar. Sie sind per Hand aus frischem Mais gemacht – das merkt man! Kein Vergleich zu den fast industriell mit Maseca (Monsanto!) gefertigten Tortillas, die man in der Tortillerías erstehen kann.

An der Straße fahren große Militärlaster vorbei, Uniformierte stehen auf der Ladefläche, Hände am Maschinengewehr. In der Nähe ist eine Militärbasis, direkt neben der zapatistischen Gemeinde Polhó – welch Überraschung!


„Während wir Domino spielen, erzähle ich euch ein bisschen vom Massaker“, sagt X. einmal beiläufig, „es sind neun meiner Familienmitglieder gestorben: 4 Geschwister (Schwestern), meine Eltern, mein Onkel, meine Großeltern“, zählt er an den Fingern ab. „Wer ist dran?“, fragt er dann und legt einen Dominostein an die Reihe.
Später erfahren wir, dass er alles mit ansehen musste. Er war damals zwölf und befand sich auf dem Dorfplatz. In der alten Kirche, ein dunkler Bretterverschlag, vor dem jetzt ein großes blaues Kreuz steht, fingen die Paramilitärs mit ihrem Massaker an. Als sie dort fertig waren, gingen sie auf den Dorfplatz und machten dort weiter.

Heute Morgen erzählt er, er sei ein wenig traurig aufgewacht. Er hat von seinem Vater geträumt, von Feldarbeit mit ihm. Alleine habe er es nicht geschafft, sein Vater half ihm.
„Piensas q el sueno te quiere decir algo?“, frage ich ihn, „Glaubst du, der Traum will dir etwas sagen?“
„Ja“, meint er. Sein Vater sei nun im Himmel bei Jesus und zeige ihm, welcher der gute, richtige Weg sei.

Wir spazieren die Straße entlang. Der Blick ist umwerfend. Weite Sicht auf Berge und Täler. Schäfchenwolkenteppich. Am Straßenrand stehen kleine Steinhäuser mit Wellblechdächern. Davor liegen Kaffeebohnen zum Trocknen aus, noch sind sie hell, wie eine Decke aus beigen Perlen bedecken die Bohnen den Boden.
Scheue Hunde, die zusammenzucken, wenn man sich ihnen nähert. An Wäscheleinen hängen die bunten Trachten der Frauen.
Pickups, Taxis und kleine Trucks mit Cola – Werbung ruckeln die Straße entlang, jedes Auto hupt. Wir fallen auf hier. Unsere weiße Haut fällt auf.
Manchmal ist ein Stück Straße weg gebrochen. Die Erosion zeigt Spuren. Teerbrocken liegen am Hang, ein Stück Mittelstreifen ist noch zu erkennen.
Der Wind trägt den süßlichen Gestank des Verrottens zu uns. Nach der nächsten Kurve zeigt sich der Ursprung. Ein Schwall bunten Mülls ergießt sich von der Straße über den Hang. Ein paar Männer schichten den Müll um, mit Spitzhacken und Spaten. Manche tragen einen Mundschutz. Sie stehen inmitten der Plastikflaschen, der Blechdosen, der Tüten und Tetrapacks, Dosen mit „Salsa Mexicana“ und Kunststoffbeutel, der Boden dampft und sie grüßen „Buenos dias“.



26.10.09

Als wir die Straße entlang laufen, kommt uns ein Militärfahrzeug entgegen. Das Maschinengewehr ist auf uns gerichtet, der Soldat an der Waffe trägt Uniform, eine Sturmmaske und eine verspiegelte Sonnenbrille. Auch die Soldaten, die hinter ihm auf der zweireihigen Bank auf der Ladefläche sitzen, tragen Sturmmasken. Ihre Gesichtszüge sind nicht auszumachen unter dem schwarzen Stoff. Die Augen erkennen wir, die Blicke liegen auf uns, folgen uns die Straße entlang.

Ein alter Mann lungert vor dem Büro der Mesa Directiva herum. Fragt, ob wir wissen, wann sie wiederkämen. Wissen wir nicht. Wahrscheinlich heute Abend.
Der Mann geht gebückt, die Zähne in seinem Mund stehen schief, eine Lücke klafft vorne. Das graue Haar ist spärlich. Auf dem Rücken trägt er ein ärmliches Bündel.
Ob wir ihm 20 Pesos leihen können, fragt er. Er wolle sich Tortillas kaufen, an der Straße. Er habe keine Frau mehr. „Gibt es noch welche?“, fragt er und meint die Frauen, antwortet sich selbst, er wisse es nicht. Oder leihen, vielleicht. Am Freitag bekämen wir sie wieder. Er wolle sich Tortillas kaufen.
Wir schütteln den Kopf „Tut uns Leid, wir können nicht“, sagen wir. Das Problem wäre dadurch nicht gelöst, wir würden nur Abhängigkeit schaffen – das sagen wir nicht.
„Dann bis morgen“, nickt er traurig und steigt langsam, bedächtig die Steinstufen zur Straße hinauf.

Ein Mann steigt den kleinen Trampelpfad hinauf und taucht zwischen den Büschen auf. Lichtes graues Haar bedeckt seinen Kopf, seine Haut ist sonnengegerbt und von Falten zerfurcht. Unter dem traditionellen weißen Gewand, das in einem Rock bis knapp über die Knie fällt, trägt er ein blau – kariertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Auf seinem Rücken liegt seine Machete auf, in einer hellbraunen Lederscheide und mit roten Plastikgriffen. Mit bloßen Füßen folgt er dem lehmigen Weg. Das Gehen fällt ihm schwer, er behilft sich mit zwei langen graden Ästen, mit denen er sich abstützt. Er blinzelt unter seinen weißen Augenbrauen hervor und grüßt uns lächelnd mit brüchiger Stimme. Kurz ruht er sich aus, auf einem der abgenutzten Plastikstühle, bevor er seinen mühsamen Weg fortsetzt. Er kommt von einem der Felder am Hang. Am Arm trägt er eine schmale Digitaluhr.

27.10.09

„Wir spazieren jetzt alle über die Fläche und wenn ich klatsche, ist es plötzlich ganz unvorstellbar kalt und wir frieren sehr“ – erklärt Roberto von den „Zapayasos“ die nächste Aufgabe. Die Zapayasos (von Zapatistas und Payasos) sind ein Kollektiv aus San Cristóbal, das Theater-Workshops in politisch organisierten indigenen Gemeinden durchführt. Heute sind sie auf Einladung der Mesa Directiva hier in Acteal und arbeiten mit der Abeja – Jugendgruppe „No Violencia“ (Keine Gewalt), die sich näher mit Theorie und Praxis des pazifistischen Widerstands der Abejas befasst.
Und so spaziere ich hier über den Betonboden des Amphitheaters, an den verschieden großen blauen Kreuzen vorbei, lausche aus Theater – Erfahrung wohlbekannten Aufgabenstellungen - und zittere und friere plötzlich im warmen Acteal.

Wir malen die Umrisse unserer Hand auf ein Blatt Papier, in jedem Finger beantworten wir eine Frage – nach dem Grund unserer Anwesenheit, unseren Zielen und unseren Sorgen.
Preocupaciones: Familia (salud de la mama, hijos en la escuela), situacion en todo el mundo. Cada vez mas violencia, situacion en Chiapas. Represion, militarización,…
(Sorgen: Familie (Gesundheit der Mutter, Kinder in der Schule); Situation auf der ganzen Welt: Immer mehr Gewalt; Situation in Chiapas: Repression, Militarisierung,…)
Es fällt auf, dass die Sorgen und Ängste sehr ähnlich sind, über Kulturunterschiede hinweg…

In einer Pause sitzen wir auf den Stufen des Amphitheaters, essen Mandarinen und Birnenhälften und wir fragen eine Frau über die Organisation der Abejas aus. Sie selbst stammt aus DF, hat studiert, sich dann aber in einer Comunidad (Gemeinde) verliebt und lebt jetzt seit drei Jahren als Tsotsil und Abeja. Sie hat einen kleinen Sohn von fast einem Jahr. Auch sie musste Kultur der Tsotsiles und die Struktur der Abejas verstehen lernen.
Einmal im Jahr finden Wahlen für die Mesa Directiva und sonstige Posten statt. Delegationen aus allen Abeja – Gemeinden reisen an (freiwillig, aber meist reisen sehr viele an), schlagen Kandidaten (-Innen nur theoretisch) vor und wählen dann. Diese werden dann gefragt, ob sie das Amt annehmen – akzeptieren aber nie sofort. Erst nach einer rituellen Phase des Überredens durch die Mesa Directiva und die eigene Gemeinde stimmen sie zu.
Sie erzählt, dass ihr Mann J. als Juez (Richter) nominiert wurde und die Mesa sie in ihrem Haus besuchte, um es ihm mitzuteilen. Sie brachten eine Kiste voller refrescos (Cola, Fanta, etc) mit. J. sträubte sich, er habe noch andere cargos (Aufgaben, Pflichten)… Sie gingen, versprachen aber wiederzukommen. J. erklärte seiner Frau, dass die refrescos erst getrunken würden, wenn sie wiederkämen.
Schließlich standen sie erneut vor der Tür, war J. nicht zu Hause. Sie fragten nach den envases (leeren Flaschen). Die refrescos waren allerdings unberührt, aber sie kam auf die Idee, ihnen stattdessen die leeren Flaschen mitzugeben, die sie von ihrem eigenen Gebrauch zu Hause hatten.
Als J. zurückkehrte und seine Frau ihm von der Begebenheit erzählte, war er bestürzt Mit der Rückgabe der envases war das Amt angenommen…

X.: „Mir gefällt der Workshop sehr, denn er lenkt mich kurz ab von meiner Trauer. Ich bin immer sehr traurig. Das Massaker ist jetzt 12 Jahre her.“

27.10.

