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22.12.09 - 27.01.10 Repression und Resistencia von Acteal bis Laguna Verde

22.12.09 Acteal - "12 veces 12 meses"

Heute jaehrt sich das Massaker in Acteal zum 12. Mal. Ein grosser Demonstationszug bewegt sich bereits auf die Gemeinde zu, als wir uns in einem Taxi naehern. Die Menschen tragen Kerzen, Kreuze und Transparente. Die hohen Stimmen des Chores der Abejas dringen manchmal durch den Gerauschpegel.

Neben den Treppen, die ins Dorf fuehren, ist provisorisch ein kleines Holzhaueschen aufgebaut, wo die Besucher_Innen sich anmelden, Name und Herkunftsland angeben. An einer der Seitenwaende klebt ein Plakat mit einer Aufschrift in roten grossen Lettern: "Televisa, TV Azteca y el Canal 10 de sist. chiapaneco NO PUEDEN PASAR! Porque no informan la verdad sobre Acteal" (Televisa, TV Azteca und der Kanal 10 des chiapanekischen Systems (Fernsehsender) duerfen nicht hereinkommen! Denn sie berichten nicht die Wahrheit ueber Acteal)

Bevor die heutige Zeremonie beginnt, werden durchs Mikrofon die Gaeste aus verschiedenen Laendern, verschiedener Organisationen und Gruppierungen angesagt und begruesst.

Die Sekretaerin der Mesa Directiva haelt eine lange Rede, in dem sie immer wieder aufgreift "12 veces 12 meses" - "12 Mal 12 Monate", die vergangen sind seit dem Massaker. In der sie erklaert "unsere Grossvaeter und Grossmuetter erzaehlen, dass, wenn ein Pueblo Laerm macht und es den Besitzern der Macht, der Luege und des Todes unbequem macht, dann wird dieses Pueblo unterdrueckt und ermordet. Aber sie erzaehlten uns nicht nur vom Schmerz und der Tragoedie, sondern sie erzaehlten uns auch, wie man kaempft, wie man sich organisiert, wie man handelt."
Sie macht deutlich, wie die Gerichte sich ueber sie lustig machen, indem sie die fuer das Massaker verantworlichen Paramilitaers nicht nur freilaesst, sondern auch mit Hauesern und Laendereien belohnt. Doch sie zieht auch die Verbindung zu anderen Kaempfen, zu anderen Schauplaetzen der Repression, betont, dass die Bewohner_Innen Actelas nicht alleine stehen, dass viele den gleichen Schmerz fuehlen, die gleiche Wut.
Auch eine Frauenkooperative der Abejas laesst sie zu Wort kommen, indem sie deren Nachricht zitiert: "Das was wir wollen ist Frieden. Wir wollen keinen Krieg. (...) Das Wort ist unsere Waffe. Wir wollen kein neues '97. Als Artesanas weben und sticken wir weiter den Frieden."
Und sie beendet ihren Diskurs mit dem Bezug auf 2010, das Jahr der zweihundertjaehrigen Unabhaengigkeit, der hundertjaehrigen Revolution - "Wir wollen nicht, dass das hundertjaehrige Jubilaeum der Revolution gefeiert wird, indem die Ideale von Madero und Zapata verleugnet werden, so wie es die Regierung Felipe Calderons tut. (...) Ja, wir wollen eine neue Revolution, aber eine Revolution, die nicht gewaltsam ist, um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu erlangen. (...)"
(Fuer die spanisch-sprachigen Leser_Innen, hier die komplette Rede: http://acteal.blogspot.com/2010/01/comunido-del-12-aniversario-de-acteal.html)

Im Laufe der Zeremonie kommen auch die Personen zum Zuge, die zum Zeitpunkt des Massakers noch Kinder waren. In Zusammenarbeit mit den "Zapayasos", einem Kollektiv aus San Cristóbal, fuehren sie mehrere Szenen auf, in denen sie darstellen, wie sie die Zeit seit dem Massaker erlebt haben, den Schmerz, aber auch die Freuden des gemeinsamen Kampfes. Das Schlussbild stellt ein buntes Transparent dar, das eine idyllische Szenerie zeigt - einen Fluss, gruene Wiesen, Baeume, Schmetterlinge - Symbol fuer die bessere Gesellschaft, die sie bei ihrem Kampf vor Augen haben.


