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02.06.06
"...ich wünsche dir viel Sonne auf der Haut und im Herzen..."
(von Uli (meinem Vater) 19:47:34)
Ich sitze am Strand am Campingplatz, am Lago Maggiore. In Italien. Wow. Ich höre, wie die Wellen an Land rollen - ein beruhigendes Plätschern. Wind weht, es ist etwas kühl, trotzdem kann ich problemlos im T-Shirt hier sitzen, auf einem Steinmäuerchen, das noch warm ist von der Sonne des Tages. Die Sonne geht bald unter, die Berge links von mir erstrahlen noch im Schein, die rechts von mir liegen schon im Schatten, zwischen drin das Wasser des Sees, von den letzten Sonnensstrahlen marmoriert. Ein paar Meter weiter steht eine Horde kleiner Kinder am Wasser, laut im Chor zählen sie "Eins, zwei, drei..:" - dann fliegt ein Schwall Steine in den See. Es sind viele Deutsche hier - ich höre mehr deutsch als italienisch, aber das macht nichts. Ich fühle mich wohl. Vor dem Tunnel durch den San Bernardino hat es noch kurz geschneit - und danach? Sonne, blauer Himmel, die Felshänge um mich rum bewaldet in saftigen Grüntönen - und es ist warm und ich lächle und kann mich gar nicht satt sehen an all dem...
Kurz nach der Grenze zu Italien gibt es dann doch noch etwas Stau - und am Straßenrand, irgendwo, stehen zwei alte Italiener und verkaufen an einem Stand Obst und Gemüse, grinsen mir zu. Nebendran sitzt ein kleiner Junge auf einem Plastikstuhl und schlenkert mit den Beinen.
Auf dem Campingplatz ist noch was drei, kein Problem. Allerdings fragt der Mann an der Rezeption irritiert nach, wie alt ich bin. Eigentlich darf man erst mit 18 allein zelten... ich soll das Geburtsdatum nicht auf den Anmeldezettel schreiben, er macht das schon. Ich baue das Zelt auf, laufe erst mal an den Strand. Die Aussicht ist der Wahnsinn - doch die Geräuschkulisse stört. Drei Männer mit Deutschland-Caps und -Schals nuscheln irgendwas von Nazi.
"Nein, ich bin kein Nazi. Im Gegenteil."
"Warum bist du dann so schwarz angezogen?"
Aber von derart zur Schau getragenem Fehlen von Intelligenz lasse ich mir nicht die Laune verderben, sondern spaziere lieber ins Städtchen, welches ein unübersichtliches Gewirr verworrener Sträßchen darstellt, unebenes Pflaster, bunte Häuser, wildgewachsene Gärten. Überall kleine Gassen, die nach oben, unten, zur Seite weg führen - Hauptsache irgendwie schräg. Ja - schräg und bunt, das ist der Eindruck, der bleibt. Und immer wieder komme ich zum Wasser...
Ich gönne mir eine 1-€-Eiskugel "Settembrino" (Walnuss + Feige), lecker, und wandere kreuz und quer durch die Straßen.
Und jetzt sitze ich hier, lausche den Wellen und bin glücklich. Es ist schön hier. Und warm. Und es tut gut, mal weg zu sein und für mich.




03.06.06
Ich sitze in einem Café, blicke auf den See, dessen Oberfläche in der Sonne glitzert. Am Nebentisch erklingt lauthals italienisch. Windböen zerzausen meine Haare. Ein Hund bellt. Die Sonne wärmt meine Haut... Ich mache mich auf den Weg.
Alpe Ronno, 782 m... in bester Mittagshitze bin ich losgestapft, aber zum Glück liegt der Weg meist im Schatten der umliegenden Bäume. Ab und zu fliehen Eidechsen vor meinen Schritten und huschen in eine Felsspalte. Esskastanien liegen zwischen den Steinen des Weges. Es riecht nach Frühling, es ist grün und warm und Vögel zwitschern.



Ich erreiche Oggiogno, eine Ansammlung kleiner, grauer Steinhäuser. Es wirkt verlassen, nur eine Satellitenschüssel hat sich auf eins der Dächer verirrt. Eine Rutsche, eine Wippe, ein Karussell finden sich auf einer schattigen Wiese, von Häusern umsäumt, alles klein und rostig, die bunte Farbe blättert ab.
Ich laufe weiter, Walderdbeeren am Wegrand. Das Grün lichtet sich einmal, gibt den Blick auf den See frei, der sich azurblau zwischen den Bergen erstreckt. Überreste einer Festung ragen fern vom Ufer aus dem Wasser. ...und irgendwo in der Idylle röhrt eine Kettensäge...
Ein steiler Weg führt letztendlich zum Alpe Ronno, nicht bereitet, Äste reichen quer darüber...
Mir gegenüber ist wieder eins dieser typischen Steinhäuschen, daneben ein verschlungenes Gartentor aus Metall, ein Zaun aus schiefen Holzsparren, dahinter ragen Baumkronen empor, wiegen sich im Wind. Eine Fliege landet auf meiner Hand, ein Schmetterling flattert torkelnd über die Wiese. Es zirpt und summt, das Tönen von Glocken erinnert an die kleine Schafherde, die vorhin hinter einer Hausecke aufgetaucht ist und blökend wieder verschwand, ohne Anzeichen eines Besitzers.
Das erste Stück des Rückwegs lege ich mehr rutschend denn laufen zurück, denn es ist vollständig bedeckt von Laub und den stachligen Hülsen der Esskastanien. Ich treffe auf eine Straße. Ein Lamm bedient sich am Gras, das am Rand wächst - steht auf der Straße und reckt den Kopf durch die Leitplanke - der Rest der Herde frisst etwas weiter abseits. Ob es dieselbe ist wie zuvor?



