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Gefängnisbilder

Ich laufe durch Straßen und Schnee, die Welt ist geteilt in Schwarz und Weiß, stumpfe Schatten, scharfe Kontraste, Laute gedämpft. Mein Kopf ist voll von Bildern, Tönen, Momenten, Geschichten... Fragmente einer subjektiven Wirklichkeit.
Verzerrte Kamerabilder leerer Säle, Räume, der Sekundenzähler läuft. Schwarz-Weiß Aufnahmen: Menschen in Zweierreihen, sich bewegend im begrenzten Raum des Hofes.
Ordnung. Zellentüren.
Vorführen, Begutachten, Angeschaut-Werden.
Rhythmus aus Schritten, Tür zu, Riegel vor, Schlüssel im Schloss. Endgültigkeit.
Trommeln gegen Gittertüren. Mechanisches Schlagen, Hände auf Metall. Rufe verhallen.
Monotonie.
Zugangskontrolle. Identifikation. Bewegungsprofile.
Identität. Genommen. Gemacht.
Jedes Agieren abseits der Norm wird zur Bedrohung, schafft Reaktionen von absurder Brutalität. Pfeffer, Knüppel, Tritte. Ohnmacht.
Gedanken drehen sich im Kreis. Kälte. Leere.

Meine Schritte im Schnee. Surreal. Ich will schreien, mit dem Finger auf die Widersprüche zeigen, die die Norm, das Leben, unser Selbst konstituieren. Will das Blut im Schnee sichtbar machen, Masken abreißen, Rollen abstreifen, Fassaden einreißen, das Falsche ad absurdum führen...
...und bin doch selbst gefangen in meiner Subjektivität, Puzzleteil im ganzen Spiel.
Denn „Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selber in Gang halten – jeder ein Rädchen.“ (Foucault, in „Überwachen und Strafen“)
13.12.10 18:52


05.02. - 23.02.10 Von Maisfeldern in Chiapas auf vulkanische Gipfel in Guatemala

05.02. – 17.02.10 Die letzte Gemeinde

Als wir vom Camioneta steigen, stehen schon 2 Maenner samt Pferden am Strassenrand und strahlen uns an: „Bienvenidos, compas!“ (Herzlich Willkommen, Compas!)
Ca 1 ½ Stunden laufen wir gemeinsam ueber Trampelpfade und Feldwege mit traumhafter Aussicht auf Berge und Taeler, waehrend Pferd „Rayo“ (Blitz) unsere schweren Rucksaecke und „Pony“ einen der Compas schleppen muss.
Irgendwann kommen wir zu 2 grossen Schildern, aus Holzbrettern gezimmert, die den Beginn der tierras recuperadas („wiedererlangte“, besetzte Laendereien) der Gemeinde ankuendigen und Unbefugten den Zutritt untersagt.
„La tierra no se vende, se trabaja y se defiende“ steht in grossen blauen Lettern auf dem Holz, „Die Erde wird nicht verkauft, sie wird bearbeitet und verteidigt“.
„Wann habt ihr diese Laendereien besetzt?“, frage ich, waehrend wir weiter den Feldweg entlang wandern.
„Es war ein 5. Mai... 2007“

Die Gemeinde ist gespalten. Am Anfang haben alle gemeinsam gekaempft und die Laendereien besetzt, aber einige wollten sich dann nicht weitergehend organisieren, andere „no aguantaron...“ (haben es nicht ausgehalten) oder sind spaeter aus der Organisation ausgestiegen, als die Regierung ihnen Geld bot. Aber „nos respetamos“, erklaert mir einer der Compas („wir respektieren uns“).
Die organisierten Familien der Gemeinde sind Anhaenger_Innen der „Anderen Kampagne“, einer Kampagne, die von den Zapatistas ausging und die das Ziel hat, die verschiedenen Kaempfe von Individuen und Gruppen innerhalb Mexikos zusammenfuehren und ihnen eine Plattform zu geben. Die Anhaenger_Innen der Anderen Kampagne arbeiten mit den Zapatistas zusammen und stehen in Kontakt mit den Raeten der Guten Regierung der Zapatistas, sind aber autonom organisiert.

Das Bewusstsein der Compas fuer die Wichtigkeit des Kampfes ueber den Widerstand in Chiapas hinaus, aeussert sich in vielen Gespraechen. So erzaehlt einer, auf einem der wackligen Stuehle aus Metall und Plastik sitzend, die am Wachposten bereit stehen, wie ihm eines Nachts im Gespraech mit seinen Genossen klar wurde: "No solo aqui hay zapatistas, y la otra campana, lo hay en todo el mundo!“ (Nicht nur hier gibt es Zapatisten, und die Andere Kampagne, es gibt sie auf der ganzen Welt!) Und seine Augen leuchten bei diesen Worten.
Auch erklaert er: „Es kommen auch Leute aus anderen Gemeinden nach Cruzton und wir erzaehlen ihnen, warum wir kaempfen, wie wir angefangen haben, uns zu organisieren... und wenn sie unserem Beispiel folgen wollen – gut!“


Am 15. Juni 2007 richtet die Polizei auf den besetzten Laendereien, mitten in den milpas, ein Camp ein. Polizisten patroullieren, die mitgebrachten Pferde zertrampeln und/oder fressen die Jungpflanzen.
Es finden Gespraeche mit Frayba statt, bei denen die Regierung das Angebot macht, Mais und Frijoles als Ersatz fuer die kaputten Pflanzen zu schicken oder den Ernteausfall zu bezahlen.
Als jedoch Frayba der Gemeinde den Vorschlag unterbreitet, sagt diese: „Wir wollen weder Mais noch Frijoles und Geld wollen wir erst recht nicht – wir wollen unsere Laendereien, wir wollen unsere Rechte!“ – und schliesslich, nach 35 Tagen, gibt die Regierung auf und gibt den Befehl, die Polizei solle sich zurueckziehen.
„Und warum sind sie letztendlich gegangen?“, frage ich.
„Porque resistimos pues“, erklaert der Compa mit einem breiten Grinsen.
(Na, weil wir Widerstand geleistet haben)

2008 legt die Polizei/Armee fuer 1 ½ Monate die Wasserleitungen lahm. Schliesslich gehen Compas hin, ziehen massenweise Blaetter und Gestruepp aus den Leitungen.
Um 12.00 Uhr kommen sie wieder in die Gemeinde – um 13.00 Uhr betraten Militaers die Gemeinde, klauen Geld, wollen Internacionalistas festnehmen und schnappen sich eine Frau, nehmen sie aber schliesslich nicht mit, weil sie sich so viel Widerstand gegenueber sehen.

Inzwischen hat sich die Situation weitgehend beruhigt, auch deshalb weil die ehemaligen Besitzer_Innen der Laendereien nun eine Entschaedigung von der Regierung erhalten.
Allerdings reisst die Repression nicht ab: So wird uns berichtet, dass die Regierung Flugblaetter veroeffentlicht und verteilt, auf denen die Bewohner_Innen der Gemeinde als Drogen- und Menschenhaendler_Innen bezeichnet werden. Diese Mitteilungen bilden die Basis fuer zahlreiche Geruechte, die von den Bewohner_Innen der umliegenden, regierungstreuen Doerfer verbreitet werden. Dies naehrt auch die Besorgnis der Compas, Priistas koennten im nahen bewaldeten Berggebiet Drogen pflanzen, um es ihnen anzuhaengen und der Regierung damit einen Vorwand zu bieten, das Militaer zu schicken. Aufgrund dieser Angst realisieren sie regelmaessige Rundgaenge durch das Gebiet, welches teilweise zur Gemeinde gehoert und von ihr nach dem Grundsatz „cuidarlo y no destruirlo“ (es schuetzen und nicht zerstoeren) behuetet wird.


Die meiste Zeit verbringen wir an dem Wachposten, der am Eingang der Gemeinde eingerichtet ist, gekennzeichnet durch eine Metallkette, die ueber den staubigen Weg gespannt ist und zwei Schilder, auf denen kaempferische Parolen zu lesen sind und die Silhouette Zapatas prangt.
Vier wackelige Stuehle aus Metall und gruenem Plastik dienen als Sitzgelegenheiten, ein schiefer Tisch steht im spaerlichen Gras.
Die organisierten Maenner der Gemeinde wechseln sich ab, um 24 Stunden eine Wache aufrecht zu erhalten, wobei wir ihnen nur tagsueber Gesellschaft leisten. Die Zeit verbringen wir damit, zu lesen, Schach oder Schiffe versenken zu spielen, auf einem ehemaligen Schild, das zu einer hoelzernen Liege umfunktioniert wurde, im Schatten zu liegen, zu doesen und zu traeumen oder uns mit unseren Compas zu unterhalten.

Eines Morgens steigen wir auf den angrenzenden Huegel, von dem man die Gemeinde und das Tal ueberblicken kann, in dem sich Gruentoene aller Nuancen abwechseln und die Flaechen der Felder mit den Baeumen ein Muster bilden. Zurueck auf unserem Posten entdecken wir ploetzlich eine Schar winziger Tierchen an unseren Hosenbeinen emporkrabbeln.
„Cuando uno no tiene trabajo aqui, se dedica en buscar garrapatas“ (Wenn hier jemand keine Arbeit hat, beschaeftigt er sich damit, Zecken zu suchen), erklaert mir der Compa, der neben mir sitzt, daraufhin augenzwinkernd, waehrend ich mir eine Zecke nach der anderen vom Bein pfluecke...


08.02.10

Heute feiert ein Junge seinen 15. Geburtstag. Schon den ganzen Morgen wird ueber den Kuchen spekuliert, der fuer diesen Anlass besorgt wird, ueber den Preis, die Groesse... Immer wieder schweifen die Blicke ueber die Strasse, die zum Dorf fuehrt und bei jedem Auto ertoent von neuem die Frage: „Wessen Auto ist das? Kommt da die Torte?“
Als sich schliesslich tatsaechlich das ersehnte Auto naehert und den Posten passiert, stuermt der kleine Junge, der uns an der wache Gesellschaft leistete, zum Tisch, stuerzt gierig seine Cola hinunter und rennt hastig hinter dem Auto und dem lang erwarteten Kuchen hinterher.
Der Kuchen erweist sich schliesslich als 3-stoeckige Torte, die mit suesser Sahne ueberzogen ist, mit knallig roten Kirschen garniert und mit neonblauer Schrift verziert. Hoch thront sie im Zentrum der hoelzernen Tische, die aneinander gereiht eine grosse Tafel bilden. Darueber bewegt sich eine Plane im Wind, die aus Zuckersaecken zusammengenaeht ist und der Gesellschaft Schatten spendet, an den Raendern haengen bunte Luftballons. Rund um die Tische draengen sich Compas, Freunde, Verwandte, mit Glaesern in der Hand. Auf Styroportellern wird Reis mit Huhn serviert, hohe Tuerme aus Tortillas werden in regelmaessigen Abstaenden auf die Tische verfrachtet.
Eine kleine Musikkapelle wurde engagiert und spielt am Ende der Tafel, neben den aermlichen Huetten aus duennen Baumstaemmen und Wellblech.
Schliesslich gilt es fuer das Geburtstagskind, zu tanzen, mit saemtlichen weiblichen Verwandten, von den Cousinen zu Mutter und Grossmutter, denen vor Ruehrung die Traenen in den Augen stehen, und fuer uns, die ganze Prozedur gebuehrend auf Fotos festzuhalten mit dem mehrmaligen Versichern: „Ja, wir lassen euch die Fotos dann zukommen.“


09.02.10

Den Februar nennen sie hier „Febrero loco“, den verrueckten Februar, weil der Wind in diesem Monat kommt und geht wie verrueckt...

„La luz me quemo“ (Das Licht/der Strom hat mich verbrannt). Ein Compa sitzt mir gegenueber auf einem der instabilen Stuehle, an seiner linken Hand fehlen die Fingerkuppen, sie endet in kurzen Stuempfen. Auf meine vorsichtige Frage, was ihm passiert sei, antwortet er eben dies. „La luz me quemo.“
Jahre konnte er nicht laufen, geschweigedenn arbeiten. Anfangs konnte er sich gar nicht bewegen, die Knochen seines linken Arms fuehlten sich an wie Wasser, der Kopf kippte hin und her.
Er war noch recht jung gewesen, mit dem Fahrrad gefahren. Doch irgendwas klemmte und er stieg ab, um das Problem zu lokalisieren. Dabei kam er mit einem Stromkabel in Kontakt.
Seine ganze linke Koerperhaelfte war verbrannt und das Bein war offen, sodass man die Knochen im offenen Fleisch sah. Sie wollten ihn deshalb nach DF schicken, um ihn dort zu operieren und Haut von anderen Koerperstellen ans Bein zu setzen. Aber nach und nach ist es auch so nachgewachsen, „blanquito“ (weiss). Aber, „gracias a dios mejore“ (Gott sei Dank gesundete ich), und nun hat er Frau und zwei Kinder.
Nur nachts kann er immer noch nicht laufen, dafuer fehlt die Kraft und der Kopf fuehlt sich an als wuerde sich alles im Kreis drehen.
„Esta peligrosa, la luz...“ (Es ist gefaehrlich, das Licht/der Strom)


12.02.10

„Tut der Ring in deiner Lippe nicht weh?“, fragt mich eines Tages ein Compa.
„Nein, nur als ich ihn mir hab machen lassen, da ein bisschen, aber jetzt nicht mehr.“
„Ah, wie bei den Zaehnen, die sie uns reinmachen“, wirft ein anderer ein, „am Anfang fuehlt es sich fremd an, und man wuerde es gern mit der Zunge rausholen, aber dann gewoehnt man sich dran...“
Die naechste Frage gilt meinen Haaren. Wie diese Art von Frisur heissen wuerde.
„Dreadlocks“, erklaere ich, „aber ich weiss nicht, ob es auf Spanisch einen anderen Namen dafuer gibt.“
„Ja, hier haben das ja auch nicht viele Leute...“
„Doch, doch“, meint ein anderer, „die Lakandonen tragen ihr Haar auch so!“
(Die "Lakandonen" sind die Angehoerigen einer indigenen Ethnie, die von der mexikanischen Regierung als "einzig wahre Ureinwohner des lakandonischen Urwalds" stilisiert und damit instrumentalisiert werden, um sie als Vorwand zu nutzen, alle anderen indigenen Gruppen (in erster Linie Zapatistas bzw allgemein Gemeinden im Widerstand) aus dem Gebiet zu vertreiben.)

Heute Morgen, am Wachposten, waehrend Janosch neben mir seine Hose flickt und unser Compa ihn befremdet dabei beobachtet „stech dich nicht!“, erzaehle ich von meinem Traum:
Ich wollte auf eine Demo gehen und wir waren in einem Campamento in einem Haus, in dem sich alle getroffen haben, um gemeinsam zur Demo zu gehen. Frueh am Morgen wollten wir dann raus gehen, aber die Polizei war schon vor Ort und hatte das Gebaeude umstellt. Wir versuchten es trotzdem, aber die Bullen schnappten uns und banden unsere Schnuersenkel zusammen und fesselten uns auch unsere Haende damit, um uns am Weitergehen zu hindern. ...was dieser Traum wohl bedeuten mag...?“
„Vielleicht dass es auch woanders grosse Probleme gibt”, meint der Compa, „hier kann schliesslich auch jeden Moment die Polizei kommen. Wir wissen ja nicht, was die Regierung plant. Es gibt vor, alles richtig zu sein, aber wer weiss...“

Ein kleiner Junge spielt mit uns, benutzt uns als lebendige Kletterbaeume, wirft sich waghalsig ueber die Schultern, kugelt lachend herunter und verschwendet offensichtlich keinen Gedanken daran, dass wir ihn vielleicht nicht immer und aus jeder Position spielend auffangen koennen.
Ploetzlich stutzt er, zeigt auf Janosch „deine Hand, deine Hand“. Wir gucken ihn irritiert an. „So viele Haare!“
Spaeter greift er nach meinen Dreads, „porque tienes esto?“ (Warum hast du das?)
„Porque me gusta...“ (Weil es mir gefaellt...)
Der Junge streicht nachdenklich ueber die Haare, nickt dann ernst und erklaert ueberzeugt: „A mi tambien me gusta.“ (Mir gefaellt es auch.)


14.02.10

...
Manchmal glaube ich, mein stetiges Fernweh, dieses Sehnen nach staendiger Bewegung, das mich weiter und weiter treibt und mich unruhig werden laesst, ist ein Spiegel meiner Suche. Der Suche nach der Freiheit.
...


15.02.10

Am Morgen gehe ich spazieren, durch die Felder, wo volle Saecke mit frischgeernteten Maiskolben zwischen trockenen Maispflanzen stehen. Ein Eseljunges steht auf dem Weg, fluechtet zu seiner Mutter, als ich mich naehere. Rechts und links arbeiten die Compas, winken mir zu und gruessen freundlich. Maiskolben liegen zum Trocknen in der Sonne. Die Berge erheben sich majestaetisch ueber die Landschaft, ragen in den wolkenlosen blauen Himmel.
Schliesslich kommt mir ein Compa entgegen, der aus Teopisca kommt, wo er neue Plastiksaecke fuer die Ernte besorgt hat. Gemeinsam mit ihm trete ich den Rueckweg an. Er geht schnell, macht grosse Schritte, sodass ich mich anstrengen muss, um mitzuhalten.
„Die Frauen sind nie in der Wache, stimmts?“, frage ich.
„Nein, nicht mehr...“
„Warum?“, hake ich nach.
„Weil die Maenner ja auf dem Feld arbeiten muessen und die Frauen muessen ja Essen vorbereiten und... und jetzt sind ja auch nicht mehr so viele Leute in der Guardia noetig, immer nur zwei...“
Aha.
„Frueher waren sie schon in der Wache?“
„Ja, als noch hier oben Guardia gemacht wurde, als die Polizei hier ihr Camp hatte, da haben die Frauen sich hingestellt und Wache gehalten, waehrend die Maenner auf der Milpa waren.“
...
Wir kommen auf seine Familie zu sprechen. Er hat mit 18 geheiratet, erzaehlt mein Weggefaehrte, seine Frau war damals 16. Jetzt haben sie 3 Kinder, er ist jetzt 29. So frueh zu heiraten ist hier sehr ueblich, allerdings auch nicht (mehr?) immer, so gibt es auch Leute, die erst mit 30 aufwaerts heiraten.
Er fragt, ob wir heiraten werden. „Nein, ich will eigentlich nicht heiraten. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, dass irgendjemand mir sagt: Ihr bleibt jetzt fuer immer zusammen.“
„Andere compas haben mir erzaehlt, dass sich dann manche auch wieder trennen nach ein paar Jahren und auch deshalb nicht heiraten...“
„Si, claro, manchmal, wenn man sich nicht mehr versteht, wenn es passiert, dass die Liebe vorbeigeht, dann trennt man sich auch wieder. Man weiss schliesslich nie...“
„Si, asi es... esta bien, esta bien...“ (Ja, so ist es... das ist gut, das ist gut)


Ein Junge greift sich einen kaum kleineren Truthahn unter den Fluegeln und geht mit ihm davon, ueber den Kopf des Tiers spaehend, welches permanent kurze Schreie ausstoesst.
”Und wohin gehst du damit?“, frage ich.
„Nach Hause“, antwortet der Junge, ueber die Schreie des Truthahns hinweg
„Werdet ihr ihn essen?“
„Nein“, und der Truthahn schreit weiter.
„Aber er ist abgehauen?“
„Si.“ Damit setzt der Junge das Tier hinter einem Zaun ab, woraufhin dieser sofort das Schreien einstellt und stattdessen pickend davonstakst.