In der alten Kirche sammeln sich Frauen. Ein taller (Workshop) für diejenigen, die atesanías verkaufen. Kleine Kinder krabbeln davor auf sonnenverbranntem Gras. Größere Kinder toben herum, ärgern sich, lachen. Klamotten und Gesichter sind dreckverschmiert, bei manchen zeichnet sich ein Blähbauch ab. Die Frauen tragen Babies in großen Stofftüchern auf ihrem Rücken, manchmal guckt ein Arm, ein Bein, ein Kopf heraus.
Die Frauen tragen immer Kinder im Schlepptau. Beim Kochen, beim Spülen, beim Haare waschen – und eben in Workshops.

28.10.

Beim Essen lernen wir die Gesundheitsbeauftragten kennen. Ein adrett gekleideter Mann mit Hemd und gepflegten Haaren spricht von seiner Arbeit, weist aber schließlich darauf hin, dass er noch am Lernen ist und nicht so viel weiß. „Er ist der Chef“, sagt er und weist auf einen kleinen Mann in traditioneller Kleidung, die Knie lugen knochig unter dem weißen Röckchen hervor. Gebeugt sitzt er über seinem Teller Frijoles und tunkt eine Tortilla hinein. Sein Gesicht ist faltig und freundlich. Wenn er Tsotsil spricht, scheint er zu Singen. „Er ist der Chef“ – Schönes Bild!

Am Nachmittag öffnet „der Chef“ eine kleine „Apotheke“, einen Raum in dem Bau, indem auch wir und das Büro untergebracht sind. Im Regal liegen kleine Plastiktüten mit verschiedensten getrockneten Blättern, Wurzeln und Samen. Begeistert erklärt er mir langsam in einfachem Spanisch, wie sie heißen, wofür oder wogegen sie helfen und wie man sie zubereitet. Sein Wissen hat er aus einem Buch, das er mir stolz präsentiert und von Kursen, die er besucht hat. Die Tütchen kosten 5 Pesos pro Stück, bei weitem weniger als konventionelle Medikamente, die für die Menschen hier fast unbezahlbar sind. Es ist ein wichtiges Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen, das hier versucht wird, wieder aufzuarbeiten. Ich bitte um ein Mittel gegen Bluthochdruck für Janosch. Er füllt mir eine Tüte mit kleinen hellbraunen Samen ab. Sie sind zu zerstampfen, dann drei Löffel in 1 Liter Wasser zu Tee aufzukochen.
„Wie viel schulde ich Ihnen“, frage ich und krame in meiner Hosentasche nach Geld. Der Mann lächelt „Nada“.
Ich widerspreche mehrmals, aber er bleibt standhaft, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich herzlich zu bedanken.
Zimt, ebenso aufgekocht, hilft übrigens gegen Husten, Kopf- und Bauchschmerzen.

Zwei Nachrichten erreichen uns in den Gemeinden.
Erstens (in Agua Clara): Barack Obama wird der Friedensnobelpreis verliehen
Zweitens (in Acteal): Barack Obama hat den größten Militäretat in der Geschichte der USA verabschiedet (680 Milliarden Dollar)
Ein kleines Mädchen in schmutzigem Kleid schlendert barfuss herum. Sie trägt ein Bündel großer Blätter in den Armen. „Es mi primita“, sagt X., „es ist meine kleine Cousine“. Auf meine Frage hin erklärt er mir, dass man die Blätter trocknen und zubereiten kann – dann helfen sie gegen Angst im Dunkeln.

01.11.

Día de los santos – Tag der Heiligen.
Es wird eine Messe abgehalten, die niemanden so recht zu interessieren scheint: Kinder rennen durch die Gegend, um den redenden Pfarrer herum. Hunde streunen durch die Zuschauerreihen. Die Leute unterhalten sich, lassen ihren Blick schweifen. Der Prediger wirkt stoisch und etwas verloren, wie er da hinter dem Berg an Tüten steht, in denen Blumen, Nahrungsmittel und Cola für die Toten bereit stehen. Seine Worte gehen im allgemeinen Gemurmel unter und die Kinder stehlen ihm die Show. Anschließend kommt Bewegung in die Szenerie: Wir gehen nach unten, zu den Gräbern. Kleine Gestecke orange-farbener Blumen bilden Teppiche vor den Grabplaketten, die in den Boden eingelassen sind. Colaflaschen werden aufgestellt, Tamales (eine Masse aus Mais und Frijol, die in ein Palmblatt eingewickelt ist), Erdnüsse, Chayotes (grüne, stachlige Früchte, die Kartoffel-ähnlich, aber saftiger schmecken), Bananen, Äpfel,.. alles sorgfältig vor den Gräbern verteilt, dargeboten. Zu jedem Blumengesteck wird eine lange dünne Kerze gelegt. Eine nach der anderen werden sie angezündet - das Blumen- verwandelt sich in ein Lichtermeer aus flackernden Flammen, die den Raum nach und nach in schummriges Licht tauchen. Eine trockene Wärme breitet sich aus, während die Menschen sich auf den staubigen Boden knien und mit vielen Stimmen in viele Gebete einstimmen. Musik wird gespielt, mit Geige, Harfe, Gitarre und Rassel, alles grob gefertigt aus hellem Holz. Trauer und Ausgelassenheit, Leben und Tod scheinen hier sehr nah beieinander. Nicht nur die Opfer des Massakers, auch die vielen Kinder sind allgegenwärtig. Der Rauch der vielen kleinen Flammen füllt den Raum und lässt die Luft dick werden. Als die Gebete enden, werden die Getränke und das Essen verteilt. Es bilden sich Gesprächskreise, jeder und jede hat ein Tamal in der Hand. Langsam brennen die Kerzen hinunter.

M., der für uns zuständig ist, nimmt einen von uns beiseite. Wir sollten heute besser nicht mehr hoch zur Straße gehen. Es seien viele Betrunkene unterwegs, die vielleicht gefährlich werden könnten.
Drei von uns gehen trotzdem hoch, um Zigaretten zu kaufen. Eine Frau ruft ihnen auf Tsotsil hinterher. Sie fragt, ob sie mit ihnen mitlaufen kann, sie hat Angst vor den Betrunkenen. Die drei begleiten sie zu ihrem Haus, es ist etwa 20 Meter entfernt.

Die Situation der Frau ekelt mich an. Die Rollenverteilung fängt schon bei den Kindern an. Die kleinen Mädchen tragen Verantwortung und ihre kleinen Geschwister auf dem Rücken, helfen in der Küche, wirken schon mit fünf sehr erwachsen in manchen Momenten. Die kleinen Jungs toben herum, spielen und bekommen in der Küche ihr Essen serviert.
Die Frauen machen Tortillas, kochen, spülen, waschen, sorgen sich um die Kinder und helfen den Männern auf dem Feld.
Einmal fragen wir eine Frau, die zum Kochen eingeteilt ist, ob sie sich zu uns an den Tisch setzen will und essen. Ihr Mann antwortet für sie „Nein, sie hat schon gegessen.“ Als wir vom Spülen wieder kommen (zumindest darauf bestehen wir!), sitzt sie bei der Küchenablage und isst das Essen von gestern.
Die Frauen sind meist viel jünger als die Männer, aber viel mehr von Altersspuren gezeichnet. Das ständige Stehen im Rauch des Feuers über dem gekocht wird, sorgt für eine extrem hohe Rate an Lungenkrebs (und jeglichen anderen Lungenkrankheiten).
Der für uns zuständige Abeja hat einen von uns als unseren Repräsentanten auserkoren. Am letzten Abend sitze ich neben ihm, der Mann bedankt sich förmlich für unsere Anwesenheit, verabschiedet sich – mich würdigt er dabei keines Blickes.

Als Menschenrechtsbeobachter_Innen sind wir damit mit der tagtäglichen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte der Frauen konfrontiert. Aber um deren Rechte zu schützen, sind wir offensichtlich nicht hier… Es ist schwer, damit umzugehen. Wenn wir handeln, den Frauen Arbeit abnehmen wollen oder sie mehr ins soziale Leben integrieren, hat das unter Umständen schwerwiegende Folgen – unter denen die Frauen leiden, nicht wir. Oder es besteht die Gefahr, dass keine Menschenrechtsbeobachter_Innen mehr angefordert werden, wenn diese zu sehr die Ordnung stören.
Das ändert nichts daran, dass mir schlecht wird, wenn ich mit ansehe, wie die Männer reinkommen, das Essen verschlingen und wieder gehen. Die Teller bleiben stehen. Ein „Danke“ bekommen die Frauen nicht zu hören. Es ist ja Selbstverständlichkeit. Die Frauen bleiben im Hintergrund, servieren scheu.

Alkohol ist in den Abeja – Gemeinden verboten. Wir sehen dennoch mehrmals Menschen, die lallen, schreien, Probleme haben, zu laufen. Eines Abends hören wir Rufe, metallisches Schlagen. Ein Mann steht mit entblößtem Oberkörper am Amphitheater. Später schleppen drei Männer einen in ihrer Mitte zur Dusche. Er schreit, wehrt sich. Nur mit viel Mühe können die drei ihn in den kleinen Raum zwängen und absperren. Die Dusche ist der Knast. Ausnüchterungszelle. Hier bleibt er bis morgen früh. Er jault und tritt mit Wucht gegen die Tür.
Eine alte Frau, zitternd und scheinbar blind wird von den Männern nach Hause geführt. „Er hat seine Mutter belästigt“, erklären diese den vorübergehenden Freiheitsentzug. Geschlagen heißt das wohl.