31.12.09 "Noche vieja" (alte Nacht)

Um Mitternacht sammeln wir uns auf dem Dach unserer Unterkunft und untermalt vom lauten Knallen selbstgebauter Raketen, bruellen wir in den Nachthimmel "Zapata vive, la lucha sigue" (Zapata lebt, der Kampf geht weiter) und heissen so das neue Jahr Willkommen, bruellen all die Hoffnungen, Erwartungen, Versprechen ins Dunkel, die das junge Jahr 2010 mit sich traegt.
Eine neue grosse Bewegung, Protest, Aufstand, Revolution. Wir werden sehen...


13.01.10 - 27.01.10 Laguna Verde

Laguna Verde ist eine Gemeinde der OCEZ (Organisación Campesina Emiliano Zapata - Bauer_Innen-Organisation Emiliano Zapata), eine Organisation die mit der Regierung verhandelt, um eine direkte Verbesserung der Lebenssituation ihrer Mitglieder zu erreichen, so fordern sie zum Beispiel Laendereien, Schulen, Steinhaeuser, Fischzuchtanlagen. Trotz des Kontakts zur Regierung, ist die Organisation seit ihrer Gruendung regelmaessig starker Repression ausgesetzt.
Die Mitglieder der Organisation werden kriminalisiert, als Guerilleros klassifiziert, als Drogen- oder Waffenschmuggler, dementsprechend festgenommen und gefoltert.
Am 6. Oktober 1984 wurden 9 Menschen von Paramilitaers umgebracht, darunter 5 Minderjaehrige. Die Taeter kamen fuer kurze Zeit ins Gefaengnis, wurden anschliessend jedoch mit Laendereien belohnt.
Die Regierung versucht natuerlich auch in diesem Fall, die Bewegung zu spalten, streut Geruechte und versucht, die verschiedenen Gemeinden gegeneinander aufzubringen.
Im Jahr 2009 kam es zur spektakulaeren Festnahme von einem der Koepfe der Organisation mit dem Spitznamen "Chema". Im Zusammenhang mit der Festnahme kam es zu einem Autounfall - der von der OCEZ als Attentat beschrieben wird - bei dem einer sofort stirbt, ein anderer im Krankenhaus den Wunden erliegt. Ein dritter verliert seine Beine.
Im Oktober kam es daraufhin zu einer grossen Polizeiaktion in den Gemeinden Laguna Verde und dem Nachbardorf 28 de Junio, bei der Waffen gesucht, aber nichts gefunden wurde.
Im Dezember wurde, nach grossen Protesten der Organisation, u.a. dem Protestcamp in San Cristóbal, die Freilassung der 3 Gefangenen der OCEZ sowie die Aussetzung der Haftbefehle erreicht.
Die Gemeinden werden jedoch weiterhin bedroht, so naeherten sich, so wurde uns berichtet, waehrend unseres Aufenthalts mehrmals Autos mit bewaffneten Maennern und Kapuzen den Gemeinden, drehten aber vor der Guardia (Wachposten) wieder um.