Abends am Wachposten...
„Und warum habt ihr entschieden, euch in der Anderen Kampagne zu organisieren?“
„Also, frueher, seit 1998, waren wir ja zapatistische Unterstuetzungsbasen. Aber dann sind wir hierher gezogen und hier war der Widerstand sehr schwach.“
„Stimmt, das naechste Dorf ist auch schon rein priistisch (regierungstreu), richtig?“
„Ja, das naechste Dorf sind schon pure Priistas... Naja, dann kam aber der Tag, dass die Besitzer der umliegenden Laendereien, Leute aus Teopisca etc, uns den Zugang zum Wasser verwehrten. Wir haben uns dann erstmal bei der Regierung beschwert, die sollten eine Loesung finden. Aber die Regierung stand auf Seite der Reichen, der Besitzer.
Also sind wir zu Frayba gegangen und haben dort nachgefragt, was wir machen koennten. Frayba hat uns erstmal versichert, dass wir von der Regierung nichts erwarten muessen, die wuerde nichts fuer uns tun. Aber sie machten uns den Vorschlag, wir koennten uns der Anderen Kampagne anschliessen. Also haben wir die Laendereien besetzt und beschlossen, uns zu organisieren. Wir haben uns mit Repraesentanten der Anderen Kampagne gesprochen und sie haben uns Ratschlaege gegeben, wie man sich organisiert.
Mit dem Widerstand und der Organisation im Ruecken haben wir an Staerke gewonnen. Auch mit den Beobachtern. Einmal wollte die Regierung hier ein Gespraech durchfuehren, uns ueberzeugen, uns erklaeren, dass das Land nicht uns gehoert. Aber dann haben sie die Beobachter gesehen und sie haben uns in Ruhe gelassen!“
„Wie gut, dass unsere Praesenz hier also tatsaechlich etwas nutzt...“
„Ja, sie nutzt sehr viel! Naja, und so geht es voran, erlangen wir Bewusstsein...“


Am letzten Abend vor unserer Abreise laedt uns ein Compa zum Essen ein. Erneut begeben wir uns zu seinem kleinen Haus, genauer gesagt 3 kleinen Holzhuetten, in denen Hunde, Huehner, Enten und nicht zuletzt die sieben Enkel_Innen herumtoben. Dort sitzen wir auf klapprigen Stuehlen im Hof, nehmen zusammengeklappte Tortillas mit Frijol-Fuellung sowie frischen Kaffee zu uns und unterhalten uns.
„Der Kaffee ist fertig“ rief unser Gastgeber zuvor aus der Kueche.
„Jaja“, erwidert seine Frau ungehalten und berichtet mit leuchtenden Augen weiter. Graue Straehnen blitzen in ihrem Haar, Falten durchziehen ihr Gesicht, sie sitzt gekruemmt. Auf den ersten Blick wirkt sie schwach, alt, zerbrechlich. Doch die schiefen Zaehne und Zahnluecken koennen ihr Strahlen nicht trueben, in ihren Augen glaenzt Begeisterung, aus der Stimme spricht Staerke.
Sie erzaehlt, wie eines Tages die Soldaten kamen. Sie drangen ins Dorf ein, umstellten die Haeuser. Vier Maenner fanden sie vor, die krank in ihren Betten lagen, und nahmen sie fest. Die Frauen der Gemeinde hatten an beiden Ortseingaengen Wache gehalten und nun begannen sie sich zu sammeln, mit Stoecken und Steinen bewaffnet naeherten sie sich der Armee, gemeinsam mit ihren Kindern, die sich ebenfalls Aeste griffen.
„Lasst meinen Mann frei“, habe sie da dem Soldaten entgegen geschrieen, sagt sie und laechelt verschmitzt.
Auf dessen Einwand, dieser habe illegal Land besetzt, habe sie gerufen: „Wir haben ein Recht auf dieses Land!“ und weiter auf die Freigabe ihres Mannes bestanden.
„Lasst ihn frei oder ihr verlasst dieses Land tot!“, habe sie gedroht und ihre Tochter habe sich voller Wut, voller Kraft eingeschaltet: „Lasst sie frei oder ihr werdet auf dem Basketballplatz haengen“ – so habe sie ihre Tochter noch nie gesehen, und dabei lacht sie und ihre Augen funkeln vor Energie.
Sie habe ihrem Mann etwas zugeraunt und der habe sich daraufhin ohnmaechtig gestellt, dann setzten sie den Militaers zu, mit ihren primitiven Waffen schlugen sie auf sie ein, eine Frau packte einen Soldat und wuergte ihn.
Und schliesslich – schliesslich wich die Armee zurueck. Die Maenner wurden freigelassen und die Militaers zogen ab.
„Und sie kamen nie wieder zurueck“, erklaert die Frau triumphierend.

Und auch drei andere Maenner, die im nahen Dorf Teopisca aufgegriffen worden waren, wurden von den Frauen gemeinsam befreit, mit Hilfe einer improvisierten Strassensperre.

Ihr Mann erzaehlt spaeter vom Besuch eines Politikers. Er kam nach Cruzton und spazierte die Wege entlang und erklaerte: „Wenn ihr mich waehlt – dann werden all diese Strassen asphaltiert werden!“ Der Mann wurde gewaehlt, doch die Wege blieben wie sie waren. Menschen aus dem Dorf begaben sich zu seinem Buero, reichten Beschwerden ein. „Dafuer habe ich jetzt keine Zeit“, war seine erste Reaktion darauf. Spaeter reagierte er ueberhaupt nicht mehr.
Und jetzt – jetzt sind die Wege immer noch so staubig und steinig wie damals, dafuer gibt es neue Politiker und neue Versprechen.

Und er berichtet von einem Treffen von Compas, irgendwo fernab jeder funktionierenden Infrastruktur. Es waren nur Maenner dort. „Deshalb ist es gut, kochen zu koennen. Schliesslich kann es immer mal vorkommen, dass keine Frauen da sind“, wirft er ein, denn damals mussten sie sich selbst organisieren, selbst kochen. Und die, die es nicht konnten... mussten es halt lernen.
Sie haben dort ein Krankenhaus errichtet, in langer Arbeit, Eigenkonstruktion. Doch inzwischen ist es wieder geschlossen. Es war zu abseits, die Leute kamen nicht hin.

Das sind die Geschichten, die wir heute Abend hoeren. Geschichten ueber korrupte Politiker und leere Versprechen. Geschichten ueber Widerstand und Organisation, ueber Probleme und Erfolge. Und Geschichten ueber starke Frauen, erzaehlt von einer starken kleinen Frau, die mich beruehrt, die mir Energie und Hoffnung gibt und deren leuchtende Augen ich noch lange vor mir sehe.

17.02.10 – 21.02.10 San Cristobal

Unsere letzten Tage in San Cristobal verbringen wir mit organisatorischen Ueberlegungen, mit Packen, einer letzten Falafel und mit Abschied, mit dem Austauschen letzter Adressen und einem scheinbar endlosen Sermon aus „Wir melden uns“ und „Man trifft sich immer zweimal im Leben“.

Der Abschied ist zwiespaeltig. San Cristobal schien mir nach und nach immer mehr wie eine Stadt aus Kulissen, errichtet fuer die sogenannte Backpacker-Szene aus aller Welt, die sich Nacht fuer Nacht in den immer gleichen Bars trifft und tagsueber durch das „pittoreske“ Zentrum der Staft schlendert. Doch die Fassade broeckelt... Ueber zwei Ecken hoeren wir, dass viele Polizist_Innen hier in Taxis Streife fahren, damit die Polizeipraesenz nicht so auffaellt. Das wuerde zu unserer Erfahrung passnen, dass Taxifahrer oft abwinken, obwohl ihr Wagen leer ist.
Der grosse Markt im Zentrum soll komplett in eine Halle in einem ausserhalb liegenden Stadtviertel verlegt werden, um das Gebiet touristisch „aufzuwerten“.
Wir hoeren von Drogengang-Konflikten in den Aussenbezirken, vom „Verschwinden“ indigener Frauen, die in den Strassen ihre Artesanias verkaufen.
In einer der vielbesuchten Bars ereignet sich eine Messerstecherei, nachdem Leute aus dem Publikum die auftretenden Rapperinnen, die feministische Inhalte transportieren, auf der Buehne attackierten.

Diese Seite San Cristobals lassen wir gerne hinter uns. Von der anderen Seite, bestehend aus den Menschen – Freunden und Compas - die wir hier kennengelernt haben, faellt der Abschied jedoch schwer...

21.02.10 San Cristobal – Quetzaltenango (Xela), Guatemala

Mit leichten Nachwirkungen des grosszuegigen Bierkonsums am vorigen Abend und des Schlafmangels quaelen wir uns morgens aus dem Bett und steigen in den kleinen Bus, der uns ueber die guatemaltekische Grenze bis Quetzaltenango bringen soll.

Ueber eifrigen Maennern mit Geldscheinbuendeln und Taschenrechner in den Haenden, die Geldwechsel anbieten, Bussen, Menschen und Gepaeck ragt ein blaues Schild ueber die Strasse „Bienvenidos en Guatemala“. Eine Gebuehr von 20 Pesos und einen Stempel im Pass spaeter sitzen wir erneut in einem Bus und fahren unter besagtem Schild hindurch, auf ein Panorama blauen Himmels und reich bewachsener Berge zu.
Bald darauf erreichen wir Quetzaltenango. Die Stadt wird von Einheimischen meist „Xela“ genannt, nach dem Maya-Namen „Xelaju“, was uebersetzt „10 Ideen“ oder „10 Weise“ bedeutet.
Wir passieren Strassenzuege voller bunt gestrichener Haeuser, Marktstaende, die mit Ananas, Papaya, Mangos und Avocados beladen sind, kleiner Tiendas und Lokale.
An den Waenden sieht man haeufig die gesprayte Information: „Vecinario orgnizado contra la delincuencia“ (Organisierte Nachbarschaft gegen das Verbrechen) – in der Naehe des zentralen Platzes entdecken wir schliesslich das gegenstueck: „Delincuentes organizados en contra de la vecindad“ (organisierte Verbrecher gegen die Nachbarschaft)...


22.02.10 Fuentes Georginas

Nach dem Fruehstueck steigen wir in einen der beruehmt-beruechtigten „Chicken-buses“, aufgekaufte alte Schulbusse der USA, die meist in schreiend bunten Farben bemalt sind, mit Heiligenbildchen, Namen oder Schriftzuegen versehen sind und deren Daecher oftmals mit bergeweise Gepaeck – oder eben auch Huehnern – beladen sind. Der Bus bringt uns ins 9 km entfernte Zunil, wo wir in nach einigem Handeln auf die Ladeflaeche eines Pickups klettern, der mit uns den Weg in die Berge hinaufbrettert. Wind und Staub blaest uns um die Ohren, die Aussicht auf den Vulkan Santa Maria, auf Felder und die kleine Stadt Zunil im Tal ist berauschend.
Oben angekommen laesst der Fahrer uns am Eingang der heissen Quellen „Georginas“ absteigen.
Die natuerlichen heissen Baeder sind eingefasst von tropischer Vegetation und – leider – tourismus-tauglicher Bar etc. Das Wasser tropft stetig aus der steilen Felswand, aus dem Becken, in dem eine Temperatur zwischen 45 und 63 Grad Celsius herrscht, steigen Wolken von Wasserdampf auf.

23.02.10 Volcan Santa Maria

Um 12.00 Uhr nachts ruettelt man uns wach, zusammen mit drei anderen Backpackern quaelen wir uns aus dem Bett und suchen uns ein Taxi, das uns nach kurzem Handeln auch zu Fuenft fuer 100 Quetzales nach Llano del Pinal, an den Fuss des Vulkans Santa Maria bringt. Am Ende der Strasse, am Ende der Lichtkegel der spaerlichen Strassenlaternen schalten wir unsere Taschenlampen an und beginnen unseren Aufstieg auf den 3772 m hohen Vulkan, der von den K’iche auch „Gagxanul“ genannt wird, der „nackte Vulkan“.
Im schalen Licht des Halbmonds und den hellgelben Kreisen der Taschenlampen suchen wir den Pfad, der die 1500m auf den Gipfel fuehrt. Zwischen den Baeumen breitet sich das funkelnde Lichtermeer Xelas aus, waehrend wir uns Schritt fuer Schritt ueber Steine und Wurzeln auf dem steilen Weg unserem Ziel naehern.
Bald gehen die anderen drei voraus, die offensichtlich ueber mehr Kondition verfuegen als wir, waehrend wir den Berg etwas langsamer erklimmen. In den Pausen spueren wir die beissende Kaelte, die sich durch unsere Kleidungsschichten frisst.
Schliesslich erreichen wir die Spitze des Vulkans, ueber die von allen Seiten Windboen pfeifen. Eine Gruppe Einheimischer liegt in Decken gehuellt unter einer wallenden Plastikplane.
Wir kauern uns zwischen einige Felsbrocken, um uns vor dem Wind zu schuetzen und bewundern das beginnende Schauspiel des Sonnenaufgangs. Der Himmel faerbt sich in allen erdenklichen Farben, von dunklem Weinrot, ueber orange und gelb zu hellem Gruen und verschiedensten Blautoenen. Wolkenstreifen ziehen davor vorueber und eine Reihe Vulkane heben sich als finstere Silhouetten vor dem Farbenspiel ab. Die Kulisse veraendert sich im Sekundentakt, Farben gehen ineinander ueber, bis sich schliesslich der Sonnenball am Horizont erhebt und gleissende Lichtstrahlen ueber den Himmel jagt, die die Szenerie ins mystische Licht des Morgens taucht.
Die Guatemaltek_Innen, die hier uebernachteten, legen Blumen vor einigen Felsen nieder, knien nieder, schlagen das Kreuz, wiegen sich vor und zurueck, murmeln in leisem Singsang, beten.
Der Krater des kleineren Vulkans Santiaguita, der unterhalb des Gipfels zu sehen ist, spuckt hin und wieder eine Aschewolke aus, die Nebel – gleich den Hang hinaufwallt.

Schliesslich machen wir uns wieder an den Abstieg. Die Landschaft hat sich mit den Sonnenstrahlen veraendert, der dunkle Pfad hat sich in einen hellen Feldweg verwandelt, dunkle Schemen in Straeucher und Pflanzen, scharfe Silhouetten in Steine und Baumstaemme. Das Lichtermeer der Nacht ist zu einem weiten Feld von Daechern geworden.
Schliesslich wird der Weg flacher, Wiesen und Felder erstrecken sich neben dem Pfad. Campesinos kommen uns entgegen, von denen uns niemand weiterlaufen laesst, ohne nicht wenigstens ein paar Saetze gewechselt zu haben.
So bewundert eine Gruppe von Frauen und Maennern froehlich lachend meine Ohrringe und Haare, ein aelterer Mann bittet uns um eine Einladung, falls wir heiraten („OK, wenn ich Sie finde...“ – „Kein Problem, ruf einfach in Guatemala an und dann ladet ihr mich ein!“), ein anderer gibt uns Tips fuer unsere Weiterreise und erzaehlt von seiner Cousine, die 17 Sprachen (darunter 5 indigene Sprachen Guatemalas) beherrscht und fuer die USA arbeitet, wir hingegen erzaehlen, woher wir kommen und schwaermen vom Sonnenaufgang auf dem Vulkan. Bis unsere Gespraechspartner_Innen wieder die Machete schultern und ihren Weg zur Feldarbeit fortsetzen und uns eine schoene Weiterreise wuenschen.
22.3.10 07:00


22.12.09 - 27.01.10 Repression und Resistencia von Acteal bis Laguna Verde

22.12.09 Acteal - "12 veces 12 meses"

Heute jaehrt sich das Massaker in Acteal zum 12. Mal. Ein grosser Demonstationszug bewegt sich bereits auf die Gemeinde zu, als wir uns in einem Taxi naehern. Die Menschen tragen Kerzen, Kreuze und Transparente. Die hohen Stimmen des Chores der Abejas dringen manchmal durch den Gerauschpegel.

Neben den Treppen, die ins Dorf fuehren, ist provisorisch ein kleines Holzhaueschen aufgebaut, wo die Besucher_Innen sich anmelden, Name und Herkunftsland angeben. An einer der Seitenwaende klebt ein Plakat mit einer Aufschrift in roten grossen Lettern: "Televisa, TV Azteca y el Canal 10 de sist. chiapaneco NO PUEDEN PASAR! Porque no informan la verdad sobre Acteal" (Televisa, TV Azteca und der Kanal 10 des chiapanekischen Systems (Fernsehsender) duerfen nicht hereinkommen! Denn sie berichten nicht die Wahrheit ueber Acteal)

Bevor die heutige Zeremonie beginnt, werden durchs Mikrofon die Gaeste aus verschiedenen Laendern, verschiedener Organisationen und Gruppierungen angesagt und begruesst.

Die Sekretaerin der Mesa Directiva haelt eine lange Rede, in dem sie immer wieder aufgreift "12 veces 12 meses" - "12 Mal 12 Monate", die vergangen sind seit dem Massaker. In der sie erklaert "unsere Grossvaeter und Grossmuetter erzaehlen, dass, wenn ein Pueblo Laerm macht und es den Besitzern der Macht, der Luege und des Todes unbequem macht, dann wird dieses Pueblo unterdrueckt und ermordet. Aber sie erzaehlten uns nicht nur vom Schmerz und der Tragoedie, sondern sie erzaehlten uns auch, wie man kaempft, wie man sich organisiert, wie man handelt."
Sie macht deutlich, wie die Gerichte sich ueber sie lustig machen, indem sie die fuer das Massaker verantworlichen Paramilitaers nicht nur freilaesst, sondern auch mit Hauesern und Laendereien belohnt. Doch sie zieht auch die Verbindung zu anderen Kaempfen, zu anderen Schauplaetzen der Repression, betont, dass die Bewohner_Innen Actelas nicht alleine stehen, dass viele den gleichen Schmerz fuehlen, die gleiche Wut.
Auch eine Frauenkooperative der Abejas laesst sie zu Wort kommen, indem sie deren Nachricht zitiert: "Das was wir wollen ist Frieden. Wir wollen keinen Krieg. (...) Das Wort ist unsere Waffe. Wir wollen kein neues '97. Als Artesanas weben und sticken wir weiter den Frieden."
Und sie beendet ihren Diskurs mit dem Bezug auf 2010, das Jahr der zweihundertjaehrigen Unabhaengigkeit, der hundertjaehrigen Revolution - "Wir wollen nicht, dass das hundertjaehrige Jubilaeum der Revolution gefeiert wird, indem die Ideale von Madero und Zapata verleugnet werden, so wie es die Regierung Felipe Calderons tut. (...) Ja, wir wollen eine neue Revolution, aber eine Revolution, die nicht gewaltsam ist, um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu erlangen. (...)"
(Fuer die spanisch-sprachigen Leser_Innen, hier die komplette Rede: http://acteal.blogspot.com/2010/01/comunido-del-12-aniversario-de-acteal.html)

Im Laufe der Zeremonie kommen auch die Personen zum Zuge, die zum Zeitpunkt des Massakers noch Kinder waren. In Zusammenarbeit mit den "Zapayasos", einem Kollektiv aus San Cristóbal, fuehren sie mehrere Szenen auf, in denen sie darstellen, wie sie die Zeit seit dem Massaker erlebt haben, den Schmerz, aber auch die Freuden des gemeinsamen Kampfes. Das Schlussbild stellt ein buntes Transparent dar, das eine idyllische Szenerie zeigt - einen Fluss, gruene Wiesen, Baeume, Schmetterlinge - Symbol fuer die bessere Gesellschaft, die sie bei ihrem Kampf vor Augen haben.