Zurück in San Cristóbal erfahren wir, dass weitere neun Personen, die für das Massaker in Acteal verantwortlich sind, freigelassen wurden.
9.11.09 02:34


01.10.-14.10.09 Zapatisten, Tzeltal und viel Natur

01.10.09 – Caracol Morelia

Nach einer langen Fahrt und mehrmaligem Umsteigen befinden wir uns schließlich auf dem letzten Streckenabschnitt – eine Schlaglochreiche Fahrt über unbefestigte Straßen. Wir sitzen auf engen Sitzbänken, die auf der Ladefläche eines Pickups montiert sind, neben uns Säcke mit Mais und anderen Lebensmittel, gegenüber indigene Frauen mit weißen bestickten Blusen und schwarzen Röcken, die mit bunten Streifen verziert sind. Wir poltern an Feldern vorbei, an wild gewachsenen Bäumen, an eleganten Stieren mit glänzendem Fell und stolz erhobenem Haupt, die auf sanften Hügeln grasen. Die Sonne brennt.
An einer Weggabelung bleibt das Auto stehen. „Aqui les dejo“ (Hier lass ich euch raus), erklärt der Fahrer. Vage zeigt er in eine Richtung, da vorne sei das Caracol.
Die schweren Rucksäcke auf dem Rücken stapfen wir über den staubigen Weg. Die Hitze treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Ein stark betrunkener junger Mann läuft neben uns her, auf Englisch und Spanisch lallt er unverständliche Worte.
Als wir nach einem kurzen Irr- und Umweg wieder auf ihn treffen, liegt er flach am Straßenrand und ruft nach seiner Mama.
In Morelia werden wir freundlich begrüßt. Auch hier werden wir am Eingang empfangen und zu einem ersten „Tribunal“ geleitet, das uns nach Herkunft, Namen und Anliegen fragt. Vermummt ist hier allerdings niemand, man lächelt uns offen an.
Es ist 12 und gerade Mittagspause, deshalb bittet man uns zu warten bis die Junta wieder an die Arbeit geht. Wir machen es uns auf einer Bank im Schatten eines Baumes gemütlich, dankbar für die Pause.
Auch hier gibt es einen großen Basketballplatz und die Holzlatten der Hütten sind bunt bemalt mit roten Sternen, EZLN – Schriftzügen, vermummten Sonne, Mond und Sternen, sowie dem obligatorischen Zapata. Junge Frauen lächeln uns schüchtern aus sicherer Entfernung zu. Eine von ihnen, mit ihrem jungen Sohn in einem Tragetuch, postiert sich schließlich direkt hinter mir und bestaunt meine vielen Ohrringe. Meine Fragen beantwortet sie knapp, man merkt, dass Spanisch ihre Zweitsprache ist.
Schließlich betreten wir das Büro der Junta, einen einfachen Raum, in dem sich eine Gruppe von Frauen und Männern verschiedenen Alters um einen runden Tisch drängen. Wir lernen die Liebe zur Bürokratie der Zapatist_Innen kennen, die uns mit einer Reihe von Fragen löchern. Sorgfältig notiert jede und jeder unsere Angaben, das Schreiben von Frayba wird rumgereicht, notfalls wird mit TipEx korrigiert.
Auf viele Fragen wissen wir keine Antwort, so wollen sie beispielsweise wissen, wann Carea gegründet wurde und wie viele Mitglieder der Verein hat. Misstrauisch fragt einer: „Wenn das eure Organisation ist – warum wisst ihr das nicht?“
Aber als wir erklären, dass diese Organisation uns zwar auf die Menschenrechtsbeobachtung vorbereitet hat, wir aber ansonsten nicht dort mitarbeiten, nicken sie verständnisvoll.
Nachdem alle Fragen abgearbeitet sind, setzen wir uns erneut auf die Bank, um auf die Entscheidung der Junta zu warten. Ein Grashüpfer landet auf meiner Schulter.
Ich blinzle in die Sonne und lasse meinen Blick über die bewaldeten Berghänge schweifen.
Irgendwann kommt einer der Zapatisten zu uns und erklärt, es wäre besser, wir würden morgen erst losfahren und zeigt uns die Unterkunft für Menschenrechtsbeobachter_Innen, eine recht große Hütte mit Holzliegen, zwei Hängematten und revolutionären Grüßen aus aller Welt an den Wänden.
Sofort wird uns auch angeboten, in die Küche zu kommen und etwas zu essen. Wir sind von der überschwänglichen Gastfreundschaft schwer beeindruckt.
Tatsächlich stehen in der Küche drei riesige Blechtöpfe bereit, die mit Kaffee, Frijoles und Reis gefüllt sind, der Reis ist mit Zwiebelstreifen und Tomatenstücken versetzt.
In der Küche und im Raum nebenan stehen hölzerne Tische und lange Bänke, an denen die Zapatist_Innen sitzen und beim gemeinsamen Essen in Schweigen vertieft sind. Besteck gibt es kaum, Tostadas (auf dem Feuer getrocknete Maistortillas) werden als essbare Löffel verwendet.
Gegen Abend zieht es plötzlich innerhalb von Sekunden zu, der Himmel wird grau und Regentropfen prasseln hernieder. Wir suchen Schutz in unserer Hütte bis der kurze Regenschauer genau so schnell wieder zu Ende ist, wie er begann.
Auf dem Basketballplatz findet ein Match zwischen drei jungen Frauen und einem Mann statt, die sich mit herzhaftem Lachen die Bälle zupassen, während ein malerischer Sonnenuntergang den Himmel färbt.
Einer der Zapatisten fragt mich, woher ich komme. „Aus Deutschland“, antworte ich.
„Wo liegt das?“, will er wissen und ist erstaunt, dass es in Europa liegt und nicht in den USA.
„Wie lange braucht man bis Deutschland mit dem Auto?“, fragt er interessiert weiter.
Als ich erkläre, dass man mit dem Auto gar nicht bis dorthin fahren kann, weil ein Meer dazwischen liegt, nickt er.


02.10.09 Morelia – Agua Clara bis 14.10.09

„Buenos dias, compas“ (Guten Morgen, compas / Geschlechtsneutrale Abkürzung für campanero/companera, also Genosse_In), werden wir begrüßt. Wir erfahren, dass wir die Menschenrechtsbeobachter_Innen in Agua Clara unterstützen sollen und bekommen eine ausführliche Skizze des Weges in die Hand gedrückt. Bevor wir aufbrechen, nehmen wir allerdings noch ein reichhaltiges Frühstück aus Frijoles und Reis zu uns. Verschiedene Zapatisten schenken uns massenweise Tortillas und sogar Avocado, was nicht zum alltäglichen Essen gehört. Wir fühlen uns reich beschenkt, können unser Gefühl der Dankbarkeit kaum in Worte fassen.

Nachdem uns eine Repräsentantin der Junta noch einen Brief für die Zuständigen in der Gemeinde Agua Clara in die Hand drückt (auf dem wundersamer Weise der Schreibfehler in meinem Nachnamen, den Frayba gemacht hatte, korrigiert wurde), machen wir uns schließlich wieder auf den Weg.

Nach nochmaligem zweimaligem Umsteigen und einem langen Fußmarsch quer durch die Stadt bei einem der Zwischenstops, steigen wir schließlich in das colectivo, dass uns nach Agua Clara bringen soll. Unterwegs passieren wir eine Militärkontrolle, an der ein gepanzertes Fahrzeug mit einem uniformierten Soldaten am montierten Maschinengewehr bereitsteht und Sandsäcke in Tarnfarben aufgetürmt sind. Wir können aber unbehelligt weiterfahren.
Weiterhin bemerken wir eine große Polizeipräsenz an der Kreuzung zu Agua Azul, einem Ort, der für seine blauen Wasserfälle berühmt ist und kurz vor Agua Clara liegt. Zwei Polizeitransporter und mehrere Gruppen von Polizisten in blauen Uniformen sammeln sich hier.

Später erfahren wir, dass Agua Azul, das ehemals von Zapatist_Innen besetzt war, im April von Militärs gestürmt wurde. Bei dieser Aktion gab es mehrer Festnahmen und seitdem war der Ort, mitsamt dem Kassenhäuschen, bei dem von Tourist_Innen ein geringer Betrag für das Besichtigen des Naturspektakels kassiert wird, in der Hand von Regierungstreuen. Vor ca. 1 ½ Wochen jedoch haben Sympathisant_Innen der „Anderen Kampagne“ erneut das Kassenhäuschen besetzt, was auch die Anwesenheit der Polizei erklärt.

An der Kreuzung zu Agua Clara verlassen wir das Colectivo. Der Fahrer klettert über eine schmale Metallleiter aufs Dach und reicht uns unser Gepäck herunter, das dort verschnürt worden war. Nun stehen wir etwas verlassen an der Straße in der prallen Sonne. Zwei Männer sitzen am Straßenrand im Gras und sehen gleichgültig zu uns herüber. Dem Wegweiser Richtung „Agua Clara“ folgend, laufen eine geteerte Straße hinab. Nach einigen Metern sitzt ein Grüppchen Männer auf dem Weg und verlangt von uns 20 Pesos pro Person, um an den Fluss zu gelangen. Es handelt sich um regierungstreue Bauern, Priistas (abgeleitet von der Partei PRI, die bis im Jahr 2000 70 Jahre lang Mexiko regierte), die zwar das Hotel und das Gelände am Fluss nicht verwalten, aber trotzdem davon profitieren wollen.
Anschließend schleppen wir uns weiter die Straße hinab, die von bunten tropischen Blüten gesäumt ist und rechts den Blick freigibt auf ein grün bewuchertes Tal. Die Rucksäcke lasten schwer auf unseren Schultern, die Hitze strapaziert unsere Schweißdrüsen und hinzu kommen gierige Moskitos, die uns offensichtlich für ihr Mahl auserkoren haben.
Endlich gelangen wir zu einer improvisierten Schranke, ein dünnes Seil, das über die Straße gespannt ist, in der Mitte hängt ein weißes Stück Stoff, das mit einem roten Stern und dem Schriftzug „EZLN“ bemalt ist.
In dem kleinen Holzunterstand dahinter befinden sich zwei freundlich blickende Männer, deren Lächeln sich zu einem Strahlen ausweitet, als wir erklären, dass wir als Menschenrechtsbeobachter_Innen von Frayba kommen. Überschwänglich werden wir begrüßt. Durchs Funkgerät gibt unser Compa Bescheid, dass wir da sind, dann weist er uns den Weg, zu dem Hotel, das die Zapatisten seit `94 führen, als der damalige Besitzer weggelaufen ist.
Im großen offenen Eingangsbereich heißen uns die drei Beobachter_Innen Willkommen, die schon hier sind, sowie ein junges Pärchen aus Deutschland, das gerade hier Urlaub macht.