16.01.10

"Wenn ihr jetzt hier seid, seid ihr denn dann auch in der OCEZ organisiert?", fragt uns ein Mann mit einer Basecap schraeg auf dem Kopf, der mit uns in der Guardia sitzt.
Ein anderer, der schon aelter ist und einen Bauch vor sich her schiebt, fragt etwas ungehalten, was wir eigentlich hier machen. Wir erklaeren unsere Arbeit mit Frayba, da hellt sich seine Miene auf - "ach, dann seid ihr ja Compas!"
Die Wege nach Laguna Verde bzw. 28 de Junio sind mit Stacheldrahtgattern versperrt, die geoeffnet werden, sobald sich ein Auto von Anwohner_Innen oder Verkaeufer_Innen naehert. Eines der Gatter wird von 2 rot-schwarzen Fahnen gesaeumt, offensichtlich selbst zusammengenaeht, die sich vom strahlend-blauen Himmel abheben und im Wind flattern.
Das Gespraech dreht sich um die steigenden Lebenskosten - Tortillas, die ehemals 6 Pesos pro Kilo kosteten, kosten nun 12, wohingegen die Abnahmepreise fuer Mais sinken... wobei die Ernte ohnehin nur verkauft wird, wenn sie so gut ist, dass neben dem Eigenbedarf noch was uebrigbleibt. Die Bohnenernte beispielsweise ist dieses Jahr fatal ausgefallen - ein neues Ungeziefer hat beinahe alle Pflanzen gefressen.
Wir sitzen 2 h am Tag in der Guardia (in der zweiten Woche 4 h, da wir weniger Beobacht_Innen sind und trotzdem 8 h abdecken muessen), in 2er Gruppen, alle drei Tage 2mal, die Compas hingegen verbringen auch die Nacht im kleinen Wachhaeuschen und werden erst nach 24h abgeloest.

Zwei Mitbeobachterinnen werden von zwei Frauen angesprochen: "Wie gut, dass ihr das macht, dass ihr reist, auch als Frauen... hier ist das Leben schon schoen, aber manchmal fuehlen wir uns wie eingesperrt."
Ein gutes Zeichen, scheint mir, dass solche Wuensche artikuliert werden. Vielleicht hat auch die Zeit des Protestcamps in San Cristóbal, als alle Maenner weg waren und die Frauen allein das Leben im Dorf bestimmt haben, Guardia gemacht haben, etc, das Bewusstsein der Frauen ueber ihre Situation und die Strukturen innerhalb der Gemeinde etwas veraendert.

Laguna Verde wirkt um einiges reicher als die anderen comunidades, die wir besucht haben. Fast alle haben Haeuser aus Stein, Wasseranschluss, manche haben TV und ein extra Gebaeude aus Holz, in dem sich die Kueche befindet (allerdings wird trotzdem mit Feuer gekocht). Die Strategie der Verhandlung ist sichtbar. Auch in anderen Punkten unterscheidet sich die Gemeinde von anderen, beispielsweise wird hier keine traditionelle Kleidung mehr getragen, einige Frauen tragen sogar manchmal Jeans, und alle sprechen Spanisch, kennen hoechstens noch ein paar Worte Tseltal.


17.01.10 ...Gedanken...

Die Farbe der Anarchie, die Farbe der anarchistischen Fahne, ist schwarz. Denn so wie man Schwarz beim Mischen aller Farben erhaelt, so ist auch der Anarchismus zusammengesetzt aus allen bunten Traeumen, Ideen, Illusionen...


18.01.10

"El 6 de octubre - No se olvida" (der 6. Oktober wird nicht vergessen), "OCEZ", "Presos políticos libertad" (Freiheit fuer politische Gefangene) schmuecken die Waende der naechstgroesseren Stadt "Venistiano Carranza" (ironischerweise benannt nach dem General, der Emiliano Zapata hat umbringen lassen). Waehrend der Fahrt im Colectivo (wie ueblich gilt das Motto "Ein Colectivo ist niemals voll", mehrere Kinder stehen gedraengt zwischen den Knien ihrer Eltern, U. quetscht sich auf den kleinen Behelfssitz zwischen Fahrer und Beifahrer) erklaert mir mein Sitznachbar, er gehe im Maerz in die USA, um dort 3 Jahre zu arbeiten. Hier gebe es so wenig Arbeit, dort hingegen faende man immer etwas - Erntehelfer, Gaertner, Putzmann,.. - und es sei viel besser bezahlt. Und man habe ja auch schon so seine Ideen, wo man nach Arbeit suchen kann.

Es gibt hier keinen Supermarkt, lediglich kleine Tiendas und einen Markt, der sich ueber eine kleine Strasse erstreckt. Nachdem wir frisches Obst und Gemuese kaufen, Bimbo-Brot und Erdnussbutter, um unsere Lebensmittelreserven im Campamento aufzufrischen, setzen wir uns in ein kleines Lokal mit 4 Tischen.
Ob es Frijoles gebe? Die Frau setzt eine leidende Miene auf: Nein, die habe sie heute zu Hause vergessen... aber wenn es uns nichts ausmacht, ein bisschen zu warten, koennte sie jemanden die Bohnen holen schicken...?!
So setzen wir uns und nach und nach trudeln das Oel fuer unsere Pommes, dann die Tortillas und schliesslich auch das kleine Maedchen ein, das die Frijoles holen sollte. Etwas zu trinken lehnen wir ab, wir sind uns nicht sicher, ob nach dem Grosseinkauf unser Geld noch ausreicht. Kurz darauf stellt man uns dennoch zwei grosse Glaeser auf den Tisch "Prueben eso!" (Probiert das). Es handelt sich um ein Getraenk aus gemahlenem Mais, Kakao, Zimt, einer Art Getreide und Wasser.
Fuer alles berechnet sie am Ende 50 Pesos, woraufhin wir einen Blick tauschen und einvernehmlich noch ein "Trinkgeld" von 30 Pesos hinterlassen.


23.01.10

Ich fuehle mich unruhig, rastlos... ich will nach meinen Traeumen greifen, doch habe das Gefuehl, nur Luft zwischen die Finger zu kriegen... Traumtaenzerin... will meine Utopie zu fassen kriegen... will das Konstrukt zerbrechen, all' diese Grenzkontrollen, Stacheldraht, und Knaeste niederreissen, Knueppel zerbrechen, das Gesetzbuch zerreissen, Normen und Regeln und Mechanismen und Strukturen und Rollen und Stereotypen und Vor- und Urteile aufbrechen und Raum schaffen fuer Traeume, fuer Ideen, fuer Gedanken, fuer Freiheit!
Und ich drehe mich um, in meiner Haengematte, auf der Suche nach dem grossen Traum und trete auf der Stelle...

Vorvorgestern sind wir nach dem Mittagessen nach 28 de Junio spaziert, ueber den staubigen Feldweg, und klopfen bei R., einem der Gruender der OCEZ, an die Tuer. Er fuehrt uns ueber kleine Trampelpfade, zwischen Palmen und Bananenstauden, stachligen, trockenen Halmen und Straeuchern entlang, an einem Zuckerrohrfeld vorbei, wo die flor de caña ("Zuckerrohrblume"), Federn-gleich in den blauen Himmel ragt und sich sachte wiegt, zu einer kleinen Lagune im Schatten der Baeume, deren Staemme sich auf der stillen Wasseroberflaeche spiegeln.
Das Wasser ist kuehl und klar, auf den Steinvorspruengen rund um die Lagune sitzen beinahe Handteller-grosse Spinnen mit langen duennen Beinen, ueber die Baumwurzeln balancieren riesige Ameisen und transportieren Samen und Blattstuecke zu ihrem Bau.
Wir geniessen das erfrischende Wasser und beobachten die Insekten.
Auf dem Rueckweg zeigt uns R. eine hochgeschossene Pflanze mit grossen, ausfallenden Blaettern, "Amor Seco" (trockene Liebe), welche als Tee zubereitet gegen Blutzucker hilft.
In seinem Garten duerfen wir uns mit limónmandarinas eindecken, die wir erst eindeutig als Mandarinen klassifizieren - orange, klein, mit dem fuer Mandarinen typisch eingeteilten Fruchtfleisch - bis wir eins der Teilstuecke probieren und ob der Saeure das Gesicht verziehen. "Limónmandarinas" (Limettenmandarinen), eindeutig!

Jetzt ist gerade 10 Uhr morgens, nach einer Partie Kniffel und einem leckeren Muesli mit aussergewoehnlich grosser Obstvielfalt (Ananas, Orange, Mango, Banane), sind wir auf unserem Posten in der Guardia und die Sonne brennt bereits vom Himmel. Der Grossteil der Compas liegt auf der Erde, "Cowboy"hut oder Basecap uebers Gesicht gezogen, aus einem Handy erklingt mexikanische Musik und tritt in Konkurrenz zu der Musik aehnlichen Typs, die aus einem der nahegelegenen Haeuser schallt.
Wir sitzen auf Holzkloetzen und starren in die flirrende Luft, die rot-schwarzen Fahnen bewegen sich traege im wenigen Wind, an einem kleinen Holzhaus uns gegenueber meint man die Farbe von der PRD-PAN - Propaganda ("Vamos por Carranza") abblaettern zu sehen. Die vertrockneten Blaetter eines Busches wiegen sich sacht im Luftzug, ein Hund schlaeft im Schatten, zuckt manchmal zusammen, wenn Insekten ihn zu sehr stoeren oder ein Kind einen Stein wirft. Zerrupfte Huehner mit Staub im Gefieder bewegen sich ruckartig durchs Gestruepp. Die Zeit troepfelt langsam dahin, scheint sich in der Hitze auszudehnen...

Am Abend des 23. begeben wir uns auf Einladung R.s nach 28 de Junio, wo, seinen Worten nach, ein Fest und eine Art Mess zu Ehren Jesus' Geburt stattfinden soll. Irgendwas muessen wir da missverstanden haben, denken wir, doch als wir in der Nachbargemeinde ankommen, wird uns mitgeteilt: Es handelt sich tatsaechlich um Weihnachten!
Navidad wird hier einfach irgendwann zwischen Anfang Dezember und Mitte Februar gefeiert, das wechselt jedes Jahr ein bisschen. Und da die Maenner im Dezember noch im Protestcamp waren, wurde es dieses Jahr schlicht um einen Monat verschoben.
So trotten wir bald darauf in einem kleinen Menschenzug eine der vier Strassen hinunter, aus denen das Dorf besteht. An deren Ende ist ein klappriger Holztisch aufgebaut, auf dem eine Jesus-Puppe liegt.
Kerzen und selbstgebastelte Laternen aus buntem, durchscheinendem Papier und Pappe werden ausgeteilt (zu meinem Erstaunen war die Pappe meiner Laterne ehemals die Verpackung eines "organischen Soyadrinks"). Lieder werden angestimmt, schliesslich wird R. das "Kind" in die Arme gelegt und er fuehrt die Prozession an, zurueck zur kleinen Kirche, vor deren geschlossenen Tueren erneut gesungen wird, von Maria und Josef, die um Einlass bitten, bis wir endlich eingelassen werden.
Die Puppe wird in eine geschmueckte Krippe neben dem Alter gebettet, eine blinkende Lichterkette dudelt stetig verzerrte Weihnachtslieder, an der Decke haengen Luftballons und Deko-Material in Mexikos Nationalfarben.
Den Familien werden nun grosse Plastiktueten mit einer Art Brot, duenne Mehlfladen in Fett ausgebacken, mit Honig bestrichen, ausgeteilt, sowie Styroporbecher mit Horchata, einem Getraenk auf Reisbasis mit Zimt.
Anschliessend werden draussen vor der Kirche an einem Holzbalken Piñatas hochgezogen, in Form von Mafalda (einer bekannten mexikanischen Comicfigur) oder Cinderella. Waehrend eines der Kinder die Augen verbunden und einen Holzpruegel in die Hand bekommt, begeben sich die restlichen Kinder in eine guenstige Startposition. Waehrend sich nun das Kind im Mittelpunkt abmueht, die Puppe zu treffen, die von einem der Erwachsenen am Seil hoch und runter gelassen wird, rufen die Kinder im Chor "Ya le diste uno, ya le diste dos..." (Du hast ihm schon einen (Schlag) verpasst, du hast ihm schon zwei verpasst...).
Sobald die Keramikschuessel im Inneren der Figuren zerschlagen wird und die Suessigkeiten hinabregnen, stuerzen sich alle gleichzeitig auf die Leckereien und in kuerzester Zeit bildet sich ein grosser Kinderberg mit rudernden Armen und Beinen, in dem allesamt versuchen, moeglichst viele Bonbons und Lollies einzuheimsen.
Nach diesem lauten und lebendigen Spektakel folgt eine erneute Prozession mit Kerzen, diesnmal ist das Jesuskind jedoch koeniglich gewandet und sitzt auf einem hoelzernen Thron. Nochmals erklingen Lieder, flackern Kerzen und selbst gebastelte Sylvesterknaller explodieren im Nachthimmel.
Das Singen geht vor dem Altar weiter, waehrend dem kleinen Maedchen neben mir auf der Bank bereits die Augen zufallen und, gleichmaessig atmend, auf meinen Arm kippt.
Ein Ende finden die Feierlichkeiten mit riesigen Lagerfeuer aus trockenem Reisig, entfacht von den begeisterten Kindern, mit Tamales (allerdings mit Fleisch) und Kaffee.
Jedoch - am naechsten Tag ist gleich wieder Weihnachten! Diesmal in Laguna Verde.