31.12.09 "Noche vieja" (alte Nacht)

Um Mitternacht sammeln wir uns auf dem Dach unserer Unterkunft und untermalt vom lauten Knallen selbstgebauter Raketen, bruellen wir in den Nachthimmel "Zapata vive, la lucha sigue" (Zapata lebt, der Kampf geht weiter) und heissen so das neue Jahr Willkommen, bruellen all die Hoffnungen, Erwartungen, Versprechen ins Dunkel, die das junge Jahr 2010 mit sich traegt.
Eine neue grosse Bewegung, Protest, Aufstand, Revolution. Wir werden sehen...


13.01.10 - 27.01.10 Laguna Verde

Laguna Verde ist eine Gemeinde der OCEZ (Organisación Campesina Emiliano Zapata - Bauer_Innen-Organisation Emiliano Zapata), eine Organisation die mit der Regierung verhandelt, um eine direkte Verbesserung der Lebenssituation ihrer Mitglieder zu erreichen, so fordern sie zum Beispiel Laendereien, Schulen, Steinhaeuser, Fischzuchtanlagen. Trotz des Kontakts zur Regierung, ist die Organisation seit ihrer Gruendung regelmaessig starker Repression ausgesetzt.
Die Mitglieder der Organisation werden kriminalisiert, als Guerilleros klassifiziert, als Drogen- oder Waffenschmuggler, dementsprechend festgenommen und gefoltert.
Am 6. Oktober 1984 wurden 9 Menschen von Paramilitaers umgebracht, darunter 5 Minderjaehrige. Die Taeter kamen fuer kurze Zeit ins Gefaengnis, wurden anschliessend jedoch mit Laendereien belohnt.
Die Regierung versucht natuerlich auch in diesem Fall, die Bewegung zu spalten, streut Geruechte und versucht, die verschiedenen Gemeinden gegeneinander aufzubringen.
Im Jahr 2009 kam es zur spektakulaeren Festnahme von einem der Koepfe der Organisation mit dem Spitznamen "Chema". Im Zusammenhang mit der Festnahme kam es zu einem Autounfall - der von der OCEZ als Attentat beschrieben wird - bei dem einer sofort stirbt, ein anderer im Krankenhaus den Wunden erliegt. Ein dritter verliert seine Beine.
Im Oktober kam es daraufhin zu einer grossen Polizeiaktion in den Gemeinden Laguna Verde und dem Nachbardorf 28 de Junio, bei der Waffen gesucht, aber nichts gefunden wurde.
Im Dezember wurde, nach grossen Protesten der Organisation, u.a. dem Protestcamp in San Cristóbal, die Freilassung der 3 Gefangenen der OCEZ sowie die Aussetzung der Haftbefehle erreicht.
Die Gemeinden werden jedoch weiterhin bedroht, so naeherten sich, so wurde uns berichtet, waehrend unseres Aufenthalts mehrmals Autos mit bewaffneten Maennern und Kapuzen den Gemeinden, drehten aber vor der Guardia (Wachposten) wieder um.


16.01.10

"Wenn ihr jetzt hier seid, seid ihr denn dann auch in der OCEZ organisiert?", fragt uns ein Mann mit einer Basecap schraeg auf dem Kopf, der mit uns in der Guardia sitzt.
Ein anderer, der schon aelter ist und einen Bauch vor sich her schiebt, fragt etwas ungehalten, was wir eigentlich hier machen. Wir erklaeren unsere Arbeit mit Frayba, da hellt sich seine Miene auf - "ach, dann seid ihr ja Compas!"
Die Wege nach Laguna Verde bzw. 28 de Junio sind mit Stacheldrahtgattern versperrt, die geoeffnet werden, sobald sich ein Auto von Anwohner_Innen oder Verkaeufer_Innen naehert. Eines der Gatter wird von 2 rot-schwarzen Fahnen gesaeumt, offensichtlich selbst zusammengenaeht, die sich vom strahlend-blauen Himmel abheben und im Wind flattern.
Das Gespraech dreht sich um die steigenden Lebenskosten - Tortillas, die ehemals 6 Pesos pro Kilo kosteten, kosten nun 12, wohingegen die Abnahmepreise fuer Mais sinken... wobei die Ernte ohnehin nur verkauft wird, wenn sie so gut ist, dass neben dem Eigenbedarf noch was uebrigbleibt. Die Bohnenernte beispielsweise ist dieses Jahr fatal ausgefallen - ein neues Ungeziefer hat beinahe alle Pflanzen gefressen.
Wir sitzen 2 h am Tag in der Guardia (in der zweiten Woche 4 h, da wir weniger Beobacht_Innen sind und trotzdem 8 h abdecken muessen), in 2er Gruppen, alle drei Tage 2mal, die Compas hingegen verbringen auch die Nacht im kleinen Wachhaeuschen und werden erst nach 24h abgeloest.

Zwei Mitbeobachterinnen werden von zwei Frauen angesprochen: "Wie gut, dass ihr das macht, dass ihr reist, auch als Frauen... hier ist das Leben schon schoen, aber manchmal fuehlen wir uns wie eingesperrt."
Ein gutes Zeichen, scheint mir, dass solche Wuensche artikuliert werden. Vielleicht hat auch die Zeit des Protestcamps in San Cristóbal, als alle Maenner weg waren und die Frauen allein das Leben im Dorf bestimmt haben, Guardia gemacht haben, etc, das Bewusstsein der Frauen ueber ihre Situation und die Strukturen innerhalb der Gemeinde etwas veraendert.

Laguna Verde wirkt um einiges reicher als die anderen comunidades, die wir besucht haben. Fast alle haben Haeuser aus Stein, Wasseranschluss, manche haben TV und ein extra Gebaeude aus Holz, in dem sich die Kueche befindet (allerdings wird trotzdem mit Feuer gekocht). Die Strategie der Verhandlung ist sichtbar. Auch in anderen Punkten unterscheidet sich die Gemeinde von anderen, beispielsweise wird hier keine traditionelle Kleidung mehr getragen, einige Frauen tragen sogar manchmal Jeans, und alle sprechen Spanisch, kennen hoechstens noch ein paar Worte Tseltal.


17.01.10 ...Gedanken...

Die Farbe der Anarchie, die Farbe der anarchistischen Fahne, ist schwarz. Denn so wie man Schwarz beim Mischen aller Farben erhaelt, so ist auch der Anarchismus zusammengesetzt aus allen bunten Traeumen, Ideen, Illusionen...


18.01.10

"El 6 de octubre - No se olvida" (der 6. Oktober wird nicht vergessen), "OCEZ", "Presos políticos libertad" (Freiheit fuer politische Gefangene) schmuecken die Waende der naechstgroesseren Stadt "Venistiano Carranza" (ironischerweise benannt nach dem General, der Emiliano Zapata hat umbringen lassen). Waehrend der Fahrt im Colectivo (wie ueblich gilt das Motto "Ein Colectivo ist niemals voll", mehrere Kinder stehen gedraengt zwischen den Knien ihrer Eltern, U. quetscht sich auf den kleinen Behelfssitz zwischen Fahrer und Beifahrer) erklaert mir mein Sitznachbar, er gehe im Maerz in die USA, um dort 3 Jahre zu arbeiten. Hier gebe es so wenig Arbeit, dort hingegen faende man immer etwas - Erntehelfer, Gaertner, Putzmann,.. - und es sei viel besser bezahlt. Und man habe ja auch schon so seine Ideen, wo man nach Arbeit suchen kann.

Es gibt hier keinen Supermarkt, lediglich kleine Tiendas und einen Markt, der sich ueber eine kleine Strasse erstreckt. Nachdem wir frisches Obst und Gemuese kaufen, Bimbo-Brot und Erdnussbutter, um unsere Lebensmittelreserven im Campamento aufzufrischen, setzen wir uns in ein kleines Lokal mit 4 Tischen.
Ob es Frijoles gebe? Die Frau setzt eine leidende Miene auf: Nein, die habe sie heute zu Hause vergessen... aber wenn es uns nichts ausmacht, ein bisschen zu warten, koennte sie jemanden die Bohnen holen schicken...?!
So setzen wir uns und nach und nach trudeln das Oel fuer unsere Pommes, dann die Tortillas und schliesslich auch das kleine Maedchen ein, das die Frijoles holen sollte. Etwas zu trinken lehnen wir ab, wir sind uns nicht sicher, ob nach dem Grosseinkauf unser Geld noch ausreicht. Kurz darauf stellt man uns dennoch zwei grosse Glaeser auf den Tisch "Prueben eso!" (Probiert das). Es handelt sich um ein Getraenk aus gemahlenem Mais, Kakao, Zimt, einer Art Getreide und Wasser.
Fuer alles berechnet sie am Ende 50 Pesos, woraufhin wir einen Blick tauschen und einvernehmlich noch ein "Trinkgeld" von 30 Pesos hinterlassen.


23.01.10

Ich fuehle mich unruhig, rastlos... ich will nach meinen Traeumen greifen, doch habe das Gefuehl, nur Luft zwischen die Finger zu kriegen... Traumtaenzerin... will meine Utopie zu fassen kriegen... will das Konstrukt zerbrechen, all' diese Grenzkontrollen, Stacheldraht, und Knaeste niederreissen, Knueppel zerbrechen, das Gesetzbuch zerreissen, Normen und Regeln und Mechanismen und Strukturen und Rollen und Stereotypen und Vor- und Urteile aufbrechen und Raum schaffen fuer Traeume, fuer Ideen, fuer Gedanken, fuer Freiheit!
Und ich drehe mich um, in meiner Haengematte, auf der Suche nach dem grossen Traum und trete auf der Stelle...

Vorvorgestern sind wir nach dem Mittagessen nach 28 de Junio spaziert, ueber den staubigen Feldweg, und klopfen bei R., einem der Gruender der OCEZ, an die Tuer. Er fuehrt uns ueber kleine Trampelpfade, zwischen Palmen und Bananenstauden, stachligen, trockenen Halmen und Straeuchern entlang, an einem Zuckerrohrfeld vorbei, wo die flor de caña ("Zuckerrohrblume"), Federn-gleich in den blauen Himmel ragt und sich sachte wiegt, zu einer kleinen Lagune im Schatten der Baeume, deren Staemme sich auf der stillen Wasseroberflaeche spiegeln.
Das Wasser ist kuehl und klar, auf den Steinvorspruengen rund um die Lagune sitzen beinahe Handteller-grosse Spinnen mit langen duennen Beinen, ueber die Baumwurzeln balancieren riesige Ameisen und transportieren Samen und Blattstuecke zu ihrem Bau.
Wir geniessen das erfrischende Wasser und beobachten die Insekten.
Auf dem Rueckweg zeigt uns R. eine hochgeschossene Pflanze mit grossen, ausfallenden Blaettern, "Amor Seco" (trockene Liebe), welche als Tee zubereitet gegen Blutzucker hilft.
In seinem Garten duerfen wir uns mit limónmandarinas eindecken, die wir erst eindeutig als Mandarinen klassifizieren - orange, klein, mit dem fuer Mandarinen typisch eingeteilten Fruchtfleisch - bis wir eins der Teilstuecke probieren und ob der Saeure das Gesicht verziehen. "Limónmandarinas" (Limettenmandarinen), eindeutig!

Jetzt ist gerade 10 Uhr morgens, nach einer Partie Kniffel und einem leckeren Muesli mit aussergewoehnlich grosser Obstvielfalt (Ananas, Orange, Mango, Banane), sind wir auf unserem Posten in der Guardia und die Sonne brennt bereits vom Himmel. Der Grossteil der Compas liegt auf der Erde, "Cowboy"hut oder Basecap uebers Gesicht gezogen, aus einem Handy erklingt mexikanische Musik und tritt in Konkurrenz zu der Musik aehnlichen Typs, die aus einem der nahegelegenen Haeuser schallt.
Wir sitzen auf Holzkloetzen und starren in die flirrende Luft, die rot-schwarzen Fahnen bewegen sich traege im wenigen Wind, an einem kleinen Holzhaus uns gegenueber meint man die Farbe von der PRD-PAN - Propaganda ("Vamos por Carranza") abblaettern zu sehen. Die vertrockneten Blaetter eines Busches wiegen sich sacht im Luftzug, ein Hund schlaeft im Schatten, zuckt manchmal zusammen, wenn Insekten ihn zu sehr stoeren oder ein Kind einen Stein wirft. Zerrupfte Huehner mit Staub im Gefieder bewegen sich ruckartig durchs Gestruepp. Die Zeit troepfelt langsam dahin, scheint sich in der Hitze auszudehnen...

Am Abend des 23. begeben wir uns auf Einladung R.s nach 28 de Junio, wo, seinen Worten nach, ein Fest und eine Art Mess zu Ehren Jesus' Geburt stattfinden soll. Irgendwas muessen wir da missverstanden haben, denken wir, doch als wir in der Nachbargemeinde ankommen, wird uns mitgeteilt: Es handelt sich tatsaechlich um Weihnachten!
Navidad wird hier einfach irgendwann zwischen Anfang Dezember und Mitte Februar gefeiert, das wechselt jedes Jahr ein bisschen. Und da die Maenner im Dezember noch im Protestcamp waren, wurde es dieses Jahr schlicht um einen Monat verschoben.
So trotten wir bald darauf in einem kleinen Menschenzug eine der vier Strassen hinunter, aus denen das Dorf besteht. An deren Ende ist ein klappriger Holztisch aufgebaut, auf dem eine Jesus-Puppe liegt.
Kerzen und selbstgebastelte Laternen aus buntem, durchscheinendem Papier und Pappe werden ausgeteilt (zu meinem Erstaunen war die Pappe meiner Laterne ehemals die Verpackung eines "organischen Soyadrinks"). Lieder werden angestimmt, schliesslich wird R. das "Kind" in die Arme gelegt und er fuehrt die Prozession an, zurueck zur kleinen Kirche, vor deren geschlossenen Tueren erneut gesungen wird, von Maria und Josef, die um Einlass bitten, bis wir endlich eingelassen werden.
Die Puppe wird in eine geschmueckte Krippe neben dem Alter gebettet, eine blinkende Lichterkette dudelt stetig verzerrte Weihnachtslieder, an der Decke haengen Luftballons und Deko-Material in Mexikos Nationalfarben.
Den Familien werden nun grosse Plastiktueten mit einer Art Brot, duenne Mehlfladen in Fett ausgebacken, mit Honig bestrichen, ausgeteilt, sowie Styroporbecher mit Horchata, einem Getraenk auf Reisbasis mit Zimt.
Anschliessend werden draussen vor der Kirche an einem Holzbalken Piñatas hochgezogen, in Form von Mafalda (einer bekannten mexikanischen Comicfigur) oder Cinderella. Waehrend eines der Kinder die Augen verbunden und einen Holzpruegel in die Hand bekommt, begeben sich die restlichen Kinder in eine guenstige Startposition. Waehrend sich nun das Kind im Mittelpunkt abmueht, die Puppe zu treffen, die von einem der Erwachsenen am Seil hoch und runter gelassen wird, rufen die Kinder im Chor "Ya le diste uno, ya le diste dos..." (Du hast ihm schon einen (Schlag) verpasst, du hast ihm schon zwei verpasst...).
Sobald die Keramikschuessel im Inneren der Figuren zerschlagen wird und die Suessigkeiten hinabregnen, stuerzen sich alle gleichzeitig auf die Leckereien und in kuerzester Zeit bildet sich ein grosser Kinderberg mit rudernden Armen und Beinen, in dem allesamt versuchen, moeglichst viele Bonbons und Lollies einzuheimsen.
Nach diesem lauten und lebendigen Spektakel folgt eine erneute Prozession mit Kerzen, diesnmal ist das Jesuskind jedoch koeniglich gewandet und sitzt auf einem hoelzernen Thron. Nochmals erklingen Lieder, flackern Kerzen und selbst gebastelte Sylvesterknaller explodieren im Nachthimmel.
Das Singen geht vor dem Altar weiter, waehrend dem kleinen Maedchen neben mir auf der Bank bereits die Augen zufallen und, gleichmaessig atmend, auf meinen Arm kippt.
Ein Ende finden die Feierlichkeiten mit riesigen Lagerfeuer aus trockenem Reisig, entfacht von den begeisterten Kindern, mit Tamales (allerdings mit Fleisch) und Kaffee.
Jedoch - am naechsten Tag ist gleich wieder Weihnachten! Diesmal in Laguna Verde.


24.01.10

...als wir uns jedoch am naechsten Tag nach dem Mittagessen zum "Kinder" (Kindergarten/Vorschul - Gebaeude) begeben, stossen wir zuerst auf eine Art Reunión (Treffen, Versammlung):
Frauen, Maenner, Kinder sitzen auf winzigen Holzstuehlen, bunte Luftballons schmuecken den ueberdachten Platz vor dem Gebaeude und gerade spricht ein Compa im Rollstuhl, dessen bewegende Worte kaum das Kindergeschrei durchdringen. Er hat seine Faehigkeit, zu laufen bei dem Unfall am Tag Chemas Verhaftung verloren (behindert heisst uebrigens laut Langenscheidt-Woerterbuch auf Spanisch "minusválido" = "wenigerwert") und spricht davon, dass er sich oft nutzlos fuehlt, da er nicht mehr arbeiten kann, aber dass es ja vielleicht Compas gibt, die ihn nicht als nutzlos empfinden - bei diesen Worten nickt R. ernst.
Ein anderer Compa erzaehlt von der Repression, ruft in Erinnerung, dass die Mitglieder der Organisation immer Gefahr laufen, umgebracht zu werden, zu "verschwinden", verletzt zu werden; dass fuer die Laendereien, die der OCEZ jetzt ueberschrieben werden, 4 Menschen das Leben gelassen haben (2 in 2007, 2 im Herbst 2009), aber dass der Kampf trotzdem gefuehrt werden muss und dass, falls er das Leben gibt oder in den Knast kommt, er wisse, dass es im Kampf dafuer geschehe, seinen Kindern ein besseres Leben zu ermoeglichen.
Chema betont die Wichtigkeit der Partizipation der Frauen - "die Organisation ist wie ein menschlicher Koerper. Wenn nur die Maenner kaempfen, ist es, als benutze man nur eine Hand! Eine Seite fehlt, die der Frauen!" und er erklaert: "el enemigo es fuerte, pero mas fuerte es el pueblo, que se organiza" (Der Feind ist stark, aber noch staerker ist das Volk/Dorf, das sich organisiert)
Tatsaechlich meldet sich neben anderen Maennern auch noch eine Frau zu Wort, bevor schliesslich R. zum Abschluss hochhaelt, dass der Kampf mit dem Gewinn der Laendereien noch nicht vorbei ist, sondern dass es gilt, weiter zu kaempfen.