Agua Clara ist nicht im eigentlichen eine Gemeinde, sondern es handelt sich im Grunde um ein Tourismusprojekt der Zapatisten, das vom Konflikt mit den Priistas überschattet ist.
Anders als in einer Gemeinde ist man hier als Beobachtende_r in einem Hotelzimmer untergebracht und wir fühlen uns deshalb manchmal eher als wären wir als Tourist_Innen hier, auch wenn die Zapatisten an jeden Satz mit Freude ein „compa“ anhängen.

Insgesamt nehmen wir unterschiedlichste Eindrücke von Agua Clara mit, die vor allem von der überbordenden Natur geprägt sind:

Viele, viele Moskitos surren an unserem Ohr vorbei, umkreisen uns tagtäglich und bescheren mir allein am linken Knie zeitweise 50 Stiche. Regelmäßiges Klatschen auf Körper und Tische beim Versuch, ihren Blutsaugeprozess zu stören, führt zu allgegenwärtigen Rhythmen.

Einer der Compas fragt immer wieder interessiert nach deutschen Wörtern und Sätzen. Im Gegenzug bringt er mir meine ersten Worte Tseltal bei – eine der meist gesprochenen indigenen Sprachen in Chiapas. „Binawilel?“, wiederhole ich immer wieder, „wie geht’s dir?“, bis ich mir die Aussprache einpräge.

Bunte Schmetterlinge in allen Formen und Farben tanzen im Sonnenlicht, vollführen grazile Figuren über Sand oder Gras und lassen ihre farbigen Flügel im Licht erstrahlen.

Eine lange, schmale Hängebrücke führt über den Fluss, die einem Indiana Jones – Film alle Ehre machen würde. Zwischen den Brettern klaffen immer wieder Ritzen, durch die das klare blaue Wasser schimmert. Bei jedem Schritt schwankt die Brückenkonstruktion. Das Holz wirkt alt, eine Latte fehlt komplett.

Gelb gefärbte Blätter liegen auf dem Sand am Flussufer. Die hölzernen Pavillons auf dem Hotelgelände sind morsch geworden, halb verfallen und vielfältig bewachsen. Lianen hängen von den Baumkronen und berühren die sanften Wellen des Flusses. Die großen Palmblätter von Kokospalmen ragen in kräftigem Grün in den sanftblauen Himmel.

Das Wasser schimmert türkis-grün. Am gegenüberliegenden Ufer waschen Indigenas ihre Wäsche. Weiße Wasservögel fliegen in Schwärmen flussabwärts. Fliegende Fische springen in kleinen Bögen aus dem Wasser.
Zwischen den Steinen ist die Strömung stark, reißt mich mit sich bis ich wieder still auf der Wasseroberfläche treibe, mein Gesicht dem blauen Himmel zugewandt, in dem weiße Schäfchenwolken hängen.

Libellen mit schillernden Flügeln paaren sich. Kolibris verharren kurz in der Luft.

Kahlgefressene Ameisenstraßen führen über das Gelände. In stillem Tanz bewegen sich Blattstücke auf den Rücken der Tiere über die Wege und bis in weitläufige Siedlungen großer Ameisenhügel.

Auf der Terrasse des Hotels hängen geflochtene Hängematten. Ein Zapatist mit Che Guevara – Shirt lässt sich sachte darin schaukeln. In den Zimmern und der Eingangshalle rattern alte Ventilatoren und bringen die heiße schwüle Luft in Schwingung. „Bienbenido al balneario El Salvador“ prangt an der Wand des Eingangsbereiches über einem großen Gemälde Emiliano Zapatas.
Alte getrocknete Maiskolben in blassen Gelb- und Rottönen liegen auf dem offenen Flur.
Im Männerklo sitzen kleine Fledermäuse an den Wänden, vollführen morgens aufwendige Streckübungen und gähnen ausgiebig.

Der Geschmack von frischen Bananen, von Tortillas, Frijoles…

Wir unternehmen Spaziergänge zu der Hütte am Eingang, wo die Zapatisten Wache halten und Eintritt von Touristen verlangen. Ein kleines Feuer brennt stetig, dessen Rauch die Moskitos fernhalten soll. Die Macheten, immer griffbereit, erinnern an die Gefahr und die Anspannung, die die paradiesische Umgebung einen fast vergessen lässt.

Die Dämmerung offenbart einen Sternenhimmel im Gras – unzählige Glühwürmchen glimmen auf und lassen die Wiesen funkeln.
Nachts werden die Wände lebendig. Die Eidechsen jagen kleinen Nachtfaltern hinterher. Ratten huschen durchs Gebälk. Kröten und kleine Frösche hüpfen über die Gänge und versuchen Grashüpfer zu fangen. Schwarze pelzige Spinnen und handtellergroße Taranteln mit rot gefärbtem Hinterleib stolzieren über den gefliesten Boden. Riesige Nachtfalter mit massigen Leibern schwärmen dem elektrischen Licht entgegen.
Die Natur wird laut in der Nacht, Grillenzirpen, Geräusche in der Dunkelheit.
Vollmond, Sternenhimmel.


14.10.09

Wir brechen früh auf. Während ein colectivo uns nach Palenque bringt, färbt der Sonnenaufgang den Urwald in sanftes Licht.
In Palenque frühstücken wir in einem kleinen Lokal an der Straße, anschließend schlagen wir den Weg nach „Las Ruinas“ ein. Hierbei handelt es sich um die Ruinen einer Mayastadt, die ihre Blütezeit ca. um 630 bis 740 n. Chr. hatte.
Die Ruinenstadt liegt mitten im Urwald. Als wir ankommen, fallen frühe Sonnenstrahlen schräg durch das Blätterdach. Pyramidenförmige Tempel erheben sich vor der Wildnis, die alle ohne Packtiere, Metallwerkzeuge oder das Rad erbaut wurden.
Mystisch ragen die ehemals blutrot getünchten Pyramiden in den blauen Himmel und heben sich weiß von der Urwaldkulisse ab. Reliefe von Totenköpfen und Gesichtern im Gestein. Steintafeln mit Inschriften und Abbildungen von Herrschern.
Dunstschwaden hängen in den bewaldeten Berghängen, die sich hinter den steinernen Bauten bis zum Horizont erstrecken.
Dunkle, feuchte Gänge durchziehen die Tempel, spärliches Licht fällt aus kleinen Öffnungen in die Tunnel.
Verfallene Gesteinsreste zwischen wild wuchernden Pflanzen. Kleine Wasserfälle sprudeln über gestaffelte Felsüberhänge.
Das Erklimmen einer der Pyramiden erlaubt den Blick über die zentrale Tempelanlage, die sich majestätisch aus dem Urwald hebt – hohe Pyramiden, ein Wachturm, ein Irrgarten aus überdauerten Mauern.

Erst nach dem spontanen Abstecher zu dieser beeindruckenden archäologischen Stätte begeben wir uns auf den langen Rückweg nach San Cristóbal, wo wir abends um 19.00 Uhr ankommen und nach einem fulminanten Mahl müde ins Bett fallen.
21.10.09 07:46


23.09.09 – 31.09.09 Erste Woche in San Cristóbal de las Casas

Am frühen Morgen rüttelt mich Janosch wach – “Guck mal raus!”. Seiner Aufforderung folgend blicke ich aus dem Fenster des fahrenden Busses. Die Sonne geht orange glühend auf und taucht einen See in mystisches Licht. Kleine Inseln mit karg bewachsener roter Erde ragen aus dem Wasser. Rund herum eine Berglandschaft, die mit kräftigem Grün überzogen ist.
Vitaler Pflanzenreichtum säumt nun die Straße, verschiedene Grüntöne, Blätter, Pflanzen, Gewächse bescheinigen, dass wir uns im Regenwaldgebiet befinden.
Das lebendige Grün und das gleißende Licht des Sonnenaufgangs stimmen mich euphorisch und ich habe das Gefühl, jetzt erst richtig in Mexico angekommen zu sein.
In Tuxtla Gutierrez steigen wir in ein colectivo um, ein kleiner weißer Bus mit ca. 10 Sitzplätzen, mit dem wir uns die Straße entlang winden. Ich kann mich nicht satt sehen an den bewaldeten Hügeln und den grünen Tälern, in denen noch dampfige Nebelschwaden hängen, aber von strahlend blauem Himmel überspannt werden.

San Cristóbal de las Casas ist ein Städtchen, das deutlich kleiner wirkt als knapp 130 000 Einwohner stark. Es wurde 1528 als Stützpunkt der Spanier gegründet, war am 01. Januar 1994 eine der vier Städte in Chiapas, die von der EZLN (Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional – das Zapatistische Heer zur nationalen Befreiung) zu Beginn ihres Aufstands besetzt wurden und ist inzwischen bekannt und beliebt unter Rucksacktourist_Innen aus aller Welt, sowie eine Basis für diverse Menschenrechtsorganisationen und soziale Projekte.

Wir kommen in einer Unterkunft für Freiwillige in sozialen Projekten unter, in der wir etwa drei Euro pro Nacht zahlen. Die Wände sind bemalt mit zapatistischen Symbolen, linkspolitische Sticker aus aller Welt zieren den Kühlschrank, es gibt eine gemütliche kleine Gemeinschaftsküche und eine Dachterrasse, die zum Frühstück im Sonnenschein einlädt.
Von hier aus erkunden wir die Stadt. Als erstes fallen uns die Unmengen an politischen Stencils und Graffitties auf, die die Hauswände schmücken, die unter anderem an das Massaker 1968 in Mexico DF erinnern, sich gegen Monsanto, Gewalt gegen Frauen, Repression und den Militarismus wenden.
Wir spazieren über das Kopfsteinpflaster des Kolonialstädtchens, trinken frischen Orangensaft in der Fußgängerzone, schlendern durch die Stände mit Artesanías, die geflochtene Gürtel, Armbänder, Stoffe, bunte Schals, traditionelle Gewänder der Indígenas und EZLN-Solishirts feilbieten, auf denen Subcomandante Marcos prangt.
Wir folgen grasbewachsenen Treppenstufen, pausieren auf einem der unzähligen kleinen Plätze mit kunstvoll verzierten oder schlicht bemalten Kirchen und blicken auf das kleine Dächermeer San Cristóbals, um das sich eine Bergkette rankt.
In den Straßen hängen bunte Girlanden, die Hausfassaden erstrahlen in den unterschiedlichsten Farben, Straßenhunde streunen herum, auffallend viele Indígenas tragen noch die traditionellen Röcke und Blusen, die mit verschiedenen Stickereien verziert sind.
Auf dem täglichen Mercado (Markt) türmen sich kleine Pyramiden von Obst und Gemüse auf den hölzernen Ständen, Berge von reifen Avocados, Bananen in allen Größen, Orangen mit vielen Kernen und saftigem Fruchtfleisch, kleine Lidschi-ähnliche Früchte mit weinroter Schale und Stacheln. Schalen mit Gewürzen, getrocknete rote Chilis, verschiedene Kräuter, kleine Knoblauchknollen. Plastiktüten voll Kaffee. Bottiche voller kleiner Bohnen in den unterschiedlichsten Farben, schwarz, rot, lila, weiß. Entfederte tote Hühner liegen aufgereiht auf den Markttischen. Krabben in kräftigem Orange sind in Plastikeimern getürmt.