24.01.10

...als wir uns jedoch am naechsten Tag nach dem Mittagessen zum "Kinder" (Kindergarten/Vorschul - Gebaeude) begeben, stossen wir zuerst auf eine Art Reunión (Treffen, Versammlung):
Frauen, Maenner, Kinder sitzen auf winzigen Holzstuehlen, bunte Luftballons schmuecken den ueberdachten Platz vor dem Gebaeude und gerade spricht ein Compa im Rollstuhl, dessen bewegende Worte kaum das Kindergeschrei durchdringen. Er hat seine Faehigkeit, zu laufen bei dem Unfall am Tag Chemas Verhaftung verloren (behindert heisst uebrigens laut Langenscheidt-Woerterbuch auf Spanisch "minusválido" = "wenigerwert") und spricht davon, dass er sich oft nutzlos fuehlt, da er nicht mehr arbeiten kann, aber dass es ja vielleicht Compas gibt, die ihn nicht als nutzlos empfinden - bei diesen Worten nickt R. ernst.
Ein anderer Compa erzaehlt von der Repression, ruft in Erinnerung, dass die Mitglieder der Organisation immer Gefahr laufen, umgebracht zu werden, zu "verschwinden", verletzt zu werden; dass fuer die Laendereien, die der OCEZ jetzt ueberschrieben werden, 4 Menschen das Leben gelassen haben (2 in 2007, 2 im Herbst 2009), aber dass der Kampf trotzdem gefuehrt werden muss und dass, falls er das Leben gibt oder in den Knast kommt, er wisse, dass es im Kampf dafuer geschehe, seinen Kindern ein besseres Leben zu ermoeglichen.
Chema betont die Wichtigkeit der Partizipation der Frauen - "die Organisation ist wie ein menschlicher Koerper. Wenn nur die Maenner kaempfen, ist es, als benutze man nur eine Hand! Eine Seite fehlt, die der Frauen!" und er erklaert: "el enemigo es fuerte, pero mas fuerte es el pueblo, que se organiza" (Der Feind ist stark, aber noch staerker ist das Volk/Dorf, das sich organisiert)
Tatsaechlich meldet sich neben anderen Maennern auch noch eine Frau zu Wort, bevor schliesslich R. zum Abschluss hochhaelt, dass der Kampf mit dem Gewinn der Laendereien noch nicht vorbei ist, sondern dass es gilt, weiter zu kaempfen.

Nun beginnt der lustige Teil der Veranstaltung. Waehrend Tische umgestellt und Reis, Tortillastapel und Huhn verteilt werden, bin ich von Kindern umringt, die fordern "una mas, una mas" (eins noch, eins noch), "ahora yo solita" (jetzt ich alleine) und sich vor die Linse meines Foto-Apparats draengen. Es benoetigt einige Fotos und viele Worte, um sie schliesslich davon zu ueberzeugen, sich zum Tisch zu begeben und zu essen.
Auch heute duerfen Piñatas natuerlich nicht fehlen, diesmal u.a. in Gestalt von Spiderman und Batman...

Abends an der Guardia fragt uns ein Mann ueber unsere Sprachen und Herkunftslaender aus, wie viele Sprachen wir koennen...
Er vermutet: "Es ist sicher leichter, Sprachen zu lernen, wenn man lesen kann, oder?" - und berichtet, dass sie jetzt nachmittags die Moeglichkeit haben, lesen zu lernen. "Aber es ist schwierig..."
Er wuerde seine Kinder auch gerne zur Schule schicken, erklaert er, aber beispielsweise die weiterfuehrende Schule (allerdings evtl privat?) koste 2000 Pesos im Monat, dazu kaemen die Fahrtkosten. Verdienen wuerde er hingegen 400 Pesos pro Woche... "deswegen muss ich sie zum Arbeiten aufs Feld schicken, damit es wenigstens zum Essen reicht."
Ob er auch gerne mal in ein anderes Land reisen wuerde, frage ich.
"Ja, schon, aber es ist hier sehr schwer, genug Geld zusammen zu sparen... Stimmt es denn, dass es auch Mexikaner gibt, die woanders hinreisen und dann gefaellt es ihnen und sie bleiben? Und heiraten zum Beispiel eine Franzoesin oder eine Deutsche? Und gruenden dort eine Familie?", erkundigt er sich neugierig.
Und weiter: "In euren Laendern, eure Regierungen - ihr habt doch auch Regierungen? - machen die was gegen die Armut? Wird das Geld dort besser verteilt?" Mit offenen, neugierigen, fragenden Augen blickt er uns unter der Krempe seines weissen Cowboyhutes an.


25.01.10

Heute brechen wir ein weiteres Mal mit R. zu einem Spaziergang auf. Wir wandern durch ein Labyrinth vertrockneter Maispflanzen, durch Farne, Baeume, Straeucher, bis zu einem kleinen Wasserfall, der sich ueber gruen bewachsene Steine ergiesst. Schmetterlinge verschiedenster Farben und Groessen flattern durch die ueppige Vegetation.
Hier, erklaert R., befinden wir uns am Rande des Gebiets der OCEZ. Das angrenzende Gelaende gehoert Eigentuemern aus San Cristóbal, die die Baeume abholzen, um es zu verkaufen und Platz fuer Zuckerrohrfelder zu schaffen.
Wir laufen weiter und kommen an einem Baum von enormer Groesse vorbei, der sein kahles Astwerk weit in den Himmel reckt, der jedoch gerade 20 Jahre alt ist.
Dann gelangen wir an einen weiteren kleinen Wasserfall, der ueber mehrere natuerliche, breite Stufen faellt. Die Felsen sind mit Stalagtiten geschmueckt und an dessen Raendern finden sich versteinerte Aststuecke und andere Fossilien. Das Licht faellt durch das Netz von Baumstaemmen und malt Muster aufs Wasser. Farne, Moos und Felsen verleihen dem Ort ein mystisches Antlitz.
Wenig spaeter kommen wir auf kahle Flaechen, ueber die sich braune, trockene Grasbueschel ziehen. "Frueher", sagt R., "stand hier ueberall Wald." Das Abholzen der Baeume sorgt unter anderem fuers Absinken des Wasserspiegels. Deshalb will die OCEZ das Gebiet aufkaufen und Wiederaufforsten, dafuer versuchen sie an Gelder der UNO zu kommen, die Finanzen fuer aehnliche Projekte bereitstellt. Tatsaechlich erreichen wir spaeter wieder Laendereien der OCEZ, wo die Baeume noch dicht an dicht stehen, gruenes Dickicht. Nur kleine Schleichwege fuehren am Wald vorbei. "Hier lassen wir niemanden rein. Weder Touristen noch wir selber betreten das Gebiet, auch wir selber holzen hier nichts ab."
Schliesslich fuehrt uns R. an Staemmen vorbei, die von grossen Dornenansammlungen bedeckt sind, deren Stacheln sich scharf vor dem blauen Himmel abheben, an Bananenstauden und schwer behangenen Lima-Baeumen (Lima ist eine Zitrusfrucht von der Groesse eienr Orange, aber weniger sauer), bis wir schliesslich nach einer grossen Runde wieder in 28 de Junio ankommen.


...