Nun beginnt der lustige Teil der Veranstaltung. Waehrend Tische umgestellt und Reis, Tortillastapel und Huhn verteilt werden, bin ich von Kindern umringt, die fordern "una mas, una mas" (eins noch, eins noch), "ahora yo solita" (jetzt ich alleine) und sich vor die Linse meines Foto-Apparats draengen. Es benoetigt einige Fotos und viele Worte, um sie schliesslich davon zu ueberzeugen, sich zum Tisch zu begeben und zu essen.
Auch heute duerfen Piñatas natuerlich nicht fehlen, diesmal u.a. in Gestalt von Spiderman und Batman...

Abends an der Guardia fragt uns ein Mann ueber unsere Sprachen und Herkunftslaender aus, wie viele Sprachen wir koennen...
Er vermutet: "Es ist sicher leichter, Sprachen zu lernen, wenn man lesen kann, oder?" - und berichtet, dass sie jetzt nachmittags die Moeglichkeit haben, lesen zu lernen. "Aber es ist schwierig..."
Er wuerde seine Kinder auch gerne zur Schule schicken, erklaert er, aber beispielsweise die weiterfuehrende Schule (allerdings evtl privat?) koste 2000 Pesos im Monat, dazu kaemen die Fahrtkosten. Verdienen wuerde er hingegen 400 Pesos pro Woche... "deswegen muss ich sie zum Arbeiten aufs Feld schicken, damit es wenigstens zum Essen reicht."
Ob er auch gerne mal in ein anderes Land reisen wuerde, frage ich.
"Ja, schon, aber es ist hier sehr schwer, genug Geld zusammen zu sparen... Stimmt es denn, dass es auch Mexikaner gibt, die woanders hinreisen und dann gefaellt es ihnen und sie bleiben? Und heiraten zum Beispiel eine Franzoesin oder eine Deutsche? Und gruenden dort eine Familie?", erkundigt er sich neugierig.
Und weiter: "In euren Laendern, eure Regierungen - ihr habt doch auch Regierungen? - machen die was gegen die Armut? Wird das Geld dort besser verteilt?" Mit offenen, neugierigen, fragenden Augen blickt er uns unter der Krempe seines weissen Cowboyhutes an.


25.01.10

Heute brechen wir ein weiteres Mal mit R. zu einem Spaziergang auf. Wir wandern durch ein Labyrinth vertrockneter Maispflanzen, durch Farne, Baeume, Straeucher, bis zu einem kleinen Wasserfall, der sich ueber gruen bewachsene Steine ergiesst. Schmetterlinge verschiedenster Farben und Groessen flattern durch die ueppige Vegetation.
Hier, erklaert R., befinden wir uns am Rande des Gebiets der OCEZ. Das angrenzende Gelaende gehoert Eigentuemern aus San Cristóbal, die die Baeume abholzen, um es zu verkaufen und Platz fuer Zuckerrohrfelder zu schaffen.
Wir laufen weiter und kommen an einem Baum von enormer Groesse vorbei, der sein kahles Astwerk weit in den Himmel reckt, der jedoch gerade 20 Jahre alt ist.
Dann gelangen wir an einen weiteren kleinen Wasserfall, der ueber mehrere natuerliche, breite Stufen faellt. Die Felsen sind mit Stalagtiten geschmueckt und an dessen Raendern finden sich versteinerte Aststuecke und andere Fossilien. Das Licht faellt durch das Netz von Baumstaemmen und malt Muster aufs Wasser. Farne, Moos und Felsen verleihen dem Ort ein mystisches Antlitz.
Wenig spaeter kommen wir auf kahle Flaechen, ueber die sich braune, trockene Grasbueschel ziehen. "Frueher", sagt R., "stand hier ueberall Wald." Das Abholzen der Baeume sorgt unter anderem fuers Absinken des Wasserspiegels. Deshalb will die OCEZ das Gebiet aufkaufen und Wiederaufforsten, dafuer versuchen sie an Gelder der UNO zu kommen, die Finanzen fuer aehnliche Projekte bereitstellt. Tatsaechlich erreichen wir spaeter wieder Laendereien der OCEZ, wo die Baeume noch dicht an dicht stehen, gruenes Dickicht. Nur kleine Schleichwege fuehren am Wald vorbei. "Hier lassen wir niemanden rein. Weder Touristen noch wir selber betreten das Gebiet, auch wir selber holzen hier nichts ab."
Schliesslich fuehrt uns R. an Staemmen vorbei, die von grossen Dornenansammlungen bedeckt sind, deren Stacheln sich scharf vor dem blauen Himmel abheben, an Bananenstauden und schwer behangenen Lima-Baeumen (Lima ist eine Zitrusfrucht von der Groesse eienr Orange, aber weniger sauer), bis wir schliesslich nach einer grossen Runde wieder in 28 de Junio ankommen.


...

Eines Nachmittags umringen mich einige der Kinder der Gemeinde, haengen sich kopfueber an den Ast eines kleinen Baumes und schreien "Foto, Foto". Immer und immer wieder klettern sie erneut hinauf, klammern sich an den Ast, lassen den Kopf nach unten baumeln.
Als ich die Fotosession aufgrund von leeren Batterien schliesslich abbreche, zeigt einer der Jungs auf meine vom Staub verdreckten Fuesse, die in ramponierten Flip-Flops stecken - "Estuviste trabajando?" (Warst du arbeiten?)
"No, solo estuve en la guardia" (Nein, ich war nur in der Wache)
Unglaeubige Blicke richten sich auf mich. "Con esa ropa?" (Mit dieser Kleidung?)
Ich sehe an mir herunter... ein T-Shirt, zerrissene, dreckige Jeans... "Si...?"
"No te da verguenza?" (Ist dir das nicht peinlich?)

...

"Camas, colchónes" (Betten, Matratzen), ertoent ein blechener Lautsprecher aus der Gemeinde, waehrend ich mich noch im Halbschlaf befinde, "Hausfrauen, kommt und schaut, Betten, Matratzen!"
Als wir wenig spaeter unseren Dienst an der Guardia antreten, spricht uns einer der Compas an, ein kleines, schwarzes Funkgeraet in der Hand, ob wir wohl ein Foto machen koennten, von dem Auto, das die Betten verkauft...?
"Klar, was ist denn los?"
Gerade sei er informiert worden, erklaert der junge Compa, dass sie das Auto nicht nach 28 de Junio hinein lassen sollten. Die Fahrer haetten viele, viele Fragen gehabt, auch nach uns obervadores und nach unserer Taetigkeit hier...
So wird das Auto, welches tatsaechlich mit Matratzen verschiedener Formate beladen ist, abgewiesen und faehrt in eine andere Richtung davon.
Es kommt wohl haeufiger vor, dass sich Verkaeufer_Innen etwas dazu verdienen, indem sie nebenbei Informationen fuer die Regierung sammeln.

...

Manchmal schweigen sie nur, die Compas in der Guardia, fast nur Maenner, manchmal auch eine einzelne Frau. Liegen im Schatten auf Plastikplanen oder sitzen auf den Holzkloetzen und starren in die Ferne. Wechseln nur wenige Worte, wenn jemand in der Tienda eine Cola holen soll.
Manchmal stellen sie Fragen. Wo wir herkommen. Was fuer Sprachen wir sprechen. Ob wir verheiratet sind. Was fuer Obst und Gemuese man bei uns so erntet. Was wir essen.
Manchmal entspinnt sich dann ein Gespraech, ueber freie Lebenspartnerschaften, die auch hier vorkommen, auch wenn einer erklaert: "Wenn man verheiratet ist, dann bleibt man zusammen. Und sonst? Dann mag die Frau irgendwann nicht mehr und geht in die Vereinigten Staaten.", ueber industrielle Massentierhaltung, ueber Lebenskosten...
Und manchmal erzaehlen sie. Ueber die Gefahr von Monokulturen. "Alle wollten sie Zuckerrohr. Jetzt fallen die Preise. Jetzt fangen alle an, Felder fuer Biosprit anzulegen." Biosprit. Da pflanzt man fuer Benzin, dabei gibt es nichtmal genug zu Essen. Ueber die Organisation, die "uns das Bewusstsein gegeben hat, dass die Erde eigentlich uns gehoert, dass wir kaempfen muessen". Ueber die Geschichte der Conquista - "frueher gehoerte all diese Erde unseren Vorfahren, sie haben sie bearbeitet und sind dann weitergezogen. Dann kamen die Conquistadores und haben gesagt: "Das was ich sehe, bis zum Horizont, das gehoert jetzt mir." und ihre Herren haben es ihnen unterschrieben. Und dann merkten sie, dass sie sich nicht selbst die Haende schmutzig machen wollen und dann nahmen sie diese "Indios" und liessen sie auf ihren Feldern arbeiten. Und sie nahmen auch ihre Frauen." Und ueber die Repression, "frueher haben die Grossgrundbesitzer die Leute umbringen lassen, die rebellierten, die Anspruch auf die Laendereien erhoben. Heute machen sie es nicht mehr so direkt. Heute gehen sie zur Regierung. Und die Regierung schickt dann ihr Militaer, ihre Polizei, ihre Paramilitaers."

...
5.2.10 02:52


18.11.09 - 21.12.09 Mein Geburtstag, Frauentag und unsere Oaxaca-Strand-Tour

18.11.-25.11.09 San Cristóbal

20.11.09

Am Abend begeben wir uns zuerst ins "12 Pesos", eine Bar, die sich hauptsaechlich dadurch auszeichnet, meistens sehr voll zu sein, laute, immer gleiche Musik laufen zu lassen und billiges Bier zu verkaufen (dessen Preis ihr auch ihren Namen verlieh).
Anschliessend ziehen wir in eine andere Bar weiter, wo eine Liveband spielt hat und Lieder von "Red Hot Chili Peppers" etc covert. Allerdings stossen wir nur um Mitternacht auf meinen Geburtstag an und schlendern dann so gegen 1 schon wieder nach Hause, ich tanze singend durch die leeren, grauen Strassen.


21.11.09

Feliz cumpleanos a mi…
So, jetzt bin ich dann wohl 20… qué raro… ich sitze hier auf der Dachterasse des Junax, wir haben ausnehmend lecker gegessen - Reis mit Austernpilz - Zucchini - Paprika - Frühlingszwiebel - Tomatensoße, viel frischer superreifer Avocado und Maistortillas vom Markt…
Momentan ist hier ein encuentro de las mujeres contra la violencia (Treffen der Frauen gegen die Gewalt). Heute Morgen waren wir dann auch in einem Kulturzentrum, eine Frau hat mit kraftvoller, durchdringender Stimme Befreiungslieder aus Nicaragua, El Salvador und Oaxaca gesungen, dazu Gitarre gespielt.
Anschließend wurde eine Erzählung einer Frau aus Rhuanda vorgelesen, die als Gespräch mit ihrem verstorbenen (ermordeten) Vater formuliert war und die Massaker an den Tutsi zum Thema hatte, die sie mit- und überlebte. Erst wurden „nur“ Männer und Jungen umgebracht, dann - alle.
Auch die Kühe der Tutsi wurden abgeschlachtet - und die Milch der Euter mischte sich mit dem Blut.
Sie erinnert sich auch, wie ihre Mutter einmal sagte, zum rot gefärbten Himmel zeigend, „Schau, wie der Himmel gefärbt ist vom Blut der Tutsi.“
Der Text endete mit einer Anklage an die europäischen Länder, die alle die Deklaration der Menschenrechte unterzeichnet hätten. Die Tutsi scheinen somit nicht unter ihre Definition von Menschen zu fallen, urteilt die Autorin, aber - vielleicht - deren Mörder?!
Danach soll ein Film gezeigt werden über häusliche Gewalt ( 64 % der Hausfrauen werden von ihren Männern geschlagen), aber wir sind in Mexiko, nichts funktioniert und alles zieht sich lang, lang hin… letztendlich brechen wir auf, streunen über den Markt und schlagen eifrig zu beim frischen Gemüse und Obst fürs Mittagessen.
Auf dem Rückweg entdecken wir eine kleine Demonstration. Ein Transparent wird von Marx, Engels, Lenin und Zapata geziert. „Avanzar, avanzar con la lucha popular“ und „el pueblo unido jamas sera vencido“ wird skandiert.
Anlass ist die Forderung nach Befreiung der politischen Gefangenen der OCEZ, welche auch schon seit Wochen ein Protestcamp beim Zócalo aufrechterhalten; außerdem der Tag der Frau am 25.11.

Abends besuchen wir das Konzert der Frau, die schon morgens auf der Veranstaltung gesungen hat. Sie tritt in einer Bar auf, begleitet von einer Frau am Keyboard. Ich lehne mich an den Tuerrahmen zum Nebenraum, nippe an meinem Bier und lausche der energetischen Stimme der Frau und den poetischen Worten der Lieder, die von Freiheitskaempfen handeln und von Liebe ("Besame mucho")...
Als der letzte Applaus verklingt, suchen wir eine Club auf, in dem ein DJ Reggae, Dub und BalkanBeats auflegt. Waehrend Janosch irgendwann in einer Ecke einnickt, tanze und tanze und tanze ich, bis wir uns schliesslich um 4 Uhr morgens auf den Heimweg begeben.


23.11.09

Nach dem Fruehstueck sitze ich im Wohnzimmer und lese in meinem neu zum Geburtstag erstandenen Buch "Mujeres de Maiz" (Frauen des Mais), das die Situation der Frauen in Chiapas, sowie den Einfluss der EZLN beschreibt. Unter anderem wird der uebliche Tagesablauf der Frauen in indigenen Gemeinden beschrieben, so stehen sie oft schon um 3 oder 4 Uhr morgens auf, um Mais zu mahlen, Teig zu formen und die Tortillas zu machen, damit die fertig sind, wenn der Mann aufsteht. Dann begleiten die Frauen oft ihre Maenner aufs Feld, wobei die Maenner reiten, die Frauen mit dem Kind auf dem Ruecken hinterher laeuft. Nach der Feldarbeit wartet dann wieder die Kueche, die Kinder und die Wasche...
Auch beschreibt es den traditionellen Umgang mit Vergewaltigungen in den Gemeinden - die vergewaltigte Frau und der Vergewaltiger heiraten einfach, somit sei das Problem geloest.
Passend zu diesem Thema, begeben wir uns etwas spaeter zu einer Debatte im Rahmen des Frauentags.
Einige Beitraege der teilnehmenden Frauen will ich hier wiedergeben:

- "In Guatemala sieht man die Ungleichheit mehr in der Stadt, in allen sozialen Schichten. Wird ein Maedchen geboren wird es als Strafe von Gott fuer die Familie angesehen. In den Gemeinden gibt es ein grosses Fest, wenn ein Junge geboren wird. Bei einem Maedchen heisst es: "Das wird eine Schlampe!""
- "Die Unterdrueckung der Frau ist angelernt. Sie basiert in der Ungleichheit zwischen Mann und Frau in der ganzen Gesellschaft und ist in allen Laendern praesent, da ueberall Patriarchat herrscht. Auch zeigt sie sich in vielen Formen, beispielsweise bedeutet auch das Unter-Strafe-Stellen der Abtreibung Gewalt gegen Frauen."
- "Ein anderes Beispiel sind die oeffentlichen Paraden (der Schulen). Den Frauen wird die Teilnahme auferlegt, sie muessen in kurzen Roecken marschieren, werden dabei beobachtet - auch das ist Gewalt gegen Frauen. Es wird so getan, als sei Gewalt gegen Frauen etwas natuerliches. Der Koerper der Frau wird vorgezeigt und sie wird als Sexualobjekt missbraucht. Auch heisst es, wenn bei der Erziehung etwas falsch laeuft, es sei die Schuld der Mutter. Wenn es ein "guter Mann" geworden ist, dann Dank des Vaters."
- "Meine Tochter hat das Leben gelassen durch die Haende ihres Partners. Sie war sich der Situation der Frauen bewusst, hat rebelliert. Er dachte, er koenne ueber ihr Leben entscheiden.
Die Gewalt funktioniert als Kette. Der Ehemann uebt Gewalt gegen seine Frau aus, die Mutter gegen die Kinder,...
Die Gewalt zeigt sich in vielen Formen: Psychologische Gewalt, physische Gewalt, oekonomische Gewalr... in jedem Haushalt wird Gewalt erlebt.
Seit wir geboren sind, denken wir Frauen, dass wir nichts wert sind, dass wir keine Entscheidungen treffen koennen, dass wir dafuer leben, den Maennern zu dienen.
Es ist wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen fuer die Situation der Frau."
- "Mir ist erst vor kurzem aufgegangen, dass diese Situation nicht Natur gegeben ist. Wir haben das Recht zu kaempfen. Ich habe einen Sohn und eine Tochter und behandele sie gleich. Stueck fuer Stueck werden wir uns und die Situation veraendern."

Die Uni, in dessen hellem Hof die Debatte ausgetragen wird, ist geschmueckt mit grossflaechigen bunten Wandbildern. Bilder von Karl Marx mit dem Zitat "Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Klassenkaempfen", von Emiliano Zapata, von Che Guevara und Lenin. Es haengen Transparente von den oberen Klassenraeumen, die die sofortige Erfuellung der studentischen Forderungen einklagen. Geballte Faeuste zieren die Waende, Anarcho-A's, Verweise auf die Zapatistas und die "Otra Campaña". Eines der Zimmer traegt den Namen "Che Guevara" und am Eingang listet eine riesige schwarze Tafel, die Namen derer auf, die im Kampf fuer die Freiheit gestorben sind (u.a. Emiliano Zapata und Flores Magón), derer, die "verschwanden" und derer, die fuer ihre politische Einstellung im Knast sitzen.