Wir besuchen das Café Museo Café, ein kleines Café im überdachten Innenhof eines Gebäudes, das guten Kaffee einer Kaffeecooperative anbietet, in der 17000 kleine, meist indigene Kaffeeanbauern aus Chiapas organisiert sind. An den gelb gestrichenen Wänden hängen Fotos, alltägliche Szenen aus Chiapas, Menschen, Geschichten: die schwarz-weiß Aufnahme eines kleinen Kindes, das eine Straße entlang krabbelt, über ihm ein großer gesprayter Schriftzug „Libertad“.
An das Café angeschlossen ist ein kleines Museum, das die Geschichte der Kaffeeproduktion nachzeichnet, die Ausbeutung der Kleinbauern verdeutlicht und schließlich über die Kooperative informiert.

In der Bar „Revolución“, in der Kubafahnen und Che Guevara-Bilder hängen, trinke ich eine Pina Colada, während in einem Eck der Bar eine Live-Band spielt und dabei eine Reihe ungewöhnlicher Instrumente benutzt (u.a. den Unterkiefer eines Pferds (?), auf dessen Zähnen geschabt, auf dem geklopft und getrommelt wird).
In der Nacht werden wir krank, mich erwischt es stärker als Janosch, mein Magen spielt total verrückt und ich liege die folgenden zwei Tage komplett flach. Wir verdächtigen das Eis in den Cocktails, das wir in einer solch touristischen Stadt eigentlich für desinfiziert gehalten hatten. Mit einem von mir geschriebenen Zettel geht Janosch zur Apotheke und besorgt mir Tabletten, auch muss er notgedrungen alleine auf den Markt, wo er seinen ersten allein getätigten Einkauf meistert.

Wir gehen in ein kleines Programmkino, der Film wird in einem Zimmer gezeigt, in dem verschiedenste Sessel, Stühle und Sofas vor der Leinwand aufgestellt sind. Der Film spielt in Jugoslawien zur Zeit Titos und handelt von der Verhaftung eines Familienvaters aufgrund der Bemerkung über eine Stalin-Karikatur und der Situation seiner Familie.
Währenddessen knabbern wir mitgebrachte Kekse und ich versuche immer wieder flüsternd, Janosch die spanischen Untertitel zu übersetzen.

Am Montag melden wir uns zur wöchentlichen Vorbereitung bei Frayba, einer örtlichen Menschenrechtsorganisation. Den Vormittag über erläutert ein Spanier, der schon seit 94 in Chiapas aktiv ist, nochmals die Geschichte des Konflikts, die Strategie der mexikanischen Regierung und die aktuelle Situation in Chiapas. Nach einer Mittagspause, in der wir in einem etwas heruntergekommenen Lokal im zweiten Stock eines Gebäudes in Marktgegend frittierte Bananen und Guacamole zu uns nehmen, besprechen wir die Regeln der Menschenrechtsbeobachtung – Rücksichtnahme auf die indigene Kultur; beobachten, nicht einmischen; möglichst keinen Müll in den Gemeinden lassen, etc.
Anschließend werden die Gruppen zusammengestellt und wir erfahren, in welche Gemeinde wir am Mittwoch gehen werden.

Den Dienstag verbringen wir mit Einkäufen und Packen. Wir tragen Berge von Reis, Bohnen, Linsen zusammen, Tüten mit frischem Gemüse für die ersten Tage. Wir haben keine Ahnung, wie viel Essen wir für zwei Wochen brauchen werden, spekulieren nur.

Am Mittwoch begeben wir uns zum Stadtrand. Von allen Seiten werden uns Stadt- und Ortsnamen zugerufen, man winkt uns zu Taxis und Colectivos.
Eines der Colectivos bringt uns schließlich ins Caracol Oventik. In den Caracoles (= Schneckenhäuser) sitzt die Junta de buen gobierno (Der „Rat der guten Regierung“, im Gegensatz zur „schlechten Regierung“ Mexikos), die gewählte Vertretung der zivilen Strukturen der Zapatist_Innen.
Am Tor empfängt uns ein vermummter Zapatist, der unsere Reisepässe entgegen nimmt und uns nach dem Grund unseres Kommens fragt.
Wir folgen ihm in eins der kleinen Holzhäuser, in dem weitere 4 vermummte Zapatisten sitzen. Sie vermerken unsere Namen, Herkunft und die Organisation, die uns herschickt. Anschließend werden wir zur Junta geführt, die uns nach kurzem Warten herein bittet. Wir schildern unser Anliegen, Menschenrechtsbeobachtung machen zu wollen und überreichen den Brief von Frayba.
Sie bittet uns, draußen zu warten, bis sie eine Entscheidung getroffen haben. Oventik besteht aus einem abfallenden Weg, der von einem Basketballplatz abgeschlossen wird. An beiden Seiten ist er von Holzhütten gesäumt, die mit aufwendigen Gemälden revolutionärer Symbolik verziert sind.
Ein zerzaustes Huhn mit nicht minder zerzausten Jungtieren spaziert uns gegenüber auf dem Gras.
Am Horizont hängen tiefe Wolken zwischen bewaldeten Berghängen.
Schließlich dürfen wir wieder eintreten und bekommen die ernüchternde Antwort „No! No les podemos mandar!“ (= Nein, wir können euch nicht hinschicken)
Man bietet uns noch an, den Tag in Oventik zu verbringen, dankt uns und verabschiedet sich.
Frustriert und enttäuscht sitzen wir an der Straße oberhalb des Caracols. Ein Pickup mit Polizisten fährt an uns vorbei, sie winken uns freundlich zu.
Wir nehmen das erstbeste Taxi, das Richtung San Cristobal fährt und begeben uns so schnell wie möglich zu Frayba. Dort ist man nicht weniger verwirrt als wir. Es liege aber sicher nicht an uns, sondern habe sicherlich interne Gründe, versichert man uns.
Schließlich wird uns eine Alternative geboten: Wir sollen morgen zum Caracol Morelia fahren und dort anfragen, wo wir gebraucht werden.
Davon wieder freundlicher gestimmt, verbringen wir den Abend mit einem ausgedehnten Spaziergang durch San Cristobals Randbezirke. Von bunten Häusern, geschwungen beschrifteten Restauranttafeln und Backpacker-Unterkünften geraten wir in ärmliche Viertel mit dreckigen Straßen und schmucklosen Häusern. Kleine Kinder spielen auf einem Feldweg, grüßen uns strahlend.
Der Himmel zieht zu und ein Wolkenbruch ergießt sich über uns. Da wir keinen anderen Weg ins Zentrum finden, als umzudrehen und haargenau auf die gleiche Weise zurückzukehren und die Nässe unsere Kleidung klamm werden lässt, gönnen wir uns schließlich ein Taxi und flüchten in ein vegetarisches Restaurant. Dort genießen wir große Soyafleisch – Burger und gemischte Fruchtsäfte mit den klangvollen Namen „Mango Tango“ und „Enamorate“ (= „Verlieb dich“, aber auch Wortspiel mit Mora = Brombeere).
18.10.09 03:00


Montag, 21.09. und Dienstag, 22.09. - Hammer und Sichel im Präsidentenpalast

21.09.09

Heute starten wir einen erneuten Versuch, den Präsidentenpalast zu besichtigen – und voilá – nach Ausweiskontrolle, einem Blick in unseren Rucksack und Passieren der Metalldetektoren dürfen wir den Bau betreten. Direkt am ersten großen Treppenaufgang, der zu einem, zum rechteckigen Innenhof offenen Gang führt, erstreckt sich ein gigantisches Wandgemälde Diego Riveras, das die Geschichte Mexicos nachzeichnet. An deren Ende sieht Diego offensichtlich Karl Marx, der einer Einheit aus Arbeitern, Bauern und Soldaten den Weg in eine bessere Welt weist. Sich selbst stellt Diego als kämpferischen Arbeiter in einer Masse erhobener Fäuste und roter Fahnen dar, unter ihm ein Streik, bekämpft von Polizisten in gesichtslosen Gasmasken. Frida Kahlo mit einer Halskette, die von Hammer und Sichel geziert ist. Ein Geistlicher, der sich über eine Prostituierte beugt, drückt sich zusammen mit Generälen und Unternehmern in eine Maschine des Kapitalismus…
Es scheint absurd, dass ein solches Wandgemälde ausgerechnet den Präsidentenpalast schmückt und dort den Tourist_Innen zugänglich gemacht wird. Welch Ironie, dass sich Mexikos Regierung so gerne in die Nachfolge von Revolutionären und Kommunisten stellt, während die Repression in den Straßen allgegenwärtig ist und revolutionäre Gruppen sie tagtäglich zu spüren bekommen.
Weitere Wandbilder zeigen Szenen des Aztekenreiches und eine Inschrift erläutert, was die Welt Mexiko alles zu verdanken hat (Mais, Bohnen, Tabak, Kakao, Tomaten, Erdnüsse, Kaugummi, Ananas, Avocado,…).
Währenddessen stehen in regelmäßigen Abständen junge, kindlich wirkende Soldaten mit ihren großen Waffen herum und langweilen sich.
Wir streifen noch ein wenig durch den riesenhaften Palast und durch seinen kleinen Kaktusgarten, eine Gedenktafel erklärt uns, wie wohltätig es vom Präsidenten war, all das restaurieren und herrichten zu lassen, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen…
Anschließend lassen wir uns noch durch die Straßen der Stadt treiben, vorbei an verlassenen Markthallen für Artesanía (Handwerkskunst), den unzähligen Essensständen, offenen Lokalen, in deren Auslagen Berge rohen Hühnerfleisches zum Verkauf bereit liegen, vorbei an bunt bemalten Häusern und schiefen Kirchengebäuden.
Abends essen wir an einem der Stände in „unserem“ Park Tortillas mit Huitlacoche, einem parasitären Maispilz (der Name „Huitlacoche“ stammt aus der aztekischen Nahuatl – Sprache und wird mit „der schlummernde Kot“ übersetzt). Die von diesem Pilz befallenen Maiskörner verfärben sich dunkelblau bis schwarz und gelten als Delikatesse. Wir genießen den schmackhaften (Trüffel ähnlichen) Pilz mit Frijoles, Streifen grünen Salats und scharfer Soße in Maistortillas, während wir auf bunten Plastikhockern vor dem Stand sitzen und die Besitzerin ehrlich erfreut zusieht, wie Janosch genussvoll seinen Teller ableckt.
Anschließend suchen wir die Pulquería, die wir am Samstag besucht hatten und geraten dabei in den Regen und ins Gewirr Mexiko Cities Straßen, weswegen wir sie erst finden, als sie gerade zumacht und wir uns somit ins Hotel zurückziehen.