Eines Nachmittags umringen mich einige der Kinder der Gemeinde, haengen sich kopfueber an den Ast eines kleinen Baumes und schreien "Foto, Foto". Immer und immer wieder klettern sie erneut hinauf, klammern sich an den Ast, lassen den Kopf nach unten baumeln.
Als ich die Fotosession aufgrund von leeren Batterien schliesslich abbreche, zeigt einer der Jungs auf meine vom Staub verdreckten Fuesse, die in ramponierten Flip-Flops stecken - "Estuviste trabajando?" (Warst du arbeiten?)
"No, solo estuve en la guardia" (Nein, ich war nur in der Wache)
Unglaeubige Blicke richten sich auf mich. "Con esa ropa?" (Mit dieser Kleidung?)
Ich sehe an mir herunter... ein T-Shirt, zerrissene, dreckige Jeans... "Si...?"
"No te da verguenza?" (Ist dir das nicht peinlich?)

...

"Camas, colchónes" (Betten, Matratzen), ertoent ein blechener Lautsprecher aus der Gemeinde, waehrend ich mich noch im Halbschlaf befinde, "Hausfrauen, kommt und schaut, Betten, Matratzen!"
Als wir wenig spaeter unseren Dienst an der Guardia antreten, spricht uns einer der Compas an, ein kleines, schwarzes Funkgeraet in der Hand, ob wir wohl ein Foto machen koennten, von dem Auto, das die Betten verkauft...?
"Klar, was ist denn los?"
Gerade sei er informiert worden, erklaert der junge Compa, dass sie das Auto nicht nach 28 de Junio hinein lassen sollten. Die Fahrer haetten viele, viele Fragen gehabt, auch nach uns obervadores und nach unserer Taetigkeit hier...
So wird das Auto, welches tatsaechlich mit Matratzen verschiedener Formate beladen ist, abgewiesen und faehrt in eine andere Richtung davon.
Es kommt wohl haeufiger vor, dass sich Verkaeufer_Innen etwas dazu verdienen, indem sie nebenbei Informationen fuer die Regierung sammeln.

...

Manchmal schweigen sie nur, die Compas in der Guardia, fast nur Maenner, manchmal auch eine einzelne Frau. Liegen im Schatten auf Plastikplanen oder sitzen auf den Holzkloetzen und starren in die Ferne. Wechseln nur wenige Worte, wenn jemand in der Tienda eine Cola holen soll.
Manchmal stellen sie Fragen. Wo wir herkommen. Was fuer Sprachen wir sprechen. Ob wir verheiratet sind. Was fuer Obst und Gemuese man bei uns so erntet. Was wir essen.
Manchmal entspinnt sich dann ein Gespraech, ueber freie Lebenspartnerschaften, die auch hier vorkommen, auch wenn einer erklaert: "Wenn man verheiratet ist, dann bleibt man zusammen. Und sonst? Dann mag die Frau irgendwann nicht mehr und geht in die Vereinigten Staaten.", ueber industrielle Massentierhaltung, ueber Lebenskosten...
Und manchmal erzaehlen sie. Ueber die Gefahr von Monokulturen. "Alle wollten sie Zuckerrohr. Jetzt fallen die Preise. Jetzt fangen alle an, Felder fuer Biosprit anzulegen." Biosprit. Da pflanzt man fuer Benzin, dabei gibt es nichtmal genug zu Essen. Ueber die Organisation, die "uns das Bewusstsein gegeben hat, dass die Erde eigentlich uns gehoert, dass wir kaempfen muessen". Ueber die Geschichte der Conquista - "frueher gehoerte all diese Erde unseren Vorfahren, sie haben sie bearbeitet und sind dann weitergezogen. Dann kamen die Conquistadores und haben gesagt: "Das was ich sehe, bis zum Horizont, das gehoert jetzt mir." und ihre Herren haben es ihnen unterschrieben. Und dann merkten sie, dass sie sich nicht selbst die Haende schmutzig machen wollen und dann nahmen sie diese "Indios" und liessen sie auf ihren Feldern arbeiten. Und sie nahmen auch ihre Frauen." Und ueber die Repression, "frueher haben die Grossgrundbesitzer die Leute umbringen lassen, die rebellierten, die Anspruch auf die Laendereien erhoben. Heute machen sie es nicht mehr so direkt. Heute gehen sie zur Regierung. Und die Regierung schickt dann ihr Militaer, ihre Polizei, ihre Paramilitaers."

...
5.2.10 02:52
 


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