Nach der Veranstaltung holen wir uns eine der legendaeren Falafeln und setzen uns auf die sonnigen Treppenstufen vor der Kathedrale.
Schon seit einiger Zeit (ca. 3 - 4 Wochen) befindet sich hier auf dem zentralen Platz San Cristóbals, sowie vor dem örtlichen Büro der UNO, ein Protestcamp von Mitgliedern der Organisation OCEZ (Organisación Campesina Emiliano Zapata). Mit Plastikplanen sind improvisierte Zelte gefertigt, abends wird ein Feuer entfacht, um Wärme zu spenden. Drumherum stehen Stellwände mit Informationen, sowie große Transparente, die Emiliano Zapata zeigen, „Libertad a Chema“ oder „Fuera a los militares“ fordern.
Es geht darum, dass das Militär drei ihrer Führungspersönlichkeiten festgenommen hat, außerdem sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Nun wollen sie so lange in San Cristóbal verweilen, bis die Gefangenen wieder freigelassen werden.
Viele Menschen zeigen ihre Solidarität, indem sie Feuerholz, Kohle oder Essen spenden - so auch wir.
Heute Nachmittag gehe ich auf einen zu, einen jungen Mann mit zerfurchtem Gesicht und beigem Cowboy-Hut, frage, wie es läuft.
„Pues, aqui estamos…“
Ich frage, wie lange sie noch dort ausharren wollen.
„Bis unsere Forderungen erfüllt werden.“
Ich habe davon gehört, dass es ein Angebot gegeben haben soll, zwei der drei Gefangenen freizulassen.
„Ja“, das sei richtig, bestätigt er mir, aber darauf würden sie nicht eingehen.
„Ihr bleibt, bis sie alle drei freilassen?“
Er nickt.
„Und die Leute hier in San Cristóbal? Bringen die euch weiterhin Essen?“
„Ja, manche schon. Es gibt schon einige, die uns was bringen.“
„Und, braucht ihr noch was?“
Er nickt wieder.
„Essen?“
„Ja.“

Etwas später bringen wir ihnen Reis vorbei, Salz und Kaffee, wir ducken uns durch die Absperrung hinweg und stapeln es auf einen Tisch, den sie unter einer der Plastikplanen aufgebaut haben. Eine Frau schneidet gerade Berge an Tomaten und Zwiebeln.
„Gracias“, „muchas gracias“, schallt es von allen Seiten.
„De nada. Que tengan exito…“ (Kein Problem. Viel Erfolg!)
Und erneut - “gracias”.

Am nächsten Morgen erfahre ich, dass die Regierung tatsächlich auf die Forderungen eingegangen ist und die Gefangenen freigelassen wurden, alle drei.

-- * --

"La utopia está en el horizonte.
Camino dos pasos, ella se aleja dos pasos.
Y el horizonte se corre diez pasos más allá.
Entonces para qué sirve la utopia?
Para eso, sirve para caminar.”

(Eduardo Galeano)

"Die Utopie ist am Horizont.
Wenn ich zwei Schritte gehe, entfernt sie sich zwei Schritte.
Und der Horizont rennt zehn Schritte weiter.
Also was nutzt die Utopie?
Sie nutzt dafuer, um zu gehen."


24.11.09 Comitán

Gemeinsam mit ein paar Freundinn_en, steigen wir in ein Colectivo nach Comitán, an dessen Zócalo uns zahlreiche Schilder mit der Aufschrift „Tu eres Comitán“ auf den Grasflächen begrüßen, im Schatten von recht unästhetisch wirkenden, rechteckig gestutzten Bäumen. Ein „Tourismus - Polizist“ - wenn Mexico eines hat, dann ist es ein Polizeityp für jede denkbare und undenkbare Angelegenheit - spricht uns an und reicht uns Flyer für geführte Touren zu nahe gelegenen Sehenswürdigkeiten und Wasserfällen.

Wir besuchen ein Museum über den Arzt Belisario Dominguez (1863 - 1913), der in Paris studiert hatte und anschließend eine hochmoderne Praxis in Comitán eröffnete, in denen Arme und Bedürftige kostenlos behandelt wurden und deren Überreste in besagtem Museum zu sehen sind. Dominguez kann getrost als Nationalheld bezeichnet werden, war zwischenzeitlich Bürgermeister von Comitán und legte damals den Grundstein dafür, dass die Stadt angeblich immer noch die saubersten Straßen und die beste Gesundheitsversorgung ganz Mexikos besitzt.
1912 wurde der Arzt in Mexikos Senat gewählt, und prangerte die Tatsache an, dass der General Huerta den Präsidenten Francisco Madero abgesetzt, hingerichtet und dessen Platz eingenommen hatte. Dominguez verbreitete Schriften, in denen er Huerta bloßstellte und verurteilte, woraufhin der Arzt verhaftet und ermordet wurde.

Anschließend streifen wir noch durch das archäologische Museum der Stadt, in dem kitschige „Schöne - Welt“ - Gemälde ausgestellt werden, die Szenen der prähispanischen Zeit darstellen sollen, sowie verformte und zerquetschte Schädel und andere Fundstücke diverser archäologischer Stätten.

Zum Abschluss suchen wir noch ein kleines Lokal auf - eine ungünstige Wahl, wie sich herausstellt, als wir auf unsere Säfte lange warten müssen, mein Melonensaft zuerst mit Milch serviert wird und meine Anfrage nach einem Teller „nur mit Frijoles, Ensalada und Tortillas“ mit einem entsetzten Blick und „geht nicht“ quittiert wird.

Dementsprechend streifen wir, zurück in San Cristóbal, noch über den dunklen Markt und kaufen etwas Gemüse, das wir im Junax zu einer leckeren Soße für Nudeln verarbeiten und mit Avocadostücken verspeisen, während wir mit einer netten Mitbeobachterin den Comic des Verfassungsschutzes lesen, in dem wir über die Gefahren des Linksextremismus aufgeklärt werden.



25.11.09 San Cristóbal - Arriaga

Bei blauem Himmel und Sonnenschein frühstücken wir auf der Dachterrasse unserer Unterkunft - Tomaten-Basilikum-Brot mit Margarine, frischer Avocado und Tomatenscheiben. Anschließend gehen wir in einer kleinen Saftbar frisch gemixte Obstsäfte (Banane-Ananas) genießen, die ein kleiner Mexikaner mit blauem Mundschutz serviert.
Gegen Mittag begeben wir uns auf den Platz vor der Kathedrale. Eine kleine Bühne ist aufgebaut. Ein großes buntes Transparent mit der Aufschrift „Mujeres del mundo juntas contra la militarizacion y las guerras“ (Frauen der Welt, gemeinsam gegen die Militarisierung und die Kriege) bildet die Kulisse für die Rednerinnen, die in emotionalen Reden die Gewalt gegen Frauen und die Tatenlosigkeit der Regierung anprangern, die sagen „estamos hartas de la discriminacion“ (wir haben genug von der Diksriminierung) und der Rollen, in die sie gezwungen werden, die fordern, ihre sexuelle Orientierung wählen zu können, ohne Anfeindungen ausgesetzt zu werden, bestimmen zu können, ob und wie viele Kinder sie wollen, die genug davon haben, Inzestopfer ihrer Väter, Brüder, Onkel oder Cousins zu werden…
Drei Frauen erzählen die Lebensgeschichten von drei Schwestern nach, die in der dominikanischen Republik im Widerstand waren und am 25. November ermordet wurden - weswegen dieses Datum für den „Día de la no-violencia contra la mujer“ gewählt wurde.
Vor der Bühne sind etliche Stofftransparente ausgelegt, Überbleibsel der Demonstration, die am Morgen stattfand. Schließlich werden diese zusammengerollt und -gefaltet, sowie zur Seite geschoben.
Eine Gruppe von Männern und Frauen aus Katalonien und Guatemala stellen szenisch ein Märchen da: „Wie Aschenputtel kein Huhn essen wollte und die Hühner fliegen wollten“. Es handelt davon, wie Aschenputtel irgendwann „Basta“ brüllt, sich von ihrem motzenden Macho-Prinzen trennt, der ihr auferlegt, Huhn zu kochen (dabei ist sie Vegetarierin) und wie ihr es gemeinsam mit diversen anderen Märchenfiguren gelingt, sich von ihrer zugeschriebenen Rolle zu befreien.

Nach dem Programm gehen wir ein paar Freunde_Innen abholen und begeben uns zu einem israelischen Restaurant, dessen Wand bunt beschrieben ist - „Gabel“, „Löffel“, „Kichererbse“ ist hier auf den verschiedensten Sprachen zu lesen. Zusammen mit einer frisch mit Limette und Minze zubereiteten Limonade lassen wir uns hier die besten Falafeln der Welt schmecken - mit selbstgebackenem Fladenbrot, viel dickem Hummus, frisch gemachten Falafelbällchen, knackigem Salat und leckerer Chilisoße.

Den Nachmittag vertrödeln wir mit Internet und Packen, bis wir uns mit ein paar Bierchen ins Wohnzimmer setzen und zum Abschied nochmals mit ein paar lieb gewonnen Mitbeobachter_Innen anstoßen.

Um 22:15 schließlich verlässt unser Bus das Terminal und fährt durch die Dunkelheit. Ich höre Musik, nicke immer wieder ein, draußen rauschen Städte und Lichter an uns vorbei. „Arriaga“ steht dann in großen Lettern auf der vor uns aufragenden Wand des Busbahnhofs und wir quälen uns um 2 Uhr nachts aus den bequemen Sesseln unseren Luxus-1.Klasse-Busses.
Verschlafen treten wir hinaus in die milde Nacht. Palmen stehen am Straßenrand.
„Wissen Sie, ob es ein billiges Hotel gibt, das uns noch aufmacht?“, gehe ich auf einen der wartenden Taxifahrer zu.
„Sind so 200 Pesos in Ordnung?“, fragt er nach, „damit ihr euch auch gut ausruhen könnt…“
Wir nicken, kurz darauf sind unsere Rucksäcke im Kofferraum verstaut und wir sind auf dem Weg zu unserer Ruhestätte. Dort fällt die Auskunft allerdings negativ aus - aufgrund eines Radrennens seien alle Zimmer der Stadt belegt.
„Ich kann es noch bei einem anderen probieren, da sind die Matratzen allerdings etwas schmutzig etc“, bietet der Fahrer an.
Auch da jedoch - Fehlanzeige.
Bleibt die dritte Alternative: Ein Motel, in dem 100 Pesos für vier Stunden berechnet werden. Das würde man in Deutschland wohl mit „Stundenhotel“ betiteln.
Ein Stück stadtauswärts fährt das Taxi in die Einfahrt eines solchen Motels ein und erkundigt sich bei der Frau, die aus einem kleinen Steinhäuschen tritt, welches als Rezeption dient, nach dem Preis eines Zimmers.
„100 Pesos“, kommt prompt die Antwort.
Für uns scheint die 4-Stunden-Regel außer Kraft gesetzt zu werden. „So um 9 oder 10“ sollten wir das Zimmer verlassen, heißt es nach meiner neuerlichen Nachfrage.
Somit bezahlen wir und lassen uns müde auf der Matratze nieder, die auf einem großen Betonquader liegt. An der Wand befindet sich ein Schalter mit der Aufschrift „Musik“ und ein ausgedrucktes Blatt Papier neben der Tür informiert über den Preis von Bier, Zigaretten und Kondomen, aber das Zimmer ist sauber, die Klimaanlage kühlt die warme Luft und das Bett bequem.


26.11.09 Arriaga - Juchitán

Während Janosch schon duscht und sich die Zähne putzt, wälze ich mich noch träge im Bett herum. Nur widerwillig schlage ich schließlich das Laken zurück.
Wir verlassen unser Zimmer und lassen uns ein Taxi rufen, das uns ins Stadtzentrum bringt und vor einem Lokal absetzt, das der Fahrer uns empfiehlt - Frühstücksbuffet für 35 Pesos.
Wir folgen dessen Rat, schaufeln unsere Teller mit gebratenen Bananen, Frijoles und grünen Jalapeno - Chili - Ringen zu und balancieren sie, zusammen mit den Kaffeetassen zu unserem Tisch am Schaufenster, wo schon ein Berg Tortillas wartet.
Nachdem wir uns die Bäuche voll geschlagen haben, schlendern wir mitsamt unserem Gepäck durch die Stadt. Auf den Häuserwänden prangt Wahlwerbung, Autos hupen, Menschen drängen sich auf den Bürgersteigen, in den Läden stehen schreiend bunte Klamotten zum Verkauf, davor ein kleiner Stand mit gebrannten DVDs. Eine gewöhnliche, mexikanische Kleinstadt - wären da nicht die Schienen, die quer durch die Stadt verlaufen. Ein unscheinbares, heruntergekommenes Bahnhofsgebäude. Ein Güterzug, vom Rost rötlich gefärbt, steht wie vergessen auf den Schienen, im Hintergrund blaue Bergkulisse, von Wolken umspielt. Und am Rand der Eisenbahnlinie eine Gruppe Männer, vom Leben gezeichnet, sitzt wie vergessen mit kleinen Bündeln auf dem Rücken auf vertrocknetem Gras.
In Arriaga kommen die Flüchtlinge aus Guatemala, El Salvador, Honduras an und warten auf den Zug, der sie ins gelobte Land bringen soll, nach Norden, über die Grenze in die USA.
„Hola“, ruft man uns entgegen. Einer läuft uns nach. Seine Haare sind zerzaust, seine Aussprache undeutlich. Er hat getrunken. Auf Englisch erklärt er uns, wo die „Casa de los Migrantes“ ist - dort könnten wir uns ausruhen und duschen.
Als er merkt, dass ich Spanisch spreche, wechselt er die Sprache. Ihn würden sie nicht mehr hineinlassen, sie hätten ihm schon eine Woche gegeben, 4 Tage. Aus Guatemala käme er. „Dort bis zur Ecke, dann rechts“, sagt er und weist nach links, „und dann immer die Straße entlang.“
Wir beschließen, bei dem Haus vorbeizugehen und um Informationen zu bitten. Die geteerte Straße geht schnell in einen staubigen Weg über, von ärmlichen Häusern gesäumt, in dessen Gärten Wäsche zum Trocknen hängt.
Wenige Bäume stehen auf kargem Land, verbrannter Erde. Müll liegt auf trockenen Grasbüscheln.
Vor uns gehen langsam zwei Männer. Einer trägt einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, der andere einen schmutzigen Sportbeutel.
Die „Casa del Migrante“ befindet sich ganz am Ende dieser staubigen Straße, Endstation. Jesus prangt auf dessen Frontseite. Wir treten an die Tür „Buenos días“. Ein dünner Mann mit wirrem Haar und schlechten Zähnen, der einen Besen in der Hand hält, öffnet uns „Good morning“, „how are you this morning?“, sagt er lächelnd.
Im Büro tragen wir unsere Bitte vor. Ein Stuhl wird für uns frei geräumt, verschiedene Medikamentenschachteln lagen darauf verstreut. Der Schreibtisch ist mit Papierstapeln bedeckt. Im hinteren Teil des Büros sitzt jemand an einem veralteten Computer.
Es tue ihm Leid, heißt es dann, aber wir müssten zuerst mit dem sacerdote sprechen, um eine Autorisation zu erhalten. Ohne die dürfe man uns keine Auskunft geben.
So ziehen wir also unverrichteter Dinge wieder ab, begeben uns zum Terminal. Ich gehe auf die Toilette, wobei ich für meine 3 Pesos nicht nur Klopapier, sondern auch eine Eintrittskarte fürs Betreten dieser sanitären Einrichtung erhalte.
Eine halbe Stunde später in einen Bus steigen und Arriaga hinter uns lassen, zusammen mit all’ den verlorenen Menschen, die an den Schienen sitzen, auf den Zug und auf ein besseres Leben warten.

Palmen ziehen an uns vorbei, Stände mit Kokosnüssen, Betonbrücken, an deren Pfeilern Taxifahrern neben ihnen Fahrzeugen im Schatten liegen, Pferde- und Ochsenkarren, ärmliche, bunt angestrichene Häuser, brennende Müllhalden, in einem Garten sitzt ein kleiner Junge mit einem Plastikbecher in der Hand geduckt in einer liegenden Metalltonne…
Wir passieren vier Kontrollen auf dem Weg, Militärposten, Migrationspolizei. Die Beamten spähen in den Bus, laufen durch die Sitzreihen, einmal müssen wir unsere Pässe vorzeigen. Soldaten stehen auf ihrem Posten, das vor ihnen montierte Maschinengewehr auf die Straße gerichtet.

Gegen 15 Uhr kommen wir in Juchitán an. Die Luft ist warm, trotz starker Windböen, die regelmäßig an uns zerren. Schwer beladen mit Gepäck trotten wir durch die Straßen, auf der Suche nach einer Unterkunft.
Schließlich fragen wir in einem kleinen Lokal nach und erhalten den Tipp für eine Posada, die nur zwei Blöcke weiter und dann ein wenig die Straße hinunter liegen soll. Nach ca. 5 - maligem erneuten Informieren und ca. 5 - maligem Versichern „das ist eine Straße weiter und dann gleich rechts“, finden wir endlich „eine Straße weiter und dann gleich rechts“ tatsächlich besagte Posada und quartieren uns für 120 Pesos die Nacht in einem kleinen Zimmer im zweiten Stock ein.

Juchitán ist ein kleines Städtchen mit etwa 68000 Einwohnern, in dem Tourist_Innen quasi inexistent sind und das sich besonders durch zwei Fakten auszeichnet: Traditionell lebt man hier im Matriarchat, die Frauen gehen arbeiten und bringen das Geld nach Hause, während die Männer zu Hause bleiben und sich um den Haushalt kümmern - und - es gibt offiziell drei Geschlechter: Männer, Frauen und Muxche.
Tatsächlich sieht man ab und zu Menschen in Bluse und Rock, mit rot geschminkten Lippen, aber auffällig maskulinen Zügen. Eine Verkäuferin, die hinter einem kleinen Stand mit Süßigkeiten sitzt, zeigt den Ansatz einer Glatze auf dem Kopf.
Noch in San Cristóbal wurde uns erzählt, dass ein Einwohner erklärt hatte, Muxche seien hoch angesehen hier und „jede Familie soll[e] einen haben“.

Wir schließen den Tag mit einem langen Spaziergang ab, dem Sonnenuntergang entgegen, vor dem sich die dunklen Silhouetten von Kokospalmen abheben. Schwalbenschwärme bevölkern die Bäume und füllen die Luft mit lautem Gezwitscher. In einem kleinen Restaurant bitten wir um eine vegane Zusammenstellung, die uns prompt zubereitet wird, dazu trinke ich eine heiße Schokolade in Wasser, was typisch ist für Oaxaca. Sie schmeckt dick und süß und nach Zimt.


27.11.09 Juchitán

Nach einem guten billigen Frühstück in einem kleinen Lokal mit Plastiktischen - wir essen Chilaquiles (frittierte Tortilla-Stücke in einer leicht pikanten Tomatensoße) mit Frijoles, ich trinke dazu einen Bananenshake mit Zimt, Janosch einen viel zu süßen, nach Kaugummi schmeckenden Fanta-Verschnitt - machen wir uns auf den Weg zum „Ojo“ (Auge), einer Badestelle. Mit zwei Bussen, einem klappriger als dem anderen, mit Sprüngen in den Fensterscheiben und Vorhängen, die sich wie Segel im Fahrtwind blähen, gelangen wir schließlich in einen kleinen Ort, wo ein handgemaltes Schild auf den „balneario el ojo“ verweist und der Busfahrer uns den Wink zum Aussteigen gibt.
In den kleinen Gärten der ärmlichen Häuser sind Hängematten aufgespannt. Ein Straßenhund liegt träge im Schatten.
Am Ende des staubigen Wegs findet sich tatsächlich ein schiefes Metalltor, das in die Anlage weist. Der Ort wirkt verlassen, die Türen hängen krumm in den Angeln, vor den Toiletten hängen schwere Vorhängeschlösser.
Ein Fluss strömt durch den hinteren Teil der Anlage, zwei kreisrunde Becken, die wohl ehemals durch Aufstauen von ihm gefüllt wurden, verbleiben leer und trostlos.
Wir lassen uns jedoch die gute Laune nicht nehmen, sitzen am Flussrand, lesen und essen reife kleine Bananen. Staksen schließlich ins Wasser, lassen uns vom Strom, der zwischen Steinen hervorschnellt, zwei-drei Meter mitreißen und genießen schlicht liegend das warme flache Wasser.

Zurück in Juchitán suchen wir ein öffentliches Telefon auf und wählen die Nummer, die uns ein Compa überlassen hat, als wir ihm noch in San Cristóbal von unserem geplanten Aufenthalt hier berichteten.
„Na klar habe ich Lust, mit euch ein Bierchen zu trinken“, schallt es direkt aus dem Hörer, „jetzt sofort?“
So kommt uns kurz darauf im Parque Central eine Gruppe von vier jungen Männern entgegen und führt uns in eine Bar, in der zu unserem Bier ganz selbstverständlich Suppe und Tacos aufgetischt wird. Anschließend ziehen wir auf Moped und im Auto (wobei Janosch und ich uns auf den Beifahrersitz quetschen, ich halte dabei meinen Kopf aus dem Seitenfenster in den zischenden Fahrtwind) weiter, fahren etwas außerhalb zu einem Privathaus mit angeschlossener Tienda, wo uns auf Wunsch Tisch und Stühle nach draußen gebracht werden und uns Bier in 1 - Liter - Flaschen serviert wird. Dort sitzen wir, unterhalten uns, lachen, knabbern geröstete Erdnüsse mit Chilisoße und trinken das ein und andere Bier.
Da die Mexikaner mitbekommen, dass Janosch noch nichts zu Abend gegessen und Hunger hat, winken sie zwei vorbeikommende Frauen heran, die Tamales verkaufen. Sofort stehen drei auf dem Tisch, als Janosch sie aufbricht, stellt sich heraus - mit Huhn. „Aber wir essen doch kein Fleisch“, erinnere ich sie. Prompt stehen drei neue vor uns, diesmal mit Frijol gefüllt und mit einer leckeren scharfen Soße beträufelt.
Generell sind die Jungs unglaublich gastfreundlich, bemüht, uns unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, teilen ihr letztes Gras mit uns, wollen uns kaum einen Anteil des Biers bezahlen lassen, begleiten uns schließlich bis kurz vor unserem zu Hause und erklären, wir sollten auf jeden Fall anrufen, falls wir noch bleiben würden oder irgendwas bräuchten.


28.11.09 Juchitán - Oaxaca Cd.

Gegen Mittag begeben wir uns zum 2. Klasse - Terminal und erstehen zwei Fahrkarten nach Oaxaca Stadt. Wir hieven unsere schweren Rucksäcke auf die Gepäckablage und machen es uns dann auf unseren Sitzen bequem. Ich schiebe das Fenster ein Stück auf, der Fahrtwind schlägt hinein und erfrischt die warme stickige Busluft.
Die vorbeiziehende Landschaft ist Wüstengleich, Kakteen verschiedenster Arten und Formen säumen die Straße, ragen mit verzweigten Armen aus trockener Erde in den blauen Himmel. Die Berge scheinen staubig, die Vegetation meist karg. Wenn Büsche die Hügel überziehen, wirken sie struppig und widerstandsfähig. Die Sonne brennt vom blauen Himmel. Ich spähe durch das Eck am Fenster, das nicht von verdunkelnder lila Folie überzogen ist, und kann mich kaum satt sehen an der Natur.
Zwischendurch halten wir, der Fahrer ruft sein Ziel in die Straßen. Neben dem Bus liegen zwei kleine Jungs auf einer Decke auf dem Asphalt. Eine Frau trägt einen Korb mit Maiskuchen auf dem Kopf, tritt in den Bus, um sie zu verkaufen.

Am frühen Abend kommen wir in Oaxaca an, wir fahren am Olympiastadion vorbei, das übersäht ist mit Graffitty, kein Meter, auf dem nicht an das Massaker am 2. Oktober 1968 erinnert wird, auf dem nicht betont wird „ni olvido, ni perdon“. (weder vergessen, noch vergeben)
Von einem Taxi lassen wir uns ins Zentrum chauffieren, zu einem Hostal, das im Reiseführer gelobt wird, uns aber unsympathisch vorkommt. Die Preise wurden wohl inzwischen mehrfach erhöht, sogar für die Nutzung einer Steckdose soll extra bezahlt werden. Trotzdem entscheiden wir uns, eine Nacht hier zu bleiben, um nicht jetzt noch lang suchen zu müssen.

Wir machen einen kleinen Spaziergang, bewundern den Sonnenuntergang von einem Platz aus, der direkt vor einer großen Kirche gelegen ist. Die Kirchtürme heben sich als mächtige Silhouetten vom abendlich gefärbten Himmel ab.
Bei mir setzen jedoch plötzlich Bauchschmerzen ein, weswegen wir rasch ins Hotel zurückkehren und schlafen.


29.11.09 Oaxaca Ciudad

Nach dem Frühstück, spazieren wir etwas durch die Stadt, trinken eine heiße Schokolade am Zócalo und erstehen bei einer kleinen indigenen Frau eine Tüte gerösteter Heuschrecken, die für 5 Pesos unerwartet üppig gefüllt ist. Auch dies ist eine Spezialität Oaxacas. Rund um den Markt sitzen Frauen hinter vollen Körben der von Chili rot gefärbten Insekten, Stände bieten die Tiere in verschiedenen Größen an. Neugierig fischt Janosch eins der kleinen Insekten aus der Plastiktüte. Die Heuschrecke knirscht zwischen seinen Zähnen, das Urteil fällt pragmatisch aus:
„Etwas weniger Chili und etwas mehr Knoblauch wäre gut gewesen.“
Schließlich ringe auch ich mich zu einem Probeexemplar durch (immerhin haben Heuschrecken kein ausgebildetes Nervensystem) und muss ihm Recht geben - knusprig und scharf.
Um 12.00 checken wir aus und verbringen eine Weile auf dem schönen Platz vor der Kirche, lesen, knabbern Erdnüsse und ich jongliere ein wenig. Dann verbringen wir ein gutes Stück des Tages mit der Suche nach einer Unterkunft, was sich schwieriger gestaltet als gedacht.
Das autonome Zentrum, dessen Adresse eine compañera uns mitteilte, zusammen mit der Info, man könne dort wohl auch billig übernachten, ist schon überfüllt mit Gästen, ein anderes Hostel ist geschlossen und zeigt nur den rätselhaften Aushang „no hay lugar hasta el 7 am, no vacation“, ein drittes existiert wohl nicht mehr, alles andere scheint überteuer. So schleppen wir uns samt Gepäck von einem Eck des Zentrums ins andere und zurück, bis wir schließlich in der Nähe des Marktes fündig werden.
Ein dunkler, schmuddeliger Hoteleingang führt zur Rezeption, wo wir für ein kleines, zwar etwas muffiges, aber sauberes Doppelzimmer einen akzeptablen Preis aushandeln können.
Endlich wieder ohne Gewicht auf dem Rücken schlendern wir erneut durch die Straßen, bewundern die zahlreichen Kirchen und Sprayereien und lenken unsere Schritte schließlich zu einem kleinen Restaurant, wo wir frischen Orangensaft und Soya-Spinat-Burger zu uns nehmen.
Gegen Abend begeben wir uns zu einer Bar, gönnen uns etwas Bier und tanzen später zu der Live-Band, die einen schlechten Bob Marley - Cover - Remix, sowie andere Reggae und Ska - Stücke zum Besten gibt.


30.11.09

Wir frühstücken im Freien, auf sonnigen Stufen eines großen Platzes. Auf dem Markt erstanden wir gestern noch handgemachte Tortillas, Avocados und Tomaten. Zusammen mit Frijoles aus der Dose (welch Frevel mitten in Mexico) rollen wir uns daraus schmackhafte Tacos (Janosch spickt seinen noch mit den letzten Chili-Heuschrecken).
Den Tag über spazieren wir durch die Straßen der Stadt, bewundern die Mauern eines alten Äquadukts, Kathedralen, Plätze, Graffitties und die hiesigen Repressionsorgane in Gestalt von schwer bewaffneten Polizisten.
In der humanistischen Fakultät entdecken wir eine Ausstellung namens „Graffitty Oaxaca“, die Fotos von besonders künstlerischen und auffälligen, auch kritischen, Wandbildern zeigt.


01.12.09 Oaxaca Cd - San José del Pacífico

Über Nacht wurden auf dem Zocalo Hunderte von Weihnachtssternen gepflanzt. Die Einheimischen, Tourist_Innen und Bettler_Innen bewegen sich nun zwischen Inseln roter Pflanzen. In einigen Kaufhäusern und an Ständen erblicken wir Weihnachtsschmuck, Tannenbäume und Plastik - Weihnachtsmänner, die uns fehl am Platz erscheinen, während wir im T - Shirt durch die Straßen schlendern und uns die Sonne auf den Kopf brennt.

In einem kleinen Café nehmen wir „Soya im Stil von Rührei“ zu uns, Soyagranulat mit Tomaten und Zwiebeln angebraten, serviert mit Frijoles und Tortillas. Dazu gibt es frischen Fair-Trade-Kaffee - welch positive Abwechslung zum Instant - Nescafé, der hier meistens angeboten wird. Wir sind immer wieder erstaunt, was für vegane Leckereien wir ab und zu entdecken.
Um 12.00 verlassen wir unser Hotel und setzen uns auf dem Zócalo in den Schatten, lesen, beobachten die Menschen und ein Eichhörnchen das über ein Kabel von einem Baum zum anderen balanciert.
Ein Mann in Sandalen und verdreckter Kleidung setzt sich neben uns und atmet uns eine Alkoholfahne entgegen. Er lallt, bittet uns um Geld.
„Du bist doch schon betrunken“, erwidere ich.
Daraufhin erklärt er mir, dass er immer Mezcal (eine Art Tequila) mit Salz trinkt und sich deshalb nicht übergeben muss.
Ob wir ihm nicht eine Münze schenken könnten?
Ich weise ihn freundlich darauf hin, dass wir selber nur mit wenig Geld reisen und es uns daher auch nicht leisten könnten, uns zu betrinken.
Nein, nein, er wolle nichts mehr trinken. Aber dann faselt er doch wieder etwas von Bier und von Mezcal.
Erneut versichere ich ihm „du hattest doch auch Geld, um dich zu betrinken. Wir geben dir kein Geld, tut mir Leid.“
Ob er dann mein Buch bekommen könnte, er brächte es mir später wieder.
„Dann habe ich ja nichts mehr zu lesen…“
Das Gespräch dreht sich noch ein wenig im Kreis, bis er schließlich seinen Sitzplatz verlässt und von dannen torkelt.

Gegen 14.00 suchen wir das innerstädtische 2.Klasse - Terminal auf und besteigen einen alten, klapprigen Bus, der zur Küste fährt und uns auf dem Weg, in 2750 m Höhe in San José del Pacífico absetzen soll.
Wir verlassen die Stadt und kurven erneut durch trockene Hügel, zwischen einsamen Kakteen und dünnen, dürren Bäumchen hindurch. Am Horizont ziehen sich zerklüftete Berghänge entlang, die Sonne schiebt ihre Strahlen durch kräftige weiße Wolken. Wir passieren kleine Städtchen, oft nur ein paar Häuser, die sich an die Straße drängen. Im Laufe der Zeit senkt sich die Sonne der Erde entgegen, der Himmel färbt sich dunstig rot, der Vollmond hängt im mystischen Licht.
An einem kleinen Militärposten werden wir an den Rand gewunken. Ein junger Soldat betritt den Bus und schreitet durch die Reihen, begutachtet die Gepäckstücke, guckt hinter die Sitze. „Wohin wollt ihr?“ fragt er uns und wirft einen Blick in unser Handgepäck. Er nickt und zeigt auf unsere Rucksäcke, die über uns verstaut sind. „Pura ropa?“ (nur Kleidung), ich beeile mich, zuzustimmen.
Mit einem Buch über den Einfluss der EZLN auf die Situation der Frau in Chiapas, einem Gedichtband von Mao Tsetung, sowie einem Buch vom Subcomandante Marcos im Gepäck und einem Bergdorf, dessen Gegend bekannt ist für „Magic Mushrooms“, als genanntem Reiseziel, bin ich erleichtert, als der Soldat den Inhalt unseres Rucksacks nur flüchtig überblickt und keine weiteren Fragen stellt, sondern sich einer Tasche im vorderen Teil des Fahrzeugs zuwendet. Schließlich können wir unseren Weg fortsetzen.
Unser Bus schraubt sich in die Höhe, am Hang entlang, dem Mond entgegen. Nebel zieht auf, der Himmel wird schwarz. Die Sicht wird immer schlechter, der Bus immer schneller. Der Abhang ist kaum noch zu erkennen, ist gefüllt mit dicken Nebelschwaden, die Scheinwerfer scheinen die Luft kaum zu durchdringen.
„San José del Pacífico“, ruft der Fahrer schließlich nach hinten und lenkt den Bus an den Straßenrand. Wir wuchten die Rucksäcke von der Ablage und treten in die Nacht.
In einer Tienda fragen wir nach einer billigen Unterkunft. „Gleich da oben“, werden wir verwiesen, „ fragt nach Dona Augustina“.
So landen wir kurz darauf in einem kleinen Zimmer, in dem wir den Abend mit einem Corona, Erdbeeren und schlichten Tomaten-Zwiebel-Chili - Brötchen ausklingen lassen.


02.12.09

Morgens machen wir eine ausgedehnte Wanderung. Ich habe gelesen, hier in der Naehe sei ein Wasserfall, nach dem wir uns auf die Suche machen. Besagten Wasserfall finden wir zwar nicht, dafuer spazieren wir mehrere Stunden auf schattigen Wegen zwischen mossbehangenen Baeumen und Kiefern, treffen auf eine kleine Schafherde und exotische Kaefer. Bei unserem Ab- und Aufstieg begleitet uns dabei stetig eine sagenhafte Aussicht auf bewaldete Berghaenge vor knallig blauem Himmel, von Wolken umspielt...

Am Nachmittag besuche ich noch die sagenumwobene Doña Catalina, angeblich eine Schuelerin von der beruehmten Heilerin Doña Sabina, die sich an die Heilkraefte von magischen Pilzen zurueck erinnerte und nutzte.
Als ich den Garten von Doña Catalina betrete, bietet sich mir ein eher schraeges Bild: Um einem kleinen Holztisch sammeln sich mehrere Backpacker, einer von ihnen sitzt einer alten zusammengekruemmten Frau gegenueber, zwei lange graue Zoepfe fallen ueber ihren Ruecken, das Gesicht zieren Falten, in der linken Hand ruht ein vergessener Joint, laengst ausgegangen. Zwischen ihnen steht ein Schachbrett, auf dem die Frau - augenscheinlich Doña Catalina - mit fahrigen Bewegungen Figuren verschiebt. Die Regeln scheinen mit fortlaufendem Spiel mehr und mehr Catalinas Phantasie zu entspringen, denn sie tauscht undurchschaubar Figuren aus, ihr Mitspieler blickt verwirrt aufs Brett.
Meine Ankunft wird kaum registriert, schliesslich frage ich, ob ich mich dazu setzen kann, was allgemein bejaht wird.
So sitze ich eine Zeit lang neben der Meisterin auf der hoelzernen Bank und beobachte die Bewegungen der Schachfiguren. Die vereinzelten Gespraeche verlaufen zaeh, Joints werden rumgereicht, die Sonne zieht langsam ueber den Horizont. Als einer der Gaeste aufbricht, vollzieht Doña Catalina eine mystische Zeremonie, bewegt einen Stein vor seinem Koerper hin und her und drueckt ihn schliesslich dem Traveller in die Hand.
Irgendwann verabschiede ich mich wieder, ohne dass sich jemand nach dem Grund meines Kommens erkundigt haette, und schlendere wieder zu unserer eigenen Cabaña.


03.12.09

Nach dem Fruehstueck setzen wir uns samt Gepaeck an die Strasse und warten auf einen Bus Richtung Kueste. Bald darauf haelt ein Colectivo und nimmt uns mit. Langsam kurven wir die Berge wieder hinab, die Vegetation veraendert sich langsam - die Nadelbaeume werden rar, Palmen beginnen, die Strassen zu saeumen...
In Pochutla, an der Kueste steigen wir nochmals um, in ein Camioneta, bei dem man hinten auf der offenen Ladeflaeche Platz nimmt. Der bringt uns endgueltig an den lang ersehnten Strand.


06.12.09 San Augustinillo, Oaxaca

Am Morgen, wenn die Sonne noch nicht ganz so heiss vom Himmel brennt, joggen wir eine kleine Runde am Strand entlang, unsere Fuesse sinken sacht ein im warmen Sand, manchmal werden sie von den Wellen umspuelt. Die noch tief stehende Sonne laesst das Meer glitzern und den schwarzen Fels gleissen.
Wir werfen uns in die Wellen, Gischt spritzt uns ins Gesicht, wir lassen uns treiben und schaukeln.
Das Wasser tuermt sich auf, riesige Wellen rollen auf den Strand zu, ueberschlagen sich und treiben weiss-schaeumende Fontaenen vor sich her.
Wir erwischen den Wellenkamm, betrachten das Schauspiel der sich ueberrollenden Wassermassen von hinten - wie gestern, als die groessten Wellen halbe Regenboegen mit sich zogen, bis sie von der Brandung verschluckt wurden.
Wir fruehstuecken in einer der Strandbars, Guacamole und frisches Obst mit Koernermuesli, geniessen gemixte Fruchtsaefte, waehrend wir unseren Blick schweifen lassen - ueber Fussspuren im Sand, ueber die funkelnden Muster, die die Sonne bis zum Horizont malt, ueber den Tanz der Wellen, ueber Moewen und Pelikane, die ueber dem Wasser durch die Luft gleiten und ueber die schwaren Felsformationen, die aus dem Wasser ragen. Auf einem beherbergt ein von Zeit und Wind und Wasser gezeichnetes Steinhaeuschen einen Altar, in den Felsspalten verstecken sich unzaehlige kleine und groessere Krebse.
Palmen saeumen den Sandstrand und wiegen sich sacht im leichten Luftzug, das Rauschen der Brandung fuegt sich zu einer auf- und abklingenden Melodie, die Sonne waermt unsere nackten Fuesse...


11.12.09

Man wird traege hier am Strand... die Tagesablaeufe gleichen sich... wir liegen in hoelzernen Liegestuehlen im Schatten, lesen, geniessen frische Fruchtsaefte, hoeren dem Meeresrauschen zu, blinzeln in die Sonne, in die Wellen... abgewechselt nur von den wechselnden Buechern, die unsere lebendige Berliner Zimmervermieterin uns mit Begeisterung leiht - welche uns auch ab und zu frische Saefte zum Fruehstueck anbietet, uns immer wieder versichert "sowas wie euch gibts ja kaum noch, ich find das so toll was ihr macht", denn die meisten scheinbaren Freaks reisten inzwischen mit Geld, "goennen sich mal" ein Nobelhotel fuer 1700 Pesos die Nacht (zum Vergleich, wir zahlen hier 120); und die uns auch am letzten Abend zu Spaghetti Al Arrabiata, Bier und einem Dessert - Mezcal in das Restaurant einlaedt, das an die Posada angegliedert ist und sie mit ihrem Mann betreibt.
Abgewechselt nur dadurch, ob wir am Strand fruehstuecken oder an einem kleinen Tisch auf der Terrasse unserer Unterkunft,
von wo aus wir abends den atemberaubenden Sonnenuntergang verfolgen - am Strand, wo sich der Himmel hinter zerkluefteten Felsen verfaerbt oder ob sie glutrot vor schwarzen Silhouetten der Palmblaetter versinkt.
Abgewechselt nur vom Beobachten der behaenden Krebse in den Felsspalten, vom Bauem einer autonomen Sandburg, inklusive antifaschistischem Schutzwall, und von einer spektakulaeren Rettungsaktion:

Denn einmal, wir hatten uns mal wieder zum Joggen aufgerafft und wollten uns anschliessend nur kurz im Meer abkuehlen, geraten wir in den Sog der Wellen. Wir schwimmen nahe der Felsen, das Wasser zieht uns aufs Meer.
Wir sind bisher immer hier geschwommen, jedes Mal trugen uns grosse Wellen wieder so weit in Ufernaehe bis unsere Zehen wieder den Grund spuerten.
Diesmal jedoch bleiben die grossen Wellen aus, unsere Armschlaege scheinen wirkungslos, kaum haben wir uns ein Stueck Richtung Kueste gekaempft, treiben wir mit dem Sog wieder zurueck. Gegen die Kraft des Meeres sind die Ruderbewegungen unserer Arme ohne Nutzen. Leise Besorgnis keimt auf...
doch bevor sie wachsen und zur Panik reifen kann, kommt Bewegung in den zuvor fast menschenleeren Strand. Zwei Maenner klettern flink auf den Klippen in unsere Naehe, werfen uns zwei leere Kanister zu, an denen wir uns festklammern sollen; gleichzeitig hechten zwei andere mit Flossen in die Fluten und paddeln uns entgegen.
Bei mir angekommen, legt mein Rettermir ein Schaumstoffpolster um die Huefte, eine Schlinge, in der ich nun hinter ihm her gezogen werde, waehrend er sich in raschen Schwimmzuegen von den Felsen wegbewegt. Er scheint hektischer als ich - "toma aire, toma aire" (Hol Luft, hol Luft!) raet er mir mit gehetzter Stimme bei jeder groesseren Welle, bevor die weisse Schaumkrone uber uns einschlaegt und uns ueberrollt.
Die Sogwirkung laesst nach, je mehr wir uns von den Klippen entfernen und so schieben uns die Wellen selbst dem Strand entgegen, bis wir wieder auf dem nassen Sand stehen und mein Retter mich entlaesst.
"Muchisimas gracias", bedanke ich mich etwas beschsaemt ob des Aufhebens und denke insgeheim, dass wir es wohl auch allein noch geschafft haetten, bin aber trotz allem froh, dass die Salvavidas (Lebensretter) hier offensichtlich immer in der Naehe sind und schnell reagieren.
Ein Surfer steht am Strand, blickt mir kritisch entgegen.
"Ihr wart doch schon oefter da schwimmen, ihr muesst doch die Stroemung bemerkt haben!", blafft er mich an.
"Si, pero siempre pude salir sin problemas..." (Ja, aber ich konnte bisher immer ohne Probleme wieder rauskommen), versuche ich mich zu rechtfertigen.
"Nirgends, an keinem Strand der Welt, kann man in der Naehe der Felsen schwimmen, nirgends!", erklaert er mir daraufhin streng.
...jetzt wissen wir's... (Haetten wir nur mal unseren Reisefuehrer aufmerksamer gelesen: "Auch schwimmen kann man hier (in San Augustinillo) wunderbar - Sicherheitsabstand zu den Felsen einhalten!")
Spaeter berichtet uns Tina, das hier tatsaechlich schon einige Leute ertrunken sind. Wir goennen uns daraufhin erstmal ein ausgiebiges Fruehstueck, zu dem Tina einen frischen Marakuja-Saft sponsert und abends gibt sie uns zur Feier des Tages ein Glas Mezcal aus, mit dem wir auf unser gerettetes Leben anstossen!

Heute Abend spazieren wir zur "Punta Cometa", dem angeblich westlichsten Punkt Oaxacas, an dem sich das Meer zu allen Seiten unendlich ausdehnen zu scheint und die Sonne als feuriger Glutball am Horizont versinkt und das Wasser in fluessiges Gold verwandelt, waehrend Kakteen als skurrile schwarze Silhouetten den feurigen Himmel kontrastieren...


13.12.09 - 16.12.09 Zipolite, Oaxaca

Schliesslich zieht es uns weiter - allerdings vorerst nur 4 km ins etwas groessere Zipolite.
Zipolite ist weniger ein mexikanisches Dorf als eine westliche Enklave. Mexikaner_Innen finden sich hier leider hoechstens als Supermarktverkaeufer_Innen oder Angestellte in den unzaehligen Hostels und Bars. Stattdessen tummeln sich hier Traveller_Innen, Aussteiger_Innen und Drogentouris aus aller Welt, sowie braungebrannte US-amerikanische Paerchen auf Mexiko-Trip.
So wird uns von einer Punkerin auf Englisch ein Hotel direkt am Strand empfohlen, dessen US-amerikanischer Besitzer Daniel trotz seinen 12 Jahren in Mexiko kaum ein Wort Spanisch spricht, uns aber sofort einen Willkommens-Joint anbietet. Als wir in den Haengematten des Hotels liegen, die eine breite Aussicht auf den lebendigen Strand bieten, spricht uns ein Mann neben uns an und fragt nach der Dauer unseres Aufenthalts.
"Ein paar Tage", erklaeren wir, woraufhin er lacht und meint: "Ja, ich habe auch immer vor, fuer ein paar Tage herzukommen. Und dann bleibe ich ein paar Monate."

Spaeter machen wir einen Spaziergang ueber den langgezogenen, blendend weissen Sandstrand, auf dem in regelmaessigen Abstaenden gruene, gelbe oder rote Fahnen wehen, um die Gefaehrlichkeit der Wellen an dieser Stelle anzuzeigen. Einer der allgegenwaertigen Verkaeufer kommt uns entgegen - nur preist er hier nicht Schmuck oder Haengematten an, sondern "Marihuana, Kokain?".

Wir passen uns dem Publikum in Zipolite an, verbringen die Tage in den Haengematten, blicken auf die Wellen, die in der Sonne glitzern, unterhalten uns und lesen bei Bier und Erdnuessen oder Keksen. Daniel streift mit nacktem Oberkoerper und weissen Haaren auf der Brust durch die Gegend, verschenkt seine selbstgebackenen Hasch-Cookies und erzaehlt mit funkelnden Augen vom Grad seines High-Seins am gestrigen Tag.

Auf Janoschs Draengen hin machen wir auch eine "Waltour". Mit einer kleinen Gruppe Tourist_Innen folgen wir dem hektisch und laut redenden Veranstalter, der stets bemueht ist, einen davon zu ueberzeugen, es sich ja nicht noch einmal anders zu ueberlegen und lassen uns von ihm in ein Taxi lotsen, dass uns in einen nahe gelegenen Ort bringt. VOn dort geht es in einem kleinen Motorboot aufs Meer hinaus, wo wir Wasserschildkroeten beobachten koennen, die ihren Kopf aus dem Wasser strecken. Delfine springen zu zweit oder dritt aus den Wellen.
In einer Bucht machen wir eine Pause zum Schnorcheln. Bunte, gleissende Fische tummeln sich zwischen den Korallen. Kleine, grosse, gestreifte, gefleckte, bunte, einfarbige, in kraeftigen Farben und glitzernden, leuchtenden Regenbogentoenen. Wir folgen ein Stueck weit einem laenglichen, Muraenen-ahnlichen Tier, bewundern Algen, Wasserpflanzen und lebendige Fischschwaerme.
An einem kleinen Strand legen wir ein weiteres Mal an, malerische Palmen ragen in den blauen Himmel, bis wir schliesslich den Rueckweg antreten, auf dem wir tatsaechlich noch die versprochenen Wale erblicken. Geruhsam gleiten zwei riesige schwarz-glaenzende Leiber durchs Wasser, beschreiben einen Bogen ueber die Wellen bis die gigantische Schwanzflosse wieder unter Wasser verschwindet...


16.12.09 - 21.12.09 Ueber Juchitán und Tonalá zur Boca del cielo, Chiapas

Nach einer weiteren Nacht in Juchitán aufgrund unguenstiger Busverbindungen, kommen wir am 17.12. an der Boca del Cielo (Mund des Himmels) an. Einer sehr schmalen, langgezogenen Insel, auf der sich kleine hoelzerne Cabañas und typische Restaurants aneinanderreihen und mit Palmengrueppchen abwechseln.
Unsere Cabaña ist mit Palmblaettern gedeckt. Wir verbringen die Tage am Strand, huepfen in die Wellen, lesen, schluerfen frische Kokosmilch aus noch gruenen Kokosnuessen, die mit einer Machete aufgeschlagen wurden, beobachten die Pelikanschwaerme, die knapp ueber den rollenden Wellen fliegen und blinzeln in die Sonne. Die Insel ist beinahe menschenleer, man fuehlt sich gestrandet im Paradies...
Die Besitzerin unserer Cabaña bereitet uns am Abend leckeres, einfaches Essen zu - Reis mit Bohnen und Tortillas - und berechnet uns kaum etwas dafuer.
So plaetschern die Tage so dahin...
31.1.10 21:21


06.11.09 – Lagos de Montebellos

Ich schließe mich der spontanen Idee von einigen Leuten an, zu den Lagos de Montebello an der guatemaltekischen Grenze zu fahren. Mit dem Colectivo nach Comitán und einem weiteren Richtung Seen gelangen wir bis zum Eingang des Naturschutzgebiets. Hier lässt der Fahrer uns aussteigen, da er in eine andere Richtung weiterfährt. Ein Mann kommt aus einem Kassenhäuschen gestürzt, grüne Plastik-Armbänder in der Hand - „Ihr müsst hier 22 Pesos Eintritt zahlen!“
Unser Chofer hatte das zuvor verneint, was wir dem Mann auch weitergeben, der lässt aber nicht locker. Widerstrebend blättern wir also das gewünschte Geld hin. Ar. streckt ihm einen 200-Peso-Schein entgegen. Nach langem Hin und Her stellt sich heraus, dass der Mann kein Wechselgeld hat und er lässt Ar. schließlich umsonst weitergehen.
Kein Wunder, denn wir erfahren später, dass wir tatsächlich nicht hätten bezahlen müssen. Wir wollen nämlich in einen anderen Teil des Gebiets, wo wir nur an die entsprechende Gemeinde 10 Pesos abdrücken müssen, nicht aber an diese Regierungsstelle hier.
Mit einem weiteren Colectivo, das wir nach kurzem Laufen an der Asphaltstraße anhalten, kommen wir schließlich in Ciskao (?) an. An der Ecke steht ein heruntergekommenes, ärmliches Restaurant, das aber groß mit „vegetarian food“ wirbt. Wir schlendern in Richtung See und fragen schließlich an einer Tienda nach cabanas. Die Besitzerin zeigt uns ein kleines zweistöckiges Holzhäuschen, das uns auf Anhieb gefällt. Trotzdem wollen wir uns noch das zweite anschauen, das näher am See stehen soll.
Als wir uns über eine pfützenreiche Wiese nähern, trauen wir unseren Augen nicht. Direkt am See steht ein großes zweistöckiges Haus mit kleiner überdachter Veranda, dunkelblau angestrichen, ein großes Fenster mit gelben Rahmen lockt im zweiten Stock. Das soll unsere cabana für 50 Pesos pro Person sein?
…oder ist es doch eher die kleine graue Wellblechhütte nebenan?
Doch – oh Wunder – der Schlüssel passt ins Schloss der luxuriösen Unterkunft und wir sind kurz davor, Luftsprünge zu machen. Der Himmel ist zwar bewölkt, doch wir lassen uns unsere Urlaubsstimmung nicht nehmen. A. und B. jonglieren neben dem Haus auf der Wiese, P. geht mit Schwimmflossen und Taucherbrille ausgerüstet im See schwimmen, wir unterhalten uns und picknicken schließlich Brot mit Frijoles refritos aus der Dose, Avocado, Tomate und Zwiebel, alles aufgeschnitten in einer leeren Kuchenform postiert. Aus mp3-Player und kleinen Boxen schallt Reggae. Wir blicken über den See vor unserer Haustür. Abends schlendern wir zu einem kleinen Restaurant, die anderen essen nochmals (Rührei, Frijoles und leckere selbst gemachte Maistortillas), ich habe noch nicht wieder Hunger und trinke einen Kaffee. Anschließend machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich, trinken Bier, Aguardiente de cana (Zuckerrohrschnaps) und Tequila, und rauchen gemeinsam eine echt cubanische Zigarre, die A. dort von einem campesino erstanden hat, der sie selbst gedreht hat.

07.11.09
A. und B. liegen in der spärlichen Sonne und lesen. Schließlich bequemen wir uns zum schon erwähnten „vegetarischen“ Restaurant und bekommen nach endlos langer Wartezeit unser Essen – für mich Quesadillas de champinones y flor de calabaza sin queso mit arroz und frijoles (Tortillas mit Champignons und Kürbisblüte gefüllt und zusammengeklappt, mit Reis und Bohnen), außerdem frische limonada. Anschließend laufen wir zum Lago Internacional. An einem anderen See entlang, der sich weit zwischen Kiefernwald erstreckt, verschiedenste Blautöne gehen ineinander über, spazieren wir zu besagtem Lago, in dem die Grenze zu Guatemala verläuft. Ein Stahlseil mit roten Kugeln ist über den See gespannt und markiert die Grenze. Wie deutlich das die Willkür, die Oberflächlichkeit von Grenzen macht. Mitten durch die Landschaft gezogen soll plötzlich ein Stück Papier darüber entscheiden, ob man einen Schritt weiter gehen darf oder nicht.
Ein blaues Schild erklärt das Ende der Vereinigten Staaten von Mexico. Obwohl wir alle keinen Pass dabei haben, übertreten wir die Grenzlinie (ein Kontrollposten ist hier noch nirgends zu sehen). Stände mit Artesanía reihen sich aneinander, Taschen, Schals, Pullover mit dem Schriftzug „Guatemala“. Ein kleiner Junge schießt mit einer Steinschleuder in die Bäume. Wir umrunden den kleinen See, illegal und ohne Papiere in Guatemala, und reisen auf der anderen Seite wieder nach Mexiko ein. Über kleine Feldwege und durch tiefen Schlamm und Pfützen spazieren wir zu unserer Hütte zurück. A. sammelt Guayabas, die wir zusammen mit mitgebrachten Bananen zurück auf der Terrasse verzehren.
Schließlich brechen wir auf. A. und M. bleiben noch, wir anderen schleppen unsere Rucksäcke zurück zur Kreuzung, an der Colectivos vorbeifahren sollen. Zwei Militärfahrzeuge sind dort geparkt, Soldaten stehen auf beiden Seiten der Straße. Es regnet. Wir stellen uns in einem kleinen Restaurant unter. Im Fernsehen läuft Titanic, zwei Militärs gucken den Film – und stehen dabei stramm. Schließlich hält ein Colectivo und wir treten den Rückweg nach San Cristobal an.
Dort angekommen, sammeln wir Janosch in unserer Unterkunft ein, gehen gemeinsam essen und klappern dann die Bars ab, um Ar's Abschied zu feiern. Im Katrinas trinken wir ein Bier, dann wechseln wir in Las Velas, wo eine Live - Band Reggae und Ska spielt (u.a. Manu Chao - Cover) und wir anschließend Salsa und Cumbia tanzen. Letztendlich begeben wir uns ins Madre Tierra, wo eine Rockband spielt (die mit der Wrestlingmaske) und danach ebenfalls Salsa etc und schließlich Elektro aufgelegt wird. Während wir noch tanzen, geht die Sonne auf. Um 7 Uhr morgens spazieren wir durch San Cristobals leere Straßen zurück nach Hause…


Huitepec

Die nächste Gemeinde, in die das Menschenrechtszentrum Frayba uns schickt, heißt „Huitepec“ und liegt ganz in der Nähe von San Cristóbal auf einem Berg, dessen Spitze von Antennen geziert ist. Die Junta de buen gobierno (Rat der guten Regierung) teilt uns mit, dass sie uns nur eine Woche dorthin schicken möchte, da es sehr kalt und regnerisch sei.
„Aber wir sind schon darauf vorbereitet..“, wende ich ein, doch die Entscheidung ist gefallen.
Zurück in San Cristóbal, wo wir unser Gepäck gelassen haben und jetzt abholen, stoßen wir auf das nächste Problem. Der Taxifahrer lenkt in einen kleinen Feldweg, beim steilen Anstieg heult der Motor auf. Nach mehreren Anläufen erklärt der Fahrer, er komme hier nicht weiter. So versuchen wir es wohl oder übel mit Laufen. Mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken und Extra-Taschen mit Essen in den Händen, stapfen wir also den Weg entlang, Schritt um Schritt in die Höhe. Wenn wir irgendwo einen Menschen zwischen den Bäumen oder bei einem Haus entdecken, fragen wir nach – die Informationen sind allerdings vage und scheinen nicht immer überein zu stimmen. Wir lassen uns also nach hierhin und dorthin verweisen, schleppen uns steile Straßen hinauf, durch den Schatten der Bäume, aber auch über freie Stücke am Berghang entlang, die in der prallen Sonne liegen.
Aufgrund dem Umweg über das Caracol der Junta, sind wir erst am Nachmittag losgekommen und langsam beginnt der Himmel, sich zu verdunkeln und wir, zu verzweifeln. Wir fragen nochmals einen Mann, der uns die vernichtende Auskunft gibt: „Ohje, da seid ihr ganz auf der falschen Seite, dahin zu laufen schafft ihr nicht mehr, bevor es dunkel ist…“
Somit treffen wir, auf den Taxifahrer fluchend, die Entscheidung, wieder nach San Cristóbal zurückzukehren und Huitepec auf morgen zu verschieben.

12.11.09

Nachdem wir gestern frustriert aufgegeben haben, starten wir heute einen neuen Anlauf. Der Taxista scheint diesmal wenigstens etwas besser Bescheid zu wissen. Trotzdem steigen wir wieder viel zu früh aus. Beladen mit Gepäck stapfen wir die Straße entlang, den Berg hinauf Richtung Antennen. Zwischendurch zweifeln wir, ob wir nicht ein Schild übersehen haben. Ich frage eine Frau nach dem „Campamento Civil Por La Paz“ (ziviles Camp für den Frieden), sie weist weiter bergauf. Wir trotten also weiter durch sonnen beschienene Felder und Wald, machen schließlich eine Pause am Straßenrand. Ein Auto kommt aus einem Feldweg, der Fahrer fragt: „Wo wollt ihr hin?“
„Buscamos el campamento civil…“ (Wir suchen das zivile Camp)
Er erklärt, er sei von oben und bringe uns rauf; will nur noch die Autorisation der Junta sehen, dann wird das Gepäck eingeladen, wir quetschen uns neben ihn in die Fahrerkabine und er fährt uns zu dem kleinen Bretterverschlag aus Holz und Plastikfolie, dessen schiefe schmale Tür mit aufgemalten Sternen versehen ist. Innen ist sie mit Pappe ausgekleidet, auf denen ehemalige Campamentistas Grüße, Zeichnungen und Tipps gegen die Kälte hinterlassen haben – u.a. einen vermummten Flo mit dem Text „Las pulgas también estamos en resistencia“ – Wir Flöhe sind auch im Widerstand!
Es gibt mehrere Holzpritschen, eine große Gasflasche mit der vier Kochplatten beheizt werden können und eine Glühbirne, die karg von der Decke baumelt. Der Boden ist die pure Erde.
Ein Stück weiter oben ist eine kleine Lichtung, von der Sonne beschienen. Verschiedene Wiesenblumen wachsen und blühen hier. Der Wind peitscht die Wolken über den blauen Himmel.

Vom Responsable (Verantwortlichen – also für uns) erfahre ich, dass es hier 10 zapatistische Familien gibt und 55 Priista – Familien (Priistas werden alle genannt, die tendenziell Regierungs-freundlich sind). Konflikte gebe es derzeit nicht, tranquilo (ruhig). Er bittet uns allerdings, uns nur von unserem Campamento zu dem der Zapatistas im Turno, zu seinem Haus an der „Lichtung“ oder zur Tienda ein Stück bergab zu bewegen. Auch sollen wir uns nicht an den Straßenrand setzen. Andernfalls würden die Priistas sich gestört fühlen und die Zapatistas könnten Probleme bekommen.
Er fährt mit uns zum Campamento der Zapatistas. Als wir ankommen, ziehen alle ihre Pasamontanas oder ihr Halstuch übers Gesicht, aber als wir als „compas“ vorgestellt werden, entspannen sie sich wieder. In der Gruppe (ca. 20 Leute) befindet sich eine Minderheit von 6 Frauen, die kaum Spanisch zu sprechen scheinen.
Wir begleiten einige Männer zum Feuerholz holen, klettern und stolpern einen schlammigen Weg durch den Wald, einen Abhang hinunter. Urwald, Moos bewachsene Baumstämme, verwilderte Pflanzen…
Nur die Bäume, die bereits umgefallen sind, werden zu Feuerholz verarbeitet.
Unser responsable bedient eine Kettensäge, die röhrend aufheult – ein sehr martialisches Bild. Die somit entstandenen Baumstammfragmente werden mit 2 Äxten bearbeitet und schließlich einzeln oder in Stapeln mit Stirntragegurten den Hang hinauf geschleppt.

Wieder am Campamento unterhalte ich mich mit einem der Compas. Ich erfahre, das sie alle aus dem gleichen pueblo (Dorf) stammen, dass jeden Dienstag die Gruppe wechselt und jede Gruppe etwa zweimal im Jahr drankommt.
Die Leute werden von ihrem Pueblo für das cargo (Amt) gewählt; während sie hier sind, helfen sie zurückgebliebenen Familien ihnen mit ihren milpas (Feldern).
Auch er hofft, dass 2010 (wenn sich die Unabhängigkeit zum zweihundertsten, die mexikanische Revolution zum hundertsten Mal jährt) etwas passieren wird und glaubt, dass verschiedene Organisationen, Arbeiter_Innen und Zapatistas sich zu einer großen Bewegung zusammenschließen werden, denn – so gibt er zu – wenn sie so eine kleine Gruppe bleiben, haben sie keine Chance gegen die Regierung, die sich schließlich vorbereitet, Chiapas weiter militarisiert und Führungspersönlichkeiten der sozialen Bewegung einsperrt.
Die große Demo nach der Schließung des E-Werks in D.F. ist für ihn ein Zeichen, dass sie nicht allein sind – damals gingen 300.000 Menschen auf die Straße um gegen die Entlassung von 44.000 Arbeitnehmer_Innen, die Mitglieder bei der Gewerkschaft Sindicato Mexicano de Electricistas (SME) waren, zu protestieren.
Und Calderón hat wohl vor, ein weiteres großes Werk zu schließen, auch die Arbeiter_Innen, die damit arbeitslos werden, werden sich gegen die Regierung stellen, so mutmaßt der Zapatist.
Er fragt nach Konflikten und Protesten in Deutschland und erklärt, der Kampf dürfe nicht nur in Mexiko geführt werden, sondern auf der ganzen Welt müsse etwas passieren.

Wir sitzen am Feuer, mit den Frauen kann ich nur ab und zu verständige Blicke tauschen, wenn der Rauch, der wegen nassen Holzes üppig ist (Gedanke: Besteht ein sprachgeschichtlicher Zusammenhang zwischen húmedo (feucht) und humo (Rauch)?), uns ins Gesicht schlägt und in den Augen beißt.
Der Himmel zieht zu, die Wolken drücken tief, es wird kälter. Wir trinken noch Kaffee aus großen bunten Plastikschüsseln. Er tut gut, ist süß und wärmt von innen. Dann verabschieden wir uns – „hasta manana“. (Bis morgen!)
Wir machen uns ein eigenes Feuerchen vor unserem Campamento, trocknen das nasse Feuerholz auf einem Eisengitter über den Flammen. Nach und nach avanciert unser Feuer zum Treffpunkt. Immer mehr Zapatistas sammeln sich um uns und unterhalten sich über uns hinweg auf Tseltal, der am weitest verbreiteten indigenen Sprache in Chiapas.
Es wird früh dunkel. Auf unserem Gasherd kochen wir uns eine Kartoffel-Zucchini-Zwiebel-Pfanne zum Abendessen, packen uns warm ein in mehrere Klamottenschichten und klettern in unsere Hängematten.

14.11.09

Mir gefällt es hier. Die eisige Kälte, die nachts in meine Zehen kriecht, ist noch nicht ganz wieder gewichen, das Feuer will nicht recht angehen, meine Hände sind trocken, zerfurcht, rissig und verrußt, aber – mir gefällt es hier!
Ich mag es, wie die Sonne sich morgens Stück für Stück über den Hang schiebt, ich mag es, meine klammen Finger über glühenden Holzscheiten zu wärmen und ich mag die Geräusche der Vögel und Kinderrufe, die von irgendwoher durch die grauenhafte, schnulzige Radiomusik dringen, die 24h / 7T aus einem der Häuser erklingt und uns beschallt.
Ich mag es, wie gestern Abend, einen Topf mit Frijoles auf dem Feuer zu haben, Folienkartoffeln in der Glut und die Sterne zu zählen, die im finsteren Nachthimmel auftauchen oder in die züngelnden Flammen zu starren.
Ich mag es, mittags oberhalb unseres Campamentos in der prallen Sonne zu sitzen, zu lesen oder nur die Wärme auf und unter der Haut zu genießen.
Vor allem aber mag ich den engen Kontakt, den man hier zu den Compas gewinnt!

Um 9:00 begeben wir uns zu ihrer Hütte. Dann brechen wir zu einem ca. 4-stündigen (inklusive einiger Pausen) Marsch auf, der uns durch den Wald führt, bergab, bergauf über schlammige Wege, durch Äste und Gebüsch kämpfend, auf einen benachbarten Berg mit umwerfender Aussicht auf San Cristóbal, bis hoch zu den Antennen. Beim letzten Stück spüre ich jeden Atemzug und jeden Schritt.
Zwischendurch ziehen plötzlich alle Compas ihre Pasamontanas (Sturmmasken) übers Gesicht – ein Mann ist zu Sehen, der hier Land besitzt.
Die Reserva ecologica (Ökologisches Reservat) Huitepec wurde einstmals von den Zapatistas besetzt, jetzt achten sie darauf, dass die Natur unberührt bleibt.
Es kommt wohl öfter vor, das Leute ins Gebiet eindringen und Bäume fällen – wenn sie jemanden erwischen, nehmen sie ihn mit, damit die Junta in Oventik entscheiden kann, was mit ihm geschehen soll.

„Porqué las mujeres no vinieron con nosotros?“, frage ich einen, „Warum sind die Frauen nicht mit uns gekommen?“
Sie seien dageblieben, um die guardia (Wache) zu übernehmen, erklärt er.
„Aber an einem anderen Tag kommen sie mit uns?“, bohre ich weiter.
„Tal vez… a ver sie les da la gana…“ (Vielleicht, mal schauen, ob sie Lust haben)
Das klingt für mich eher nach „nunca“ (nie), als wir jedoch am Nachmittag nochmals die Compas besuchen gehen, wird den Frauen mein Vorschlag angetragen. Sie schauen herüber, kichern und – laut seiner Übersetzung – „akzeptieren“. Hm. Hoffentlich wird es ihnen jetzt nicht aufgezwungen…

Ich rede mit einem der Compas über deren Kaffee-Kooperativen, die mit „Café Libertad“ auch nach Deutschland exportieren. Über 600 Mitglieder hat wohl allein eine von drei existierenden.
Als wir gehen wollen – die Sonne geht langsam unter, es kühlt ab und wir wollen Feuer machen – bietet man uns noch einen Kaffee an. „Bueno, un cafecito…“, stimmen wir zu.
Und prompt werden die Frauen heran gerufen, sie sollen uns einen Kaffee servieren. Trotzdem merkt man hier einen Unterschied beispielsweise zur Situation der Frau in Acteal. Hier haben auch die Frauen Freizeit, auch die Männer kochen mal Kaffee und holen sich selbst ihre Tostadas (feuergetrocknete Tortillas) (die sie uns ebenfalls anbieten), auch die Frauen übernehmen offensichtlich cargos und schieben Wache. Das erscheint mir schon als großer Fortschritt und ich habe den Eindruck, dass es sich in der Praxis niederschlägt, dass die Zapatistas zumindest anerkennen und thematisieren: „Ja, die Situation der Frauen ist ein Problem“ und „Ja, wir wollen und müssen daran arbeiten!“

17.11.09

Morgen fahren wir schon wieder zurück nach San Cristóbal… die Zeit geht schnell vorbei hier, mit lesen, Feuer machen, Tseltal – lernen mit den Compas (in einem großen Kreis stehen sie um mich herum, ich werfe ein neues Wort in den Raum, vielstimmig kommt die Übersetzung in Tseltal, manchmal gibt es kurze Diskussion oder Rückfragen wie bei „Adios“ – „Adios, sobrino o adios, hermano o…?“ (Tschüss, Neffe oder Tschüss, Bruder oder…)– und dann erklären sie mir, ihre Sprache sei einfach zu lernen) oder ich soll ihnen deutsche Worte in ein kleines Büchlein notieren – „Frijoles“(Bohnen), „manzana“(Apfel), aber auch „Te voy a pegar“ (Ich werde dich schlagen), „me amenaza de muerte“ (Er bedroht mich mit dem Tod), „estoy perseguido“ (Ich werde verfolgt) und „me quieren matar“ (Sie wollen mich töten). Manchmal bricht es hervor, dass die Situation nicht so friedlich ist, wie sie bei Murmelspiel im Sonnenschein oft erscheint…
So auch gestern, als wir um 9:00 Uhr antraben für die caminada (Spaziergang) und uns die Compas in der Guardia von den neuesten noticias berichten: Im Municipio Chenaló (wo u.a. Polhó und Acteal liegen) sind 130 camiones del ejercito (Armeelaster) ausgeschwärmt, um nach „Drogen und Waffen“ zu suchen. Die übliche offizielle Erklärung bei Offensiven gegen die Pueblos en resistencia (Dörfer im Widerstand).
Die Situation ist angespannt, das Radio läuft, genauere Informationen haben wir nicht, auch keine Nachrichten aus den zapatistischen Gemeinden.
Das Problem ist, erklärt mir ein Compa, dass die bases de apoyo (zivile Unterstützungsbasen der EZLN) den Strom nicht bezahlen (logisch – kein Geld für die Regierung). Das nutzt das mal gobierno (die schlechte Regierung) aus und verlangt Unterschriften von den autoridades aller municipios, ungehindert in jede comunidad eindringen zu dürfen, um sie „vom Strom abzuschneiden oder Entwaffnungen durchzuführen“.
„Die Regierung bereitet sich auf 2010 vor“, sage ich und der Compa nickt „Así es“. (So ist es)
„Ojala, que todo salga bien“, füge ich hinzu. (Hoffentlich geht alles gut aus)
„Ja, wir können auch nur abwarten, was passiert. Wir wissen auch nichts…“
Ob in dieser schwierigen Situation nicht viele aufgeben und die Zapatistas verlassen, will ich wissen.
„Pocos… algunos sí, pero la mayoria si queda con animo, queda en resistencia.“
(Wenige… manche schon, aber die Mehrzahl behält den Mut und bleibt im Widerstand)

Abends zeigen sie mir ein fleckiges Liederbuch der Diozöse von San Cristóbal. Die Lieder beziehen sich fast alle auf den Freiheitskampf, besingen, dass Einheit Stärke bedeutet, den Kampf der Armen zur Gerechtigkeit, verkünden, man müsse sich organisieren und erklären „la iglesia es tu companera“ (Die Kirche ist deine Genossin).
Auf die vorherige Frage, ob wir religiös seien, antwortete ich ausweichend „no tanto“ (nicht so sehr).
Nach dem Durchblättern des Liederbuchs erkläre ich, dass die Religion in Deutschland ganz anders sei, Freiheitskämpfe im Diesseits nicht befürworte, sondern im Gegenteil propagiere, man müsse aushalten und leiden und im Himmel würde dann schon alles gut…und das mir das überhaupt nicht gefalle. Ein Compa übersetzt den anderen in Tseltal. Sie nicken.
Und es stimmt schon. Auch die Befreiungstheologie ist zwar „Opium fürs Volk“, auch sie behält Hierarchien bei, klammert die Befreiung der Frau fast vollständig aus, aber sie lässt sich doch bei weitem besser akzeptieren, als was sonst so an Religion kreucht und fleucht.

Sie bewirten uns (die Frauen…) mit einer süßen Kürbissuppe, anschließend bedanken wir uns – „kolaval“ – und verabschieden uns bis morgen – „pajel tome“. Die wenigen Worte Tseltal, die ich schon gelernt habe zaubern ihnen ein Lächeln ins Gesicht.

Vorm Campamento entzünden wir ein Feuer, lesen, gehen früh ins Bett. Wir sind cansados (müde nach Anstrengung) von dem kurzen, aber heftigen Lauf, den wir vormittags doch noch hinter uns brachten. In zügigen Schritten den Berg hinab zur Wasserstelle, dort waschen sich die Compas (auch 3 Frauen sind diesmal dabei), dann geht es fast ebenso zügig, ohne Pause, geradewegs steil den Berg wieder hinauf. Wir haben nicht mal gefrühstückt, meine Nase brennt vom raschen Atmen, das Blut pocht in meinem Kopf, meine Beine scheinen jeden Moment zu versagen, ich habe Angst, in Ohnmacht zu fallen…
…und endlich, endlich erreichen wir den sonnigen Platz auf dem Gipfel, wo das Feuerholz der Compas zu hohen Türmen gestapelt ist.
Zivilisation degeneriert!

Heute wechselt der Turno. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um jeder_m unserer Compas kurz die Hand zu schütteln, dann sind sie auch schon abgefahren und „die Neuen“ stehen noch etwas verloren am Straßenrand, rund 25 Leute, davon 3 Frauen.

Gegen 10:00 Uhr stapfe ich wieder zum Campamento der Zapatistas, meine Begrüßungsfloskeln werden karg erwidert, es scheint als könnten nur wenige Spanisch. Wenig später ziehen wir wieder los durch den Wald, geführt von zwei Compas hier vor Ort, einer von ihnen trägt ein Radio mit sich, das während der caminada und besonders in den Pausen fröhlich vor sich hindudelt. Es ist ein zapatistischer Sende, Radio Rebelde oder Radio Resistencia, der die gleiche grausige Musik spielt wie alle anderen Sender, wo allerdings statt „Viva Mexico“, „Viva los zapatistas“ erklingt und der Text lautet „La lucha de mi pueblo nunca esta perdida, la paciencia de mi pueblo nunca se acaba – pero se acaba el mal gobierno, y los mas poderosos se acaban y los que nos roban tambien se acaban..“
(Der Kampf meines Volkes ist nie verloren, die Geduld meines Volkes geht nie zu Ende – aber die schlechte Regierung geht zu Ende und die Mächtigsten gehen zu Ende und die die uns bestehlen, gehen auch zu Ende)

Wir laufen Wege, die ich bisher noch nicht kenne. An einer kleinen Lichtung machen wir Pause. Ein kleiner Hund begleitet uns, der Compa nennt ihn scherzhaft „Tigre de las montanas“ (Tiger der Berge). Die Sonne strahlt durch das Blätterdach und malt Schattenmuster auf die Erde.
Wir kommen an einer Quelle vorbei, über der zum Dank ein kleines Gotteshaus errichtet wurde. Eine der Leitungen führt von hier zu einer Coca Cola – Fabrik, informiert man mich.
Wir begeben uns bis zum untersten Ende der Reserva, kommen an von Priistas abgeholzten Bäumen vorbei. Am untersten Punkt stehend, weist der Compa in die Ferne, auf den Gipfel eines Berges – „dort ist das Campamento, das laufen wir jetzt alles wieder hoch“, meint er mit einem breiten Lächeln.
Und das machen wir. Über rutschiges Laub und knochentrockenen Erdboden schlängeln wir uns durch das Waldgebiet, bis wir die Spitze erreichen…

Ein camioneta fährt die Straße entlang, „Naranjas, 10 pesos“ dröhnt es scheppernd aus einem Lautsprecher. Voll Lust auf frisches Obst halten wir ihn an, erstehen für 32 Pesos eine Tüte voller Bananen, 12 Mandarinen 1 Tüte voll kleiner Avocados…
„Wollt ihr nicht vielleicht noch eine Orange?“, fragt der Fahrer, „mein Wechselgeld reicht sonst nicht…“

18.11.09

Nach einem letzten Frühstück am Feuer, Packen und kurzem Abschied, schnallen wir uns die Rucksäcke auf den Rücken und treten den Abstieg an. Bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel wandern wir durch die milpas bis wir schließlich am Fuß des Berges und an der Straße Richtung San Cristóbal ankommen.
In Oventik teilt uns die Junta mit, dass die Militärfahrzeuge wohl in keine comunidad eingedrungen sind. Wir sind erleichtert. Trotzdem zeigt es erneut die ständige Militärpräsenz in Chiapas, die momentan weiter ausgebaut wird.
Außerdem dankt man uns herzlich für unsere Arbeit als Menschenrechtsbeobachter_Innen und für die Anstrengungen, die wir dafür auf uns nehmen.
„Kein Problem. Wir freuen uns, wenn wir euch auf diese Weise unterstützen können…“
26.11.09 00:48


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