22.09.09

Heute Nachmittag wollen wir nach San Cristobal de las Casas aufbrechen, deshalb stehen wir früh auf, um noch einige Sachen zu erledigen. Nachdem wir unsere Rucksäcke gepackt haben, auch wenn sich der Reißverschluss des meinen nur mit Mühe, Not und viel Gezerre zuziehen lässt, begeben wir uns zunächst zum Markt, um dort Avocados, Tomaten und Bananen als Reiseproviant zu erstehen. Auf dem Weg dorthin, schauen wir noch kurz in den Justizpalast (natürlich nicht ohne eine ähnlich aufwendige Prozedur wie beim Präsidentenpalast zu durchlaufen). Auch dort sind neben einigen wenig spannenden Statuen von grauhaarigen Mitbegründern der Verfassung, die auf hohen Stühlen thronen, ein paar Wandbilder zu bewundern, unter anderem ein Treppenzug, der begleitet ist von Bildern des Schreckens und Verbrechens, die in Zimmern und Aktenschränken lauern – blutige Körper, vergewaltigte Frauen, Folter und Menschen, die untätig zusehen. Auch dies mutet merkwürdig an als Dekoration dieses Gebäudes…
Das Wandbild, das wir eigentlich sehen wollen (Justicia, die schläft, während neben ihr lauter Unrecht geschieht – der Künstler durfte sein Werk nicht mehr vollenden, weil das den Auftraggebern wohl doch nicht ganz in den Kram passte), ist allerdings momentan nicht einsehbar, weil es sich im zweiten Stock befindet, in dem sich gerade ein wichtiges Treffen abspielt.
Eigentlich wollen wir nochmals Maispilz-Tortillas zu uns nehmen, allerdings finden wir den Park unerwartet komplett frei von irgendwelchen Ständen vor, weswegen wir stattdessen wieder unseren veganen Reis-Bananen-Salat-Teller im Restaurant des Torta - Erfinders bestellen.
Anschließend begeben wir uns zu der Pulquería, um das gestrige Versäumnis nachzuholen. Diesmal finden wir die Pulquería mit Namen „Las Duelistas“ schneller, treten durch die Schwingtüren ein und lassen uns an einem Tisch nieder.
Diesmal entscheiden wir uns für den Geschmack „Hafer“, der ebenfalls mit Zimt verfeinert ist und uns fast noch mehr überzeugt als „Erdnuss“. Aus der Musikbox klingt diesmal eher schwer erträgliche Musik, wovon wir uns aber nicht stören lassen. Wir versuchen, die Klänge in unserer Unterhaltung zu übertönen und lassen unsere Blicke über die Bar schweifen, über die bemalten Wände und über das Schild am Eingang, das jegliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion, Herkunft, etc in diesem Lokal untersagt und Respekt für Besitzer_Innen und Besucher_Innen einfordert.
Schließlich kehren wir zum Hotel zurück, schnallen uns unsere Rucksäcke auf den Rücken und geben den Zimmerschlüssel ab.
Eine Straße weiter kaufen wir bei einer Tortillería für 5 Pesos (ca, 35 Cent)
ein halbes Kilo frische Maistortillas, die direkt hinter der Theke offen einsichtig gemacht werden und nach dem Abwiegen erdig duftend in braunes Papier eingeschlagen werden.
Dann machen wir uns auf den Weg, mit Hilfe der Metro und einigen Malen Nachfragen, zu einer Straße, von der Billigbusse mit einem Zwischenhalt nach San Cristobal fahren sollen. Die Busse, die wir schließlich auffinden, wirken jedoch nicht im geringsten wie Billigbusse, sondern haben den Anschein luxuriöser Reisebusse, sauberer, neuer und kompletter als jedes öffentliche Verkehrsmittel, in das ich in Ecuador je einen Fuß gesetzt habe. Es kommt jedoch sofort ein junger Mann auf uns zu gehetzt, mit der Frage „San Cristobal?“ auf den Lippen und nach Nachfrage des Preises stellt sich heraus, dass dies tatsächlich die angekündigten Busse sind (auch wenn erstmal versucht wird, mir 50 Pesos mehr abzunehmen).
Die Abfahrt wird allerdings erst so um sechs, halb sieben sein, erklärt man uns, nachdem unsere Rucksäcke im unteren Stauraum verschwunden sind.
Wir drücken uns also noch 2 ½ Stunden im angrenzenden Park herum, lesen und warten und sehen zu wie der Stauraum nach und nach Tetris-like mit unzähligen Gepäckstücken, Kisten, Tüten und Säcken zugestapelt wird. Als wir uns schließlich in den Bus begeben, müssen wir jedoch kurz darauf feststellen, dass das Warten noch kein Ende hat – der Bus hat eine Panne, wir wechseln in einen anderen.
Das wäre auch kein langwieriges Verfahren gewesen, wäre da nicht das Tetris im Stauraum, sowie in den hinteren zwei Metern des Busses, der ebenfalls mit Gepäck und Waren zugepackt ist. So beobachten wir also erneut, wie Kiste für Kiste, Sack für Sack wieder entladen, zum nächsten Bus getragen und wieder eine Lücke gesucht wird, um es passgenau zu verstauen.
Als der Bus sich endlich in Bewegung setzt, wird es draußen dunkel, wir sind müde und etwas entnervt. Ein Gefühl, das nicht geringer wird, als wir bemerken, dass die Toilette im Bus nicht funktioniert.
Ansonsten ist der Bus aber bequem, die Beinfreiheit ist annehmbar und der gezeigte Film über einen Mann, der eine Stimme hört, die sich als Erzählerin einer Geschichte herausstellt, in der er die Hauptperson spielt, nicht herausragend, aber doch immerhin amüsant. Insbesondere der Literaturprofessor, den er Hilfe suchend aufsucht und der anhand von Fragen wie „Sind Sie König irgendeiner Welt?“ herauszufinden versucht, um was für eine Art von Geschichte es sich bei seinem Leben handelt und ihm aufträgt, festzustellen, ob er in einer Tragödie oder in einer Komödie lebt.
Abgesehen von ein paar kurzen Pausen an Tankstellen, brausen wir mit der hier üblichen unnachgiebigen Fahrweise durch die Nacht, ich höre Musik, schlafe immer wieder ein, wache wieder auf und sehe aus dem Fenster, wo die nachtschwarze Landschaft an mir vorbei gleitet, bevor ich erneut wegdöse…
27.9.09 07:51