Obstbäume säumen den Weg, Feigen, Pfirsiche, Kirschen; Weinreben... ein paar fast reife Kirschen kann ich mir sogar angeln. Ich passiere zwei Kapellen mir kitschigen Jesus- und Marienbildchen, Kerzen, Blumen... und in einer steht in der Ecke ein alter Besen - logisch, auch Kapellen werden nicht von Gotteshand sauber gehalten...



Abends spielt an einer Strandbar eine Coverband alten Rock von "Highway to Hell" über "I love Rock'n'Roll" und "Smoke on the water" bis zu "It's my life". Ich sitze auf einem großen Stein am Rand, wippe mit dem Fuß und lasse meinen Blick über die Leute schweifen - oder in den Nachthimmel...


04.06.06
Um 10 liefert die Kirchenglocke ein Konzert... es klingt mehr, als würde ein kleines Kind wahllos und ohne jeglichen Rhythmus auf Klangstäben rumklöppeln als nach einem seriösen Kirchenläuten...
An Schlaf ist jedenfalls nicht mehr zu denken...nach langem Lesen und einer leckeren Latte Macciato am See suche ich den nächsten Wanderweg, stapfe an der Straße entlang - das kommt mir komisch vor. Also zurück ins Städtchen und noch mal die Karte beäugt... nagut, da ist noch ein Fußweg unterhalb der Straße. Also auf ein Neues - und es hat sich gelohnt: ein steiniger, angenehm schattiger Waldweg, bedeckt von einem sich stetig wandelndem Muster aus hellen Flecken, das die Sonne durchs Blätterdach wirft, führt zum Carmine Superiore. Ich sitze auf einem Steinmäuerchen, das sich um eine schlichte Kirche zieht. Eine Eidechse huscht die Wand empor. Der Lago Maggiore liegt mir zu Füßen... kräftiges Blau, gesprenkelt von weißen Segelbooten, spiegelt den strahlend blauen Himmel, über den weiße Kondensstreifen und Schäfchenwolken ziehen und Schatten auf die Berge werfen, grüner Grenzstreifen zwischen Blau und Blau, ab und zu ein orangenes Dächermeer... ein Raubvogel kreist über dem See, majestätisch... wie ich, die über all den Miniaturen thront.
Neben mir führt ein Touristenpärchen pseudophilosophische Gespräche - das heißt, eigentlich pachtet der Mann einen Monolog über Mikrokosmos und Unendlichkeit - "Wahrscheinlich ist die Materie, die wir nicht sehen viel mehr als die, die wir sehen"...
Ich verharre still in meinem Schneidersitz, lasse den Ausblick auf mich wirken...



Oben in Viggiona spricht mich ein älterer weißhaariger Mann an, der auf einem Liegestuhl in seinem Garten sitzt und eine Fliegenklatsche in der Hand hält.
"Are you English?" "Äh…yes."
"You are alone?" "Yes."
"Be careful up there!" "Why?"
- Keine Antwort, stattdessen: "Where are you from?"
"Germany", sage ich.
"Ah, du bist deutsch... I thought you were English... sometimes it's better to be alone than with somebody… you're right!"
Ich lächle, "Yeah, I need a break from everything, so…" Ich zucke mit den Schultern.
"Yeah, you're right... Goodbye!"
"Bye", ich wende mich ab, rufe noch: "Have a good day!"
"Same to you", klingt es hinter mir her,
"Thanks", dann mache ich mich an den Abstieg.
Abends ist ein Jazz-Konzert an der Strandpromenade. Kleine Kinder hüpfen strahlend im Kreis, ihrem eigenen Rhythmus folgend. Ein Stück gefällt mir besonders: Eine Version des Moritatenlieds aus der Dreigroschenoper, sprich "Mackie Messer".
Doch ich merke, das ich bei Jazz zu Melancholie neige... Erinnerungen kommen hoch, es ist viel passiert im letzten Jahr - und ich glaube, ich bin daran gewachsen.
Trotzdem, ich trage eine gewaltige Sehnsucht in mir...



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