curiosa
  Startseite
  Archiv
  Spontan Italien
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Freunde
    zwarn
    sindianah
   
    sariafina

    - mehr Freunde


Links
   Fotos von unserer Lateinamerikareise
   Carea e.V. - Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas
   Frayba - Menschenrechtszentrum San Cristóbal


San Cristóbal Mexiko



http://myblog.de/curiosa

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
05.02. - 23.02.10 Von Maisfeldern in Chiapas auf vulkanische Gipfel in Guatemala

05.02. – 17.02.10 Die letzte Gemeinde

Als wir vom Camioneta steigen, stehen schon 2 Maenner samt Pferden am Strassenrand und strahlen uns an: „Bienvenidos, compas!“ (Herzlich Willkommen, Compas!)
Ca 1 ½ Stunden laufen wir gemeinsam ueber Trampelpfade und Feldwege mit traumhafter Aussicht auf Berge und Taeler, waehrend Pferd „Rayo“ (Blitz) unsere schweren Rucksaecke und „Pony“ einen der Compas schleppen muss.
Irgendwann kommen wir zu 2 grossen Schildern, aus Holzbrettern gezimmert, die den Beginn der tierras recuperadas („wiedererlangte“, besetzte Laendereien) der Gemeinde ankuendigen und Unbefugten den Zutritt untersagt.
„La tierra no se vende, se trabaja y se defiende“ steht in grossen blauen Lettern auf dem Holz, „Die Erde wird nicht verkauft, sie wird bearbeitet und verteidigt“.
„Wann habt ihr diese Laendereien besetzt?“, frage ich, waehrend wir weiter den Feldweg entlang wandern.
„Es war ein 5. Mai... 2007“

Die Gemeinde ist gespalten. Am Anfang haben alle gemeinsam gekaempft und die Laendereien besetzt, aber einige wollten sich dann nicht weitergehend organisieren, andere „no aguantaron...“ (haben es nicht ausgehalten) oder sind spaeter aus der Organisation ausgestiegen, als die Regierung ihnen Geld bot. Aber „nos respetamos“, erklaert mir einer der Compas („wir respektieren uns“).
Die organisierten Familien der Gemeinde sind Anhaenger_Innen der „Anderen Kampagne“, einer Kampagne, die von den Zapatistas ausging und die das Ziel hat, die verschiedenen Kaempfe von Individuen und Gruppen innerhalb Mexikos zusammenfuehren und ihnen eine Plattform zu geben. Die Anhaenger_Innen der Anderen Kampagne arbeiten mit den Zapatistas zusammen und stehen in Kontakt mit den Raeten der Guten Regierung der Zapatistas, sind aber autonom organisiert.

Das Bewusstsein der Compas fuer die Wichtigkeit des Kampfes ueber den Widerstand in Chiapas hinaus, aeussert sich in vielen Gespraechen. So erzaehlt einer, auf einem der wackligen Stuehle aus Metall und Plastik sitzend, die am Wachposten bereit stehen, wie ihm eines Nachts im Gespraech mit seinen Genossen klar wurde: "No solo aqui hay zapatistas, y la otra campana, lo hay en todo el mundo!“ (Nicht nur hier gibt es Zapatisten, und die Andere Kampagne, es gibt sie auf der ganzen Welt!) Und seine Augen leuchten bei diesen Worten.
Auch erklaert er: „Es kommen auch Leute aus anderen Gemeinden nach Cruzton und wir erzaehlen ihnen, warum wir kaempfen, wie wir angefangen haben, uns zu organisieren... und wenn sie unserem Beispiel folgen wollen – gut!“


Am 15. Juni 2007 richtet die Polizei auf den besetzten Laendereien, mitten in den milpas, ein Camp ein. Polizisten patroullieren, die mitgebrachten Pferde zertrampeln und/oder fressen die Jungpflanzen.
Es finden Gespraeche mit Frayba statt, bei denen die Regierung das Angebot macht, Mais und Frijoles als Ersatz fuer die kaputten Pflanzen zu schicken oder den Ernteausfall zu bezahlen.
Als jedoch Frayba der Gemeinde den Vorschlag unterbreitet, sagt diese: „Wir wollen weder Mais noch Frijoles und Geld wollen wir erst recht nicht – wir wollen unsere Laendereien, wir wollen unsere Rechte!“ – und schliesslich, nach 35 Tagen, gibt die Regierung auf und gibt den Befehl, die Polizei solle sich zurueckziehen.
„Und warum sind sie letztendlich gegangen?“, frage ich.
„Porque resistimos pues“, erklaert der Compa mit einem breiten Grinsen.
(Na, weil wir Widerstand geleistet haben)