Mittwoch, der 16.09. bis Sonntag, 20.09.09 - Pyramiden, Pulque und Pogo

16.09.09

Wir werden vom Lärm vorbei fliegender Flugzeuge und dem Tröten der Plastiktrompeten geweckt. Als wir neugierig von unserem Balkon spähen, sehen wir zwei Reihen jubelndes Publikum, sowie marschierende Soldaten in deren Mitte.
Soldaten jeder Waffengattung ziehen vorbei, von altertümlicher Paradeuniform über Schneetarnanzüge bis Fallschirmjägerausstattung und Scharfschützen, die Yeti-ähnlich als Büsche verkleidet sind, ist alles vorhanden.
Ein Trupp, der Marschmusik spielt, zieht vorneweg, anschließend folgen reihenweise Soldaten der jeweiligen Kompanie. Eine alte Frau steht in den Zuschauerreihen und blickt verzückt den schwer bewaffneten Uniformierten entgegen. Den Frauen der Armee wird regelmäßig hinterher gepfiffen.
Kampfflugzeuge und –hubschrauber fliegen formiert über die Parade hinweg.
Lastwagen, beladen mit Militärs fahren vorbei, mit Kanonen bestückt. Gepanzerte Fahrzeuge mit aufmontierten Maschinengewehren. Kleine Golfwagen der Marine. Panzer. Lastwagen mit Schlauchbooten im Schlepptau, auf denen Soldaten in Tauchanzügen sitzen. Kavallerie auf bockigen Pferden.
Und schließlich die Wägen mit integrierter Küche samt Militärköchen – hier wird der Beifall besonders groß.
Den Abschluss des ewigen Zuges machen Reiter und Reiterinnen in Campesino – Outfit á la Emiliano Zapata beziehungsweise wallenden Kleidern, die wohl den Revolutionär_Innen gewidmet sein sollten.
Nicht nur dem Nationalismus, auch dem Militarismus wird hier also in besonderem Maße gefrönt.
Nach dieser erschreckenden Zurschaustellung Mexikos Unterdrückungsapparats, machen wir uns auf den Weg zum Museum der Stadt Mexiko. Auf den Straßen wechseln sich immer noch Gruppen von Polizisten mit Gruppen feiernder Menschen ab, ab und zu fährt ein Militärtransporter vorbei.
Das Museum ist in einem alten herrschaftlichen Gebäude untergebracht und beherbergt ein Sammelsurium an Ausstellungsgegenständen: alte Möbelstücke, Statuen, Landschaftsgemälde, einen alten Ford und eine königliche Kutsche, ein Bild des alten Mexiko D.F., als es sich noch auf das historische Zentrum beschränke bis hin zu einer Ausstellung moderner Architektur.
Highlight ist ein Zimmer, dessen Wände von einem mexikanischen Impressionisten mit verschieden großen Bildern geschmückt wurden, die sich teils gegenseitig überlagern oder ineinander übergehen. Das ergibt ein gigantisches Gemälde aus ineinander fließenden bunten Szenen – ein Mann mit schwarz-roter Flagge, Frauenkörper, Landschaftseindrücke, Tiere, Wälder…
Der zweite Höhepunkt des Museums ist eine temporäre Ausstellung über die kommunistisch geprägte Elektrogewerkschaft Mexikos. Sie zeigt Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg, an dem einige der Gewerkschafter beteiligt waren und in Mexiko Exil gesucht hatten, Zeichnungen einiger Mitglieder und erzählt die Geschichte des Wandbildes „Bourgeoisie“, Gemeinschaftswerk einiger Gewerkschafter, die, von Stalin beeinflusst, ein Attentat auf Trotzki verübten. Das Bild wurde später auf Forderung der nach rechts gewanderten Gewerkschaftsfunktionäre zensiert, da die Darstellung der Bourgeoisie angeblich Gewalt verherrlichend sei.
Nach dem Besuch des Museums suchen wir einen Markt auf, der in einer sehr heruntergekommenen Gegend liegt. Riesige Müllberge türmen sich am Straßenrand, Verkäufer preisen Tacos mit Gedärmen an, die Gerüche vermischen sich zu süßlichem Gestank. Straßenhunde wühlen im Müll, auf dem Rückweg fallen uns die Prostituierten auf, die alle paar Meter an der Wand lehnen.
Auf dem Rückweg zu unserem Hotel teilen wir uns einen knusprigen Teigfladen aus blauem Mais, mit Frijoles, einer scharfe roten Soße bestrichen und mit einer Zwiebel-Kaktusstückchen-Mischung bestreut.
Gegen Abend spazieren wir zum nahen Park, essen scharf gewürzte Maiskörner und mit Bohnenmuß gefüllte Maisfladen. Vor dem Amt für ausländische Angelegenheiten ist eine Freiluftausstellung von Luftaufnahmen Mexiko Stadts, die digital verändert wurden, die Kontraste gestärkt, bei Nachtbildern die hellen Lichtflecken hervorgehoben… die Fotos wirken futuristisch, orangefarbenes Licht sticht grell hervor.
Wir grübeln über eine Abendbeschäftigung, aufgrund der geringen finanziellen Mittel entscheiden wir uns schließlich für ein geteiltes Bier auf unserem Zimmer.


17.09.09

Rufe schallen von draußen herein. Menschen mit Fahnen und Sprechchören laufen die Straße vor unserem Hotel entlang und demonstrieren.
Wir bleiben allerdings noch eine ganze Weile liegen und frühstücken gemütlich Brot mit allerlei Gemüse (Avocado, Frühlingszwiebel, Chili, Champignons und Tomate), das wir gestern auf dem Markt erstanden haben.
Den Nachmittag verbringen wir mit einem ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt, vorbei an Tacoständen, Straßenmusiker_Innen, Schuhputzern, ärmlichen Häusern und Prunkbauten mit Glasfassaden. In einem kleinen, zur Straße offenen Lokal, trinken wir einen frischen Orangensaft.
Schließlich gehen wir ins Kino, in einen Horrorfilm namens „Portadores“, in dem es um ein tödliches Virus geht, das sich auf der Erde ausgebreitet hat und um vier Jugendliche, die versuchen, davor zu fliehen und sich an einen Strand zu retten, an dem sie die Sommer ihrer Kindheit verbrachten.
Anschließend suchen wir uns ein kleines Restaurant, um zu Abend zu essen. Wir setzen uns an einen der wenigen Tische. Das Lokal rühmt sich damit, dass hier 1892 die „Tortas“ erfunden wurden (eine Art Sandwich mit dicken gerösteten Brötchen, Frijoles,…) und ist mit allerlei Zeitungsausschnitten dekoriert. Auf dem Tisch stehen eine scharfe grüne Soße und eine Schale mit scharf eingelegten Karotten-, Chilischeiben und Zwiebeln.
Ich mache dem Kellner deutlich, dass wir weder Fleisch, noch Käse essen und schlage eine Zusammenstellung veganer Zutaten vor.
Diese wird vom Koch, der hinter einer offen einsichtigen Theke steht, zwar von Kopfschütteln quittiert, trotzdem haben wir kurz darauf einen Teller mit Reis, frittierten Bananenscheiben und Salat mit Tomate und Avocado vor uns stehen, der uns sehr mundet. Janosch bestellt sich noch einen Nachschlag an Maistortillas mit Avocado, dann ist auch er zufrieden und gesättigt.
Später am Abend würden wir gerne ein Bier in der „Opera Bar“ genießen, die mit feierlichem Ambiente glänzt, dunkle Holzseparees besitzt und in der Pancho Villa angeblich einmal aus Langeweile in die Decke geschossen hat – allerdings glänzt sie auch mit unverschämt hohen Preisen, somit verschlägt es uns stattdessen in ein kleines italienisches Lokal, in dem es nach Bruschetta duftet und das Bier aus dem Fass ausschenkt. Wir sitzen im Hinterzimmer, an dessen Wand ein großes Mona Lisa – Bild hängt. Ein Schälchen mit einer Art Chips wird uns auf den zermürbten Holztisch gestellt.
Nachdem wir das Bier in dieser heimeligen kleinen Kneipe getrunken haben, schlendern wir nach Hause.


18.09.09

Morgens erklärt Janosch mir, dass er „nicht so der Ruinen-Mensch ist“, somit entscheide ich kurzerhand, alleine nach Teotihuacán, einer präaztekischen Stadt, zu fahren. Am Platz Bellas Artes steige ich in einen Bus zum Nördlichen Terminal. Nach einigem Suchen finde ich dort den Schalter einer Buslinie, der Tickets nach „Las Piramides“ verkauft. Kurz darauf sitze ich an einem Fensterplatz in einem klapprigen blauen Bus mit muffigen Vorhängen. Etwa eine Stunde lang holpern wir über die Fahrbahn, an Mauern vorbei, die mit Wahlwerbung bemalt sind. Ein Mann mit Gitarre steigt ein und singt Liebeslieder, die teils mehr an Katzenjammer erinnern.
Ich schaue durch das trübe zerkratzte Busfenster und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen, bis ich an den Pyramiden aussteige.
Am Busterminal sagte jemand, es würde wohl gleich anfangen zu regnen, aber auf der Fahrt ist die graue Wolkendecke aufgerissen und inzwischen breitet sich blauer Himmel über mir aus.
Ich bezahle die 50 Pesos Eintritt und spaziere den Weg entlang, der gesäumt ist von ausladenden Kakteen. Ich laufe geradewegs auf den ersten Pyramidenkomplex zu, der die „Zitadelle“ genannt wird. Es handelt sich um einen weitläufigen Platz, der von kleinen stufigen Pyramiden gesäumt wird. Hauptmerkmal ist der Tempel des Quetzalcóatl, ein ebenfalls pyramidenförmiger Bau. Im Rahmen von Ausgrabungen wurde eine alte Fassade entdeckt, die einem noch älteren Bau angehört. Die übrig gebliebenen vier Stufen weisen aufwendige Skulpturen auf, die aus dem Stein ragen: Gezähnte Schlangenköpfe und quadratische, großäugige Kreaturen im Wechsel.
Ich besteige eine der Pyramiden und lasse die Sicht auf mich wirken. Der Rasen zwischen den Ruinen ist von sattem Grün geprägt. Schmetterlinge flattern darüber. Die beiden größten Pyramiden des Geländes ragen in den tiefblauen Himmel.
Nur die immerwährenden Verkäufer_Innen, die einem Steinfiguren, Tücher und Holztiere entgegenstrecken, sowie der Lärm von Rasenmähern, der immer wieder aufflammt, trüben die Atmosphäre ein wenig.
Ich folge der „Calzada de los muertos“, der Straße der Toten, durch die Hauptstadt Mexikos wahrscheinlich größtem prähispanischem Imperium. Sie ist immerfort von kleinen Pyramiden gesäumt. Auf einem kleinen Seitenweg, unter einem blühenden Kaktus, nehme ich mein mitgebrachtes Frühstück zu mir. Dann mache ich einen kleinen Abstecher in ein Museum, das ein Modell der Stadt beinhaltet, über das man sich auf Plexiglas bewegen kann, sowie eine Vielzahl an Figuren, Gefäßen, Speerspitzen und selbst Gebeinen, die bei Ausgrabungen gefunden wurden. Die Leichen waren auf eine bestimmte Art und Weise in Stoff gepackt, da wohl vermutet wurde, dass sie so am besten wiedergeboren werden können.
Anschließend mache ich mich daran, die Sonnenpyramide zu erklimmen – die größte Pyramide Teotihuacáns und nach der Cheopspyramide und einer anderen in Mexiko die drittgrößte Pyramide der Welt (!). Sie wurde um 100 n. Chr. Aus 3 Millionen Tonnen Steinen fertig gestellt (ohne Metallwerkzeug, Lasttiere oder dem Rad) und ist jetzt etwa 70 Meter hoch.
Ich erklettere die 248 hohen Stufen (laut meinem Reiseführer, ich selbst habe nicht mitgezählt) bis zur Spitze der Pyramide, auf der sich ein paar Tourist_Innen tummeln und genieße die Sicht über die Pyramidenlandschaft und die Kakteen, die sich an deren Rand ranken.
Die nächste Etappe umfasst eine kleine Palastanlage, die mit Wandbildern von Jaguaren und Vögeln verziert ist, sowie mit vierblättrigen Blumen, die die Welt mit den vier Himmelsrichtungen symbolisiert.
Nachdem ich durch die Gänge und Säulenhallen spaziert bin, begebe ich mich noch auf die letzte Pyramide, die am nördlichen Ende der Calzada de los muertos liegt. Sie ist etwas kleiner als die Pirámide del sol und wurde erst um 300 n. Chr. Gebaut. Die Treppen sind nur zu etwa einem Drittel freigegeben, bis zu einem größeren Absatz. Noch einmal blicke ich über die Pyramiden, die sich wie Perlen aneinanderreihen, bevor ich schließlich ein letztes Mal über die Bauten klettere, Treppenstufen hinauf und hinab steige und schließlich die beeindruckende Stadt hinter mir lasse.
Zurück in Mexiko Stadt hole ich Janosch ab und wir eilen durch den eingesetzten Regen bis wir ein Lokal finden, in dem wir zu Abend essen.
Ich bin müde und merke schon einen einsetzenden Muskelkater von meinem treppenlastigen, aber wunderschönen Ausflug und falle müde ins Bett.


19.09.09

Nach dem Frühstück spazieren wir zum „Centro del imagen“, einem fotografischen Museum. Es sind die Werke verschiedener Künstler ausgestellt. So werden Fotos gezeigt, die sich aus einem anderen Blickwinkel der Geschichte widmen, beispielsweise sind Ruinen in Freizeitparks und eine Sphinx im Legoland abgelichtet.
Auch hängen eine Reihe von Fotomontagen – eine Metzgerin, die sich ein großes Fleischermesser durch die Hand gerammt hat, ein erstochener Priester mit dem Titel „Märtyrer“,…
Im Museumsshop sehen wir uns Bildbände über den Lucha Libre an, in denen die Wrestlingkämpfer in Familiensituationen zu finden sind.
In einem angrenzenden Park läuft laut Musik, unzählige Paare tanzen dazu. Wir setzen uns in den Schatten auf eine Bank und beobachten das Treiben.
Etwas abseits weist eine alte Frau mit langen schlohweißen Haaren immer wieder ihren Mann in den Schrittfolgen zurecht. Vier alte Männer sitzen am Rand, trinken, essen und begutachten kritisch die Tanzenden.
Der ganze Park scheint im Tanzfieber. Außerhalb des Dunstkreises der Musik, gibt ein Mann einer kleinen Gruppe einen Tanzkurs. Gemeinsam wiederholen sie die Schritte.
Noch ein Stück weiter läuft erneut Musik, zu der sich Paare auf der Tanzfläche drehen. Zwischendrin ein Zelt, in dem ein Schachturnier abgehalten wird. Männer mit Eiswägen. Kleine Stände, die Obststücke (auch die werden frisch mit Limette und Chili gewürzt), Chips oder Tacos verkaufen.
Schließlich schlendern wir weiter. In einem übersichtlichen Lokal teilen wir uns einen Orangensaft. Das Haus gehörte einem Wrestling – Kämpfer, das Restaurant ist zu einem kleinen Museum umfunktioniert. Eine Wand ist gepflastert mit bunten Masken von befreundeten und befeindeten Kämpfern, eine andere mit Fotos und Zeitungsausschnitten des Luchadors (Wrestlers). Ein handgeschriebener Zettel weist darauf hin, dass es nur gestattet ist, Fotos zu machen, wenn man etwas isst (sonst für 10 Pesos). Hier werden 30 cm lange und 1,3 kg schwere Sandwiches verkauft (mit Käse, Ei und ca, 10 verschiedenen Fleischarten belegt), die man nicht bezahlen muss, sofern man es schafft, sie innerhalb von 15 Minuten aufzuessen.
Auf dem Heimweg stoßen wir auf eine Pulquería, eine Kneipe mit zwei Schwingtüren, die einem Saloon würdig wären. Kurz entschlossen treten wir ein und werden an einen Tisch gewiesen, an dem schon zwei Jungs mit einer Plastikkaraffe vor sich sitzen. Der ganze Raum ist bemalt, mit aztekischen Mustern, Totenköpfen, Kakteen und bunten Figuren. Über dem Tresen hängt ein beleuchtetes Bild der Jungfrau Maria.
Der Kellner fragt uns, was wir bestellen möchten und zählt uns die heutigen Geschmacksrichtungen auf, in denen Pulque geordert werden kann. Pulque ist ein traditionelles mexikanisches Getränk, das aus der Mugueypflanze gewonnen wird, einen geringen Alkoholgehalt hat und von den Azteken bei Ritualen und von der Elite getrunken wurde. Später gelangte es zu großer Beliebtheit und wurde im 17. Jahrhundert in rauen Mengen genossen (700 Liter im Jahr Pro-Kopfverbrauch!). Später wurde es aber von Bier und Tequila verdrängt und beinahe aus dem Stadtbild gestrichen, sodass es jetzt nur noch einige wenige Pulquerías gibt.
Neben der puren Variante „blanco“, gibt es zahlreiche Varianten, bei denen dem Getränk ein Geschmack zugesetzt wird.
Hier zählt der Kellner Sellerie und Hafer auf, aber auch Melone und Erdnuss, für die wir uns entscheiden. Die Erdnuss – Variante wird mit Zimt serviert und gewinnt deutlich. Das Getränk ist milchig und dickflüssig, hat einen etwas vergoren-süßlichen Geschmack und wird an den Nebentischen aus Plastikeimern getrunken.
In einer Ecke steht eine Leiter und ein junger Mann verfeinert gemächlich das Deckengemälde. Nach beinahe jedem Pinselstrich klettert er langsam wieder herunter, um sich erneut Farbe zu holen.
An einer Wand steht eine Musicbox, vor der sich immer wieder Gäste drängen, um ihre Musikwünsche einzugeben und aus der lauter Rock tönt (u.a. Rammstein…).
Nachdem wir unseren Pulque geleert haben, treffen wir in einer Nebenstraße auf einen Demonstrationszug, dem wir zum Zócalo folgen. Vor dem Präsidentenpalast sammeln sich die mehreren Tausend Menschen, schwenken ihre Fahnen und breiten ihre Transparente aus. Verschiedene Organisationen beteiligen sich an dem Protest – die PRD (Partei der Demokratischen Revolution), indigene und kommunistische Gruppierungen.
Auf dem Zócalo halten sie eine Kundgebung ab und prangern Repression, Militarisierung und die Kriminalisierung sozialer Kämpfe an. Auch protestieren sie gegen neoliberale Prozesse wie die Privatisierung unter anderem der Bildung und des Wassers und es wird der Opfer des Massakers am 2. Oktober 1968 gedacht.
Am Rande des Zócalo formieren sich mehrere Militärlastwagen und auch auf dem Dach des Präsidentenpalastes bewegen sich einige Personen.
Wir lauschen eine Weile den Redner_Innen, anschließend essen wir etwas an den unzähligen Ständen, die sich im Park aneinanderreihen.

20.09.09

Mal wieder weckt uns der Lärm von der Straße. Als wir aus dem Fenster sehen, staunen wir erstmal – Polizisten tragen Transparente. Nach einigem Beobachten verstehen wir aber letztlich, dass es sich um eine Demonstration der Stadt handelt, in der die Regierung all ihre Pracht und Erfolge anpreist…
Gegen Eins brechen wir auf und fahren mit der Metro bis zur Station „Rio de los remedios“, die direkt auf der Grenze Mexiko D.F.s liegt. Wir laufen ein Stück die mehrspurige Straße entlang bis wir eine kleine Menschenansammlung entdecken und feststellen, dass wir an unserem Ziel sind: „El Clandestino“, ein kleiner Punkrockschuppen, der heute ein Festival ausrichtet zu Gunsten des Wiederaufbaus der sozialen Bibliothek – deshalb gehört auch ein Buch mit zum Eintrittspreis. Meine Erklärung, dass es uns unnütz erschien, deutsche Bücher mitzubringen, scheint dem Mann am Eingang allerdings einzuleuchten und er lässt uns herein, ohne dass wir mehr bezahlen müssen.
Der Club besteht aus einem einzigen Raum mit einer kleinen Theke, an der die schon bekannten 1,2 Liter Flaschen Bier verkauft werden und der Bühne, deren eine Hälfte ca. einen Meter höher liegt, weil sich darunter die abgesifften Toiletten befinden. An den Wänden sind großflächige Bilder von Punks gemalt, auf dem Boden sitzt eine bunte Mischung Mexicos Skin- und Punkszene. In einer Ecke liegen gebrannte CDs und Kopien politischer Texte (u.a. von Magón) und werden zum Verkauf angeboten.
Bald darauf betritt die erste von einer ganzen Reihe lebendiger Ska – Bands die Bühne und es dauert nicht lange bis das komplette Publikum uns liebt, uns jeden Moment eine der großen Bierflaschen entgegen streckt, uns auf Fotos zerrt, uns zum Tanzen animiert und auf die Schulter klopft – und uns erklärt, dass wir jeder Zeit bei ihnen übernachten können, sie uns innerhalb einer Woche problemlos ein Handy organisieren können, damit wir sie anrufen können und uns versichern, dass die „banda“ (Gang, Clique, whatever) hier alles ist!!
Zwischendurch springen sie durch die Gegend und singen lauthals „Punks and Skins, lalala“.
So lassen wir uns zulallen, tanzen und pogen – allein und im Kreis mit unseren neuen Freunden, die uns regelmäßig überzeugen wollen, doch hier wohnen zu bleiben – und trinken, bis wir um kurz nach acht hungrig ins Zentrum zurückfahren, wo wir angestrengt ein Restaurant suchen, in dem man mit Kreditkarte zahlen kann, da wir unser letztes Bargeld in die Bierkollekte geschmissen haben.
Endlich werden wir fündig und genießen das teuerste Essen, das wir bisher in Mexiko zu uns genommen haben, mit Reis, frittierten Bananen, Guacamole, Tortillas, Salat, frischem O-Saft… für 200 Pesos, also ca. 13 Euro für alles zusammen. Ja, das kommt uns schon teuer vor…
22.9.09 07:34


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