2008 legt die Polizei/Armee fuer 1 ½ Monate die Wasserleitungen lahm. Schliesslich gehen Compas hin, ziehen massenweise Blaetter und Gestruepp aus den Leitungen.
Um 12.00 Uhr kommen sie wieder in die Gemeinde – um 13.00 Uhr betraten Militaers die Gemeinde, klauen Geld, wollen Internacionalistas festnehmen und schnappen sich eine Frau, nehmen sie aber schliesslich nicht mit, weil sie sich so viel Widerstand gegenueber sehen.

Inzwischen hat sich die Situation weitgehend beruhigt, auch deshalb weil die ehemaligen Besitzer_Innen der Laendereien nun eine Entschaedigung von der Regierung erhalten.
Allerdings reisst die Repression nicht ab: So wird uns berichtet, dass die Regierung Flugblaetter veroeffentlicht und verteilt, auf denen die Bewohner_Innen der Gemeinde als Drogen- und Menschenhaendler_Innen bezeichnet werden. Diese Mitteilungen bilden die Basis fuer zahlreiche Geruechte, die von den Bewohner_Innen der umliegenden, regierungstreuen Doerfer verbreitet werden. Dies naehrt auch die Besorgnis der Compas, Priistas koennten im nahen bewaldeten Berggebiet Drogen pflanzen, um es ihnen anzuhaengen und der Regierung damit einen Vorwand zu bieten, das Militaer zu schicken. Aufgrund dieser Angst realisieren sie regelmaessige Rundgaenge durch das Gebiet, welches teilweise zur Gemeinde gehoert und von ihr nach dem Grundsatz „cuidarlo y no destruirlo“ (es schuetzen und nicht zerstoeren) behuetet wird.


Die meiste Zeit verbringen wir an dem Wachposten, der am Eingang der Gemeinde eingerichtet ist, gekennzeichnet durch eine Metallkette, die ueber den staubigen Weg gespannt ist und zwei Schilder, auf denen kaempferische Parolen zu lesen sind und die Silhouette Zapatas prangt.
Vier wackelige Stuehle aus Metall und gruenem Plastik dienen als Sitzgelegenheiten, ein schiefer Tisch steht im spaerlichen Gras.
Die organisierten Maenner der Gemeinde wechseln sich ab, um 24 Stunden eine Wache aufrecht zu erhalten, wobei wir ihnen nur tagsueber Gesellschaft leisten. Die Zeit verbringen wir damit, zu lesen, Schach oder Schiffe versenken zu spielen, auf einem ehemaligen Schild, das zu einer hoelzernen Liege umfunktioniert wurde, im Schatten zu liegen, zu doesen und zu traeumen oder uns mit unseren Compas zu unterhalten.

Eines Morgens steigen wir auf den angrenzenden Huegel, von dem man die Gemeinde und das Tal ueberblicken kann, in dem sich Gruentoene aller Nuancen abwechseln und die Flaechen der Felder mit den Baeumen ein Muster bilden. Zurueck auf unserem Posten entdecken wir ploetzlich eine Schar winziger Tierchen an unseren Hosenbeinen emporkrabbeln.
„Cuando uno no tiene trabajo aqui, se dedica en buscar garrapatas“ (Wenn hier jemand keine Arbeit hat, beschaeftigt er sich damit, Zecken zu suchen), erklaert mir der Compa, der neben mir sitzt, daraufhin augenzwinkernd, waehrend ich mir eine Zecke nach der anderen vom Bein pfluecke...


08.02.10

Heute feiert ein Junge seinen 15. Geburtstag. Schon den ganzen Morgen wird ueber den Kuchen spekuliert, der fuer diesen Anlass besorgt wird, ueber den Preis, die Groesse... Immer wieder schweifen die Blicke ueber die Strasse, die zum Dorf fuehrt und bei jedem Auto ertoent von neuem die Frage: „Wessen Auto ist das? Kommt da die Torte?“
Als sich schliesslich tatsaechlich das ersehnte Auto naehert und den Posten passiert, stuermt der kleine Junge, der uns an der wache Gesellschaft leistete, zum Tisch, stuerzt gierig seine Cola hinunter und rennt hastig hinter dem Auto und dem lang erwarteten Kuchen hinterher.
Der Kuchen erweist sich schliesslich als 3-stoeckige Torte, die mit suesser Sahne ueberzogen ist, mit knallig roten Kirschen garniert und mit neonblauer Schrift verziert. Hoch thront sie im Zentrum der hoelzernen Tische, die aneinander gereiht eine grosse Tafel bilden. Darueber bewegt sich eine Plane im Wind, die aus Zuckersaecken zusammengenaeht ist und der Gesellschaft Schatten spendet, an den Raendern haengen bunte Luftballons. Rund um die Tische draengen sich Compas, Freunde, Verwandte, mit Glaesern in der Hand. Auf Styroportellern wird Reis mit Huhn serviert, hohe Tuerme aus Tortillas werden in regelmaessigen Abstaenden auf die Tische verfrachtet.
Eine kleine Musikkapelle wurde engagiert und spielt am Ende der Tafel, neben den aermlichen Huetten aus duennen Baumstaemmen und Wellblech.
Schliesslich gilt es fuer das Geburtstagskind, zu tanzen, mit saemtlichen weiblichen Verwandten, von den Cousinen zu Mutter und Grossmutter, denen vor Ruehrung die Traenen in den Augen stehen, und fuer uns, die ganze Prozedur gebuehrend auf Fotos festzuhalten mit dem mehrmaligen Versichern: „Ja, wir lassen euch die Fotos dann zukommen.“


09.02.10

Den Februar nennen sie hier „Febrero loco“, den verrueckten Februar, weil der Wind in diesem Monat kommt und geht wie verrueckt...

„La luz me quemo“ (Das Licht/der Strom hat mich verbrannt). Ein Compa sitzt mir gegenueber auf einem der instabilen Stuehle, an seiner linken Hand fehlen die Fingerkuppen, sie endet in kurzen Stuempfen. Auf meine vorsichtige Frage, was ihm passiert sei, antwortet er eben dies. „La luz me quemo.“
Jahre konnte er nicht laufen, geschweigedenn arbeiten. Anfangs konnte er sich gar nicht bewegen, die Knochen seines linken Arms fuehlten sich an wie Wasser, der Kopf kippte hin und her.
Er war noch recht jung gewesen, mit dem Fahrrad gefahren. Doch irgendwas klemmte und er stieg ab, um das Problem zu lokalisieren. Dabei kam er mit einem Stromkabel in Kontakt.
Seine ganze linke Koerperhaelfte war verbrannt und das Bein war offen, sodass man die Knochen im offenen Fleisch sah. Sie wollten ihn deshalb nach DF schicken, um ihn dort zu operieren und Haut von anderen Koerperstellen ans Bein zu setzen. Aber nach und nach ist es auch so nachgewachsen, „blanquito“ (weiss). Aber, „gracias a dios mejore“ (Gott sei Dank gesundete ich), und nun hat er Frau und zwei Kinder.
Nur nachts kann er immer noch nicht laufen, dafuer fehlt die Kraft und der Kopf fuehlt sich an als wuerde sich alles im Kreis drehen.
„Esta peligrosa, la luz...“ (Es ist gefaehrlich, das Licht/der Strom)


12.02.10

„Tut der Ring in deiner Lippe nicht weh?“, fragt mich eines Tages ein Compa.
„Nein, nur als ich ihn mir hab machen lassen, da ein bisschen, aber jetzt nicht mehr.“
„Ah, wie bei den Zaehnen, die sie uns reinmachen“, wirft ein anderer ein, „am Anfang fuehlt es sich fremd an, und man wuerde es gern mit der Zunge rausholen, aber dann gewoehnt man sich dran...“
Die naechste Frage gilt meinen Haaren. Wie diese Art von Frisur heissen wuerde.
„Dreadlocks“, erklaere ich, „aber ich weiss nicht, ob es auf Spanisch einen anderen Namen dafuer gibt.“
„Ja, hier haben das ja auch nicht viele Leute...“
„Doch, doch“, meint ein anderer, „die Lakandonen tragen ihr Haar auch so!“
(Die "Lakandonen" sind die Angehoerigen einer indigenen Ethnie, die von der mexikanischen Regierung als "einzig wahre Ureinwohner des lakandonischen Urwalds" stilisiert und damit instrumentalisiert werden, um sie als Vorwand zu nutzen, alle anderen indigenen Gruppen (in erster Linie Zapatistas bzw allgemein Gemeinden im Widerstand) aus dem Gebiet zu vertreiben.)

Heute Morgen, am Wachposten, waehrend Janosch neben mir seine Hose flickt und unser Compa ihn befremdet dabei beobachtet „stech dich nicht!“, erzaehle ich von meinem Traum:
Ich wollte auf eine Demo gehen und wir waren in einem Campamento in einem Haus, in dem sich alle getroffen haben, um gemeinsam zur Demo zu gehen. Frueh am Morgen wollten wir dann raus gehen, aber die Polizei war schon vor Ort und hatte das Gebaeude umstellt. Wir versuchten es trotzdem, aber die Bullen schnappten uns und banden unsere Schnuersenkel zusammen und fesselten uns auch unsere Haende damit, um uns am Weitergehen zu hindern. ...was dieser Traum wohl bedeuten mag...?“
„Vielleicht dass es auch woanders grosse Probleme gibt”, meint der Compa, „hier kann schliesslich auch jeden Moment die Polizei kommen. Wir wissen ja nicht, was die Regierung plant. Es gibt vor, alles richtig zu sein, aber wer weiss...“

Ein kleiner Junge spielt mit uns, benutzt uns als lebendige Kletterbaeume, wirft sich waghalsig ueber die Schultern, kugelt lachend herunter und verschwendet offensichtlich keinen Gedanken daran, dass wir ihn vielleicht nicht immer und aus jeder Position spielend auffangen koennen.
Ploetzlich stutzt er, zeigt auf Janosch „deine Hand, deine Hand“. Wir gucken ihn irritiert an. „So viele Haare!“
Spaeter greift er nach meinen Dreads, „porque tienes esto?“ (Warum hast du das?)
„Porque me gusta...“ (Weil es mir gefaellt...)
Der Junge streicht nachdenklich ueber die Haare, nickt dann ernst und erklaert ueberzeugt: „A mi tambien me gusta.“ (Mir gefaellt es auch.)


14.02.10

...
Manchmal glaube ich, mein stetiges Fernweh, dieses Sehnen nach staendiger Bewegung, das mich weiter und weiter treibt und mich unruhig werden laesst, ist ein Spiegel meiner Suche. Der Suche nach der Freiheit.
...


15.02.10

Am Morgen gehe ich spazieren, durch die Felder, wo volle Saecke mit frischgeernteten Maiskolben zwischen trockenen Maispflanzen stehen. Ein Eseljunges steht auf dem Weg, fluechtet zu seiner Mutter, als ich mich naehere. Rechts und links arbeiten die Compas, winken mir zu und gruessen freundlich. Maiskolben liegen zum Trocknen in der Sonne. Die Berge erheben sich majestaetisch ueber die Landschaft, ragen in den wolkenlosen blauen Himmel.
Schliesslich kommt mir ein Compa entgegen, der aus Teopisca kommt, wo er neue Plastiksaecke fuer die Ernte besorgt hat. Gemeinsam mit ihm trete ich den Rueckweg an. Er geht schnell, macht grosse Schritte, sodass ich mich anstrengen muss, um mitzuhalten.
„Die Frauen sind nie in der Wache, stimmts?“, frage ich.
„Nein, nicht mehr...“
„Warum?“, hake ich nach.
„Weil die Maenner ja auf dem Feld arbeiten muessen und die Frauen muessen ja Essen vorbereiten und... und jetzt sind ja auch nicht mehr so viele Leute in der Guardia noetig, immer nur zwei...“
Aha.
„Frueher waren sie schon in der Wache?“
„Ja, als noch hier oben Guardia gemacht wurde, als die Polizei hier ihr Camp hatte, da haben die Frauen sich hingestellt und Wache gehalten, waehrend die Maenner auf der Milpa waren.“
...
Wir kommen auf seine Familie zu sprechen. Er hat mit 18 geheiratet, erzaehlt mein Weggefaehrte, seine Frau war damals 16. Jetzt haben sie 3 Kinder, er ist jetzt 29. So frueh zu heiraten ist hier sehr ueblich, allerdings auch nicht (mehr?) immer, so gibt es auch Leute, die erst mit 30 aufwaerts heiraten.
Er fragt, ob wir heiraten werden. „Nein, ich will eigentlich nicht heiraten. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, dass irgendjemand mir sagt: Ihr bleibt jetzt fuer immer zusammen.“
„Andere compas haben mir erzaehlt, dass sich dann manche auch wieder trennen nach ein paar Jahren und auch deshalb nicht heiraten...“
„Si, claro, manchmal, wenn man sich nicht mehr versteht, wenn es passiert, dass die Liebe vorbeigeht, dann trennt man sich auch wieder. Man weiss schliesslich nie...“
„Si, asi es... esta bien, esta bien...“ (Ja, so ist es... das ist gut, das ist gut)


Ein Junge greift sich einen kaum kleineren Truthahn unter den Fluegeln und geht mit ihm davon, ueber den Kopf des Tiers spaehend, welches permanent kurze Schreie ausstoesst.
”Und wohin gehst du damit?“, frage ich.
„Nach Hause“, antwortet der Junge, ueber die Schreie des Truthahns hinweg
„Werdet ihr ihn essen?“
„Nein“, und der Truthahn schreit weiter.
„Aber er ist abgehauen?“
„Si.“ Damit setzt der Junge das Tier hinter einem Zaun ab, woraufhin dieser sofort das Schreien einstellt und stattdessen pickend davonstakst.


Abends am Wachposten...
„Und warum habt ihr entschieden, euch in der Anderen Kampagne zu organisieren?“
„Also, frueher, seit 1998, waren wir ja zapatistische Unterstuetzungsbasen. Aber dann sind wir hierher gezogen und hier war der Widerstand sehr schwach.“
„Stimmt, das naechste Dorf ist auch schon rein priistisch (regierungstreu), richtig?“
„Ja, das naechste Dorf sind schon pure Priistas... Naja, dann kam aber der Tag, dass die Besitzer der umliegenden Laendereien, Leute aus Teopisca etc, uns den Zugang zum Wasser verwehrten. Wir haben uns dann erstmal bei der Regierung beschwert, die sollten eine Loesung finden. Aber die Regierung stand auf Seite der Reichen, der Besitzer.
Also sind wir zu Frayba gegangen und haben dort nachgefragt, was wir machen koennten. Frayba hat uns erstmal versichert, dass wir von der Regierung nichts erwarten muessen, die wuerde nichts fuer uns tun. Aber sie machten uns den Vorschlag, wir koennten uns der Anderen Kampagne anschliessen. Also haben wir die Laendereien besetzt und beschlossen, uns zu organisieren. Wir haben uns mit Repraesentanten der Anderen Kampagne gesprochen und sie haben uns Ratschlaege gegeben, wie man sich organisiert.
Mit dem Widerstand und der Organisation im Ruecken haben wir an Staerke gewonnen. Auch mit den Beobachtern. Einmal wollte die Regierung hier ein Gespraech durchfuehren, uns ueberzeugen, uns erklaeren, dass das Land nicht uns gehoert. Aber dann haben sie die Beobachter gesehen und sie haben uns in Ruhe gelassen!“
„Wie gut, dass unsere Praesenz hier also tatsaechlich etwas nutzt...“
„Ja, sie nutzt sehr viel! Naja, und so geht es voran, erlangen wir Bewusstsein...“


Am letzten Abend vor unserer Abreise laedt uns ein Compa zum Essen ein. Erneut begeben wir uns zu seinem kleinen Haus, genauer gesagt 3 kleinen Holzhuetten, in denen Hunde, Huehner, Enten und nicht zuletzt die sieben Enkel_Innen herumtoben. Dort sitzen wir auf klapprigen Stuehlen im Hof, nehmen zusammengeklappte Tortillas mit Frijol-Fuellung sowie frischen Kaffee zu uns und unterhalten uns.
„Der Kaffee ist fertig“ rief unser Gastgeber zuvor aus der Kueche.
„Jaja“, erwidert seine Frau ungehalten und berichtet mit leuchtenden Augen weiter. Graue Straehnen blitzen in ihrem Haar, Falten durchziehen ihr Gesicht, sie sitzt gekruemmt. Auf den ersten Blick wirkt sie schwach, alt, zerbrechlich. Doch die schiefen Zaehne und Zahnluecken koennen ihr Strahlen nicht trueben, in ihren Augen glaenzt Begeisterung, aus der Stimme spricht Staerke.
Sie erzaehlt, wie eines Tages die Soldaten kamen. Sie drangen ins Dorf ein, umstellten die Haeuser. Vier Maenner fanden sie vor, die krank in ihren Betten lagen, und nahmen sie fest. Die Frauen der Gemeinde hatten an beiden Ortseingaengen Wache gehalten und nun begannen sie sich zu sammeln, mit Stoecken und Steinen bewaffnet naeherten sie sich der Armee, gemeinsam mit ihren Kindern, die sich ebenfalls Aeste griffen.
„Lasst meinen Mann frei“, habe sie da dem Soldaten entgegen geschrieen, sagt sie und laechelt verschmitzt.
Auf dessen Einwand, dieser habe illegal Land besetzt, habe sie gerufen: „Wir haben ein Recht auf dieses Land!“ und weiter auf die Freigabe ihres Mannes bestanden.
„Lasst ihn frei oder ihr verlasst dieses Land tot!“, habe sie gedroht und ihre Tochter habe sich voller Wut, voller Kraft eingeschaltet: „Lasst sie frei oder ihr werdet auf dem Basketballplatz haengen“ – so habe sie ihre Tochter noch nie gesehen, und dabei lacht sie und ihre Augen funkeln vor Energie.
Sie habe ihrem Mann etwas zugeraunt und der habe sich daraufhin ohnmaechtig gestellt, dann setzten sie den Militaers zu, mit ihren primitiven Waffen schlugen sie auf sie ein, eine Frau packte einen Soldat und wuergte ihn.
Und schliesslich – schliesslich wich die Armee zurueck. Die Maenner wurden freigelassen und die Militaers zogen ab.
„Und sie kamen nie wieder zurueck“, erklaert die Frau triumphierend.

Und auch drei andere Maenner, die im nahen Dorf Teopisca aufgegriffen worden waren, wurden von den Frauen gemeinsam befreit, mit Hilfe einer improvisierten Strassensperre.

Ihr Mann erzaehlt spaeter vom Besuch eines Politikers. Er kam nach Cruzton und spazierte die Wege entlang und erklaerte: „Wenn ihr mich waehlt – dann werden all diese Strassen asphaltiert werden!“ Der Mann wurde gewaehlt, doch die Wege blieben wie sie waren. Menschen aus dem Dorf begaben sich zu seinem Buero, reichten Beschwerden ein. „Dafuer habe ich jetzt keine Zeit“, war seine erste Reaktion darauf. Spaeter reagierte er ueberhaupt nicht mehr.
Und jetzt – jetzt sind die Wege immer noch so staubig und steinig wie damals, dafuer gibt es neue Politiker und neue Versprechen.

Und er berichtet von einem Treffen von Compas, irgendwo fernab jeder funktionierenden Infrastruktur. Es waren nur Maenner dort. „Deshalb ist es gut, kochen zu koennen. Schliesslich kann es immer mal vorkommen, dass keine Frauen da sind“, wirft er ein, denn damals mussten sie sich selbst organisieren, selbst kochen. Und die, die es nicht konnten... mussten es halt lernen.
Sie haben dort ein Krankenhaus errichtet, in langer Arbeit, Eigenkonstruktion. Doch inzwischen ist es wieder geschlossen. Es war zu abseits, die Leute kamen nicht hin.

Das sind die Geschichten, die wir heute Abend hoeren. Geschichten ueber korrupte Politiker und leere Versprechen. Geschichten ueber Widerstand und Organisation, ueber Probleme und Erfolge. Und Geschichten ueber starke Frauen, erzaehlt von einer starken kleinen Frau, die mich beruehrt, die mir Energie und Hoffnung gibt und deren leuchtende Augen ich noch lange vor mir sehe.

17.02.10 – 21.02.10 San Cristobal

Unsere letzten Tage in San Cristobal verbringen wir mit organisatorischen Ueberlegungen, mit Packen, einer letzten Falafel und mit Abschied, mit dem Austauschen letzter Adressen und einem scheinbar endlosen Sermon aus „Wir melden uns“ und „Man trifft sich immer zweimal im Leben“.

Der Abschied ist zwiespaeltig. San Cristobal schien mir nach und nach immer mehr wie eine Stadt aus Kulissen, errichtet fuer die sogenannte Backpacker-Szene aus aller Welt, die sich Nacht fuer Nacht in den immer gleichen Bars trifft und tagsueber durch das „pittoreske“ Zentrum der Staft schlendert. Doch die Fassade broeckelt... Ueber zwei Ecken hoeren wir, dass viele Polizist_Innen hier in Taxis Streife fahren, damit die Polizeipraesenz nicht so auffaellt. Das wuerde zu unserer Erfahrung passnen, dass Taxifahrer oft abwinken, obwohl ihr Wagen leer ist.
Der grosse Markt im Zentrum soll komplett in eine Halle in einem ausserhalb liegenden Stadtviertel verlegt werden, um das Gebiet touristisch „aufzuwerten“.
Wir hoeren von Drogengang-Konflikten in den Aussenbezirken, vom „Verschwinden“ indigener Frauen, die in den Strassen ihre Artesanias verkaufen.
In einer der vielbesuchten Bars ereignet sich eine Messerstecherei, nachdem Leute aus dem Publikum die auftretenden Rapperinnen, die feministische Inhalte transportieren, auf der Buehne attackierten.

Diese Seite San Cristobals lassen wir gerne hinter uns. Von der anderen Seite, bestehend aus den Menschen – Freunden und Compas - die wir hier kennengelernt haben, faellt der Abschied jedoch schwer...

21.02.10 San Cristobal – Quetzaltenango (Xela), Guatemala

Mit leichten Nachwirkungen des grosszuegigen Bierkonsums am vorigen Abend und des Schlafmangels quaelen wir uns morgens aus dem Bett und steigen in den kleinen Bus, der uns ueber die guatemaltekische Grenze bis Quetzaltenango bringen soll.

Ueber eifrigen Maennern mit Geldscheinbuendeln und Taschenrechner in den Haenden, die Geldwechsel anbieten, Bussen, Menschen und Gepaeck ragt ein blaues Schild ueber die Strasse „Bienvenidos en Guatemala“. Eine Gebuehr von 20 Pesos und einen Stempel im Pass spaeter sitzen wir erneut in einem Bus und fahren unter besagtem Schild hindurch, auf ein Panorama blauen Himmels und reich bewachsener Berge zu.
Bald darauf erreichen wir Quetzaltenango. Die Stadt wird von Einheimischen meist „Xela“ genannt, nach dem Maya-Namen „Xelaju“, was uebersetzt „10 Ideen“ oder „10 Weise“ bedeutet.
Wir passieren Strassenzuege voller bunt gestrichener Haeuser, Marktstaende, die mit Ananas, Papaya, Mangos und Avocados beladen sind, kleiner Tiendas und Lokale.
An den Waenden sieht man haeufig die gesprayte Information: „Vecinario orgnizado contra la delincuencia“ (Organisierte Nachbarschaft gegen das Verbrechen) – in der Naehe des zentralen Platzes entdecken wir schliesslich das gegenstueck: „Delincuentes organizados en contra de la vecindad“ (organisierte Verbrecher gegen die Nachbarschaft)...


22.02.10 Fuentes Georginas

Nach dem Fruehstueck steigen wir in einen der beruehmt-beruechtigten „Chicken-buses“, aufgekaufte alte Schulbusse der USA, die meist in schreiend bunten Farben bemalt sind, mit Heiligenbildchen, Namen oder Schriftzuegen versehen sind und deren Daecher oftmals mit bergeweise Gepaeck – oder eben auch Huehnern – beladen sind. Der Bus bringt uns ins 9 km entfernte Zunil, wo wir in nach einigem Handeln auf die Ladeflaeche eines Pickups klettern, der mit uns den Weg in die Berge hinaufbrettert. Wind und Staub blaest uns um die Ohren, die Aussicht auf den Vulkan Santa Maria, auf Felder und die kleine Stadt Zunil im Tal ist berauschend.
Oben angekommen laesst der Fahrer uns am Eingang der heissen Quellen „Georginas“ absteigen.
Die natuerlichen heissen Baeder sind eingefasst von tropischer Vegetation und – leider – tourismus-tauglicher Bar etc. Das Wasser tropft stetig aus der steilen Felswand, aus dem Becken, in dem eine Temperatur zwischen 45 und 63 Grad Celsius herrscht, steigen Wolken von Wasserdampf auf.

23.02.10 Volcan Santa Maria

Um 12.00 Uhr nachts ruettelt man uns wach, zusammen mit drei anderen Backpackern quaelen wir uns aus dem Bett und suchen uns ein Taxi, das uns nach kurzem Handeln auch zu Fuenft fuer 100 Quetzales nach Llano del Pinal, an den Fuss des Vulkans Santa Maria bringt. Am Ende der Strasse, am Ende der Lichtkegel der spaerlichen Strassenlaternen schalten wir unsere Taschenlampen an und beginnen unseren Aufstieg auf den 3772 m hohen Vulkan, der von den K’iche auch „Gagxanul“ genannt wird, der „nackte Vulkan“.
Im schalen Licht des Halbmonds und den hellgelben Kreisen der Taschenlampen suchen wir den Pfad, der die 1500m auf den Gipfel fuehrt. Zwischen den Baeumen breitet sich das funkelnde Lichtermeer Xelas aus, waehrend wir uns Schritt fuer Schritt ueber Steine und Wurzeln auf dem steilen Weg unserem Ziel naehern.
Bald gehen die anderen drei voraus, die offensichtlich ueber mehr Kondition verfuegen als wir, waehrend wir den Berg etwas langsamer erklimmen. In den Pausen spueren wir die beissende Kaelte, die sich durch unsere Kleidungsschichten frisst.
Schliesslich erreichen wir die Spitze des Vulkans, ueber die von allen Seiten Windboen pfeifen. Eine Gruppe Einheimischer liegt in Decken gehuellt unter einer wallenden Plastikplane.
Wir kauern uns zwischen einige Felsbrocken, um uns vor dem Wind zu schuetzen und bewundern das beginnende Schauspiel des Sonnenaufgangs. Der Himmel faerbt sich in allen erdenklichen Farben, von dunklem Weinrot, ueber orange und gelb zu hellem Gruen und verschiedensten Blautoenen. Wolkenstreifen ziehen davor vorueber und eine Reihe Vulkane heben sich als finstere Silhouetten vor dem Farbenspiel ab. Die Kulisse veraendert sich im Sekundentakt, Farben gehen ineinander ueber, bis sich schliesslich der Sonnenball am Horizont erhebt und gleissende Lichtstrahlen ueber den Himmel jagt, die die Szenerie ins mystische Licht des Morgens taucht.
Die Guatemaltek_Innen, die hier uebernachteten, legen Blumen vor einigen Felsen nieder, knien nieder, schlagen das Kreuz, wiegen sich vor und zurueck, murmeln in leisem Singsang, beten.
Der Krater des kleineren Vulkans Santiaguita, der unterhalb des Gipfels zu sehen ist, spuckt hin und wieder eine Aschewolke aus, die Nebel – gleich den Hang hinaufwallt.

Schliesslich machen wir uns wieder an den Abstieg. Die Landschaft hat sich mit den Sonnenstrahlen veraendert, der dunkle Pfad hat sich in einen hellen Feldweg verwandelt, dunkle Schemen in Straeucher und Pflanzen, scharfe Silhouetten in Steine und Baumstaemme. Das Lichtermeer der Nacht ist zu einem weiten Feld von Daechern geworden.
Schliesslich wird der Weg flacher, Wiesen und Felder erstrecken sich neben dem Pfad. Campesinos kommen uns entgegen, von denen uns niemand weiterlaufen laesst, ohne nicht wenigstens ein paar Saetze gewechselt zu haben.
So bewundert eine Gruppe von Frauen und Maennern froehlich lachend meine Ohrringe und Haare, ein aelterer Mann bittet uns um eine Einladung, falls wir heiraten („OK, wenn ich Sie finde...“ – „Kein Problem, ruf einfach in Guatemala an und dann ladet ihr mich ein!“), ein anderer gibt uns Tips fuer unsere Weiterreise und erzaehlt von seiner Cousine, die 17 Sprachen (darunter 5 indigene Sprachen Guatemalas) beherrscht und fuer die USA arbeitet, wir hingegen erzaehlen, woher wir kommen und schwaermen vom Sonnenaufgang auf dem Vulkan. Bis unsere Gespraechspartner_Innen wieder die Machete schultern und ihren Weg zur Feldarbeit fortsetzen und uns eine schoene Weiterreise wuenschen.
22.3.10 07:00